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Vier Menschen berichten, wie es ist, aus Versehen jemanden getötet zu haben

·Lesedauer: 11 Min.

An dem Morgen, an dem Melissa Mannion einen Menschen tötete, war es draußen noch dunkel. Sie musste an diesem Tag im Januar 2021 besonders früh zur Arbeit und fuhr auf denselben kalifornischen Straßen, die sie seit fast 15 Jahren jeden Tag befahren hatte.

Ein scheinbar unbedeutender Moment hat sich im Nachhinein in ihr Gedächtnis eingebrannt: die im letzten Moment getroffene Entscheidung, an einer gelben Ampel anzuhalten, anstatt zu schnell weiter zu fahren. "Man fühlt sich gut, wenn man so eine Entscheidung trifft", sagt sie. Aber hätte Mannion die gelbe Ampel überfahren, wäre sie ein paar Momente früher auf die Autobahnauffahrt zugefahren. Sie hätte es rechtzeitig zur Arbeit geschafft und mit ihren Kollegen zu Mittag gegessen. Sie hätte in der folgenden Nacht gut geschlafen.

Aber Mannion hielt an. Und als sie Minuten später die Autobahnauffahrt erreichte, glaubte sie, etwas gesehen zu haben. "Aber schlimmer noch, ich habe etwas gespürt", sagte sie Business Insider. "Ich habe den Aufprall gespürt." Später sollte sie erfahren, dass eine Frau über die Auffahrt gelaufen war – genau in dem Moment, als Mannion auf die Autobahn auffuhr.

Die unmittelbare Zeit danach ist verschwommen in Mannions Gedächtnis. Sie rief den Notruf. Ein Autobahnpolizist führte Wiederbelebungsmaßnahmen durch. Die Polizei befragte Mannion. Sie flehte die Polizisten an, die Frau zu beatmen oder ihr das Mobiltelefon abzunehmen. "Ich wollte sichergehen, dass sie verstehen, dass ich aufmerksam war", sagte sie unter Tränen.

Aber nach der Befragung wurde ihr nur gesagt, dass sie nun nach Hause gehen könne. "Das habe ich nicht verstanden", sagte sie. "Ich dachte: Ich könnte jetzt buchstäblich in den Laden gehen oder ins Kino, und niemand würde wissen, was passiert ist. Ich habe gerade einen Menschen getötet, und niemand würde es erfahren."

Täter aus Versehen sind oft unsichtbar

Mannion hat aus Versehen einen Menschen getötet, im US-Amerikanischen auch "CADI" (caused accidental death or injury) genannt: ein Begriff, der eine Person beschreibt, die versehentlich einen Tod oder eine Verletzung verursacht hat.

Es gibt nur wenige Forschungsergebnisse zu diesem Thema und nur wenig Hilfe für diejenigen, die plötzlich ungewollt zu dieser Gruppe Menschen gehören. Es scheint keine Selbsthilfebücher für Unfalltäter zu geben, und Datenbanken in den USA erfassen nur Unfalltote – nicht aber die Personen, die sie verursacht haben.

Das Thema bleibt tabu, und die Betroffenen – darunter Ärzte, die sich bei der Dosierung vertan haben, oder Veteranen, die versehentlich auf einen Zivilisten geschossen haben – finden sich oft einer einzigartigen Kombination aus Trauer, Trauma und Angst wieder.

Die meisten Täter aus Versehen "schweigen, verzehrt von Scham und der Sorge, dass die Blutschuld, die wir auf uns geladen haben, irgendwie fällig wird". Das schrieb David Peters, ein Veteran und Seelsorger, der im Alter von 19 Jahren einen Motorradfahrer bei einem Unfall tötete, 2018 im "Guardian".

Nun brachte die Schießerei am Film-Set von "Rust", bei der der Schauspieler Alec Baldwin die Kamerafrau Halyna Hutchins mit einer Waffe, die als Requisite verwendet wurde, tödlich verletzte, das Thema wieder auf die Agenda. Und wohl auch zurück in die Gedanken so mancher CADIs.

"Als ich die Nachricht von dem Vorfall sah, tat mir das im Herzen weh – nicht nur für [Hutchins], sondern auch für Alec Baldwin, denn ich