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Virtueller Impfstoff-Gipfel: EU sucht Schulterschluss mit den CEOs der Pharmakonzerne

Siebenhaar, Hans-Peter
·Lesedauer: 5 Min.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will mit den Impfstoffherstellern enger zusammenarbeiten. Helfen soll ihr ein Experte, der zuletzt für die Trump-Regierung arbeitete.

Die EU sucht im Kampf gegen die Pandemie den Schulterschluss mit den Pharmakonzernen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wird am Sonntagnachmittag die CEOs der Pharmakonzerne Astra-Zeneca, Pfizer, Moderna, Sanofi, Johnson & Johnson, Biontech und Curevac zu einem virtuellen Impfstoff-Gipfel treffen.

Ziel der Videokonferenz ist, Partnerschaften im Kampf gegen die Pandemie auszuloten, um beispielsweise auf Mutationen des Sars-CoV-2-Virus besser reagieren zu können und derzeitige Lieferschwierigkeiten zu beseitigen. Das bestätigten EU-Kreise dem Handelsblatt am Freitag. „Wir müssen eine Allianz im Kampf gegen Mutationen schmieden“, hieß es in der EU-Exekutive. Wenn man ein höheres Tempo in Europa haben wolle, müssten Behörden und Branche enger zusammenarbeiten.

„Wir brauchen diesen neuen öffentlich-privaten Ansatz für eine bessere Früherkennung, gemeinsame Entwicklung und schnellere Produktion in großem Maßstab“, sagte von der Leyen.

Eine Schlüsselrolle bei der neuen Partnerschaft zwischen der EU-Kommission und der Pharmaindustrie soll der Belgier Moncef Mohamed Slaoui spielen. „Slaoui fungiert als Scharnier zwischen der Kommission und den Unternehmen“, sagte ein hoher Kommissionsbeamter dem Handelsblatt in Brüssel. Der 61-Jährige arbeitete drei Dekaden für den Pharmariesen Glaxo-Smithkline.

Unter US-Präsident Donald Trump leitete Slaoui die Operation Warp Speed, die Entwicklung und Auslieferung des Impfstoffes gegen Covid-19. Sein Vertrag wurde vom neuen Präsidenten Joe Biden nicht verlängert.

Unterdessen wurde der im August geschlossene Vertrag zwischen der Kommission und dem britisch-schwedischen Pharmakonzern Astra-Zeneca in Teilen veröffentlicht. Wichtige Passagen des Dokuments vom August 2020 wurden allerdings unter Hinweis auf Geschäftsgeheimnisse geschwärzt. Darunter sind auch die für das erste Quartal vorgesehenen Liefermengen, um die seit Tagen ein heftiger Streit tobt.

Die EU-Kommission begrüßte gleichwohl die Bereitschaft des Unternehmens zu mehr Transparenz. Dies sei wichtig, um Vertrauen der Europäer aufzubauen und sicherzustellen, dass sie sich auf Wirksamkeit und Sicherheit der Corona-Impfstoffe in der EU verlassen könnten. Die Kommission hoffe, alle Verträge mit Impfstoffherstellern veröffentlichen zu können.

Mit der Forderung nach einer Offenlegung kommen Kommission und Astra-Zeneca einem Wunsch des Europaparlaments nach. Europaabgeordnete verschiedener Parteien fordern seit Langem die Veröffentlichung der Impfstoff-Verträge.

Bislang wurde nur der Kontrakt mit dem deutschen Pharmaunternehmen Curevac den Parlamentariern zur Einsicht vorgelegt. Für die Veröffentlichung ist die Zustimmung der Kommission und des betroffenen Unternehmens notwendig.

Wie EU-Insider am Freitag berichten, beinhaltet der Vertrag mit Astra-Zeneca die Lieferung von Impfstoffen, die in vier Fabriken hergestellt wurden. Davon befinden sich zwei in Großbritannien und jeweils eine in Belgien und in den Niederlanden. „Wir haben den Vertrag mit Astra-Zeneca nur zwei Wochen nach dem Vertragsschluss von Großbritannien geschlossen“, hieß es in Kommissionskreisen zu der Kritik, die EU-Exekutive sei zu langsam in den Verhandlungen mit dem Pharmakonzern gewesen.

Laut EU-Kreisen seien auch genaue Liefermengen beispielsweise für das erste Quartal festgelegt worden. Statt der ursprünglich 80 Millionen Impfdosen will Astra-Zeneca aber nur 31 Millionen Dosen im ersten Quartal liefern.

Astra-Zeneca-CEO Pascal Soriot sagte in einem Interview mit europäischen Zeitungen, sein Unternehmen habe eine Best-Effort-Lösung vereinbart. Sprich: Somit sei keine feste Menge vertraglich vereinbart, aber „wir haben unseren Best Effort zugesagt, dass wir uns im besten Sinne bemühen“.

Scharfe Kritik an Astra-Zeneca aus dem Europaparlament

Aus dem Europaparlament kommt weiter scharfe Kritik an Astra-Zeneca angesichts der Lieferschwierigkeiten. „Um ehrlich zu sein: Wenn ein Unternehmen die europäischen Bürger als Menschen zweiter Klasse behandelt, hat das ernste Konsequenzen für die langfristige Zusammenarbeit der EU mit diesem Unternehmen, aber auch für die wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens. Den Investoren wird es nicht gefallen, dass auf dem größten Markt der Welt jeder mit einem Unternehmen im Clinch liegt“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der EVP-Fraktion, Peter Liese (CDU).

Am Freitag stellt die EU-Kommission vor, wie sie verhindern will, dass aus Produktionsanlagen in der EU ohne staatliches Wissen Impfstoffe in alle Welt verkauft werden. Die Kommission will künftig von den Pharmaunternehmen genau wissen, wie viel Impfstoff sie wo produzieren und wohin er exportiert werden soll.

Die Daten sollen die nationalen Behörden in den Mitgliedsländern erfassen und nach Brüssel übermitteln. Die Vorschläge der Kommission müssen allerdings noch die Zustimmung des Europaparlaments und der Mitgliedstaaten finden.

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Der sogenannte Transparenz-Mechanismus ist eine Reaktion auf den Streit mit dem Pharmakonzern Astra-Zeneca. Denn das britisch-schwedische Unternehmen wird von den bestellten Impfstoffen zunächst nur 40 Prozent liefern. In Brüssel wird vermutet, dass Astra-Zeneca das Vakzin außerhalb der EU verkauft.

Die EU-Arzneimittelbehörde Ema entscheidet heute über die Bedingungen für eine bedingte Marktzulassung des Vakzins von Astra-Zeneca. Die Entscheidung soll voraussichtlich am Freitagnachmittag verkündet werden. „Der Impfstoff von Astra-Zeneca hat zwar nicht so gute Daten wie die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna, aber es ist trotzdem ein guter Impfstoff. Im Oktober wären wir froh gewesen, wenn wir einen Impfstoff gehabt hätten, der einen Wirkungsgrad von weit über 50 Prozent hat“, sagte der EU-Gesundheitspolitiker und Arzt Liese. „Es ist wie im Fußball: Wenn Moderna und Biontech/Pfizer im Finale der Champions League stehen, heißt das nicht, dass Barcelona oder RB Leipzig schlechte Fußballmannschaften sind. Sie sind nur nicht die Nummer eins.“

Als neuer Hoffnungsträger in Brüssel gilt unterdessen der Impfstoff des amerikanischen Pharmakonzerns Johnson & Johnson. Er soll bereits in den nächsten Tagen seine Daten veröffentlichen. „Wenn die Daten gut sind, und ich habe keinen Grund zu glauben, dass sie es nicht sind, haben wir einen vierten Impfstoff, und der Vorteil ist, dass er nur einmal verabreicht werden muss“, sagte Liese. Die EU hat 200 Millionen Dosen bestellt und kann weitere 200 Millionen Dosen nachbestellen.

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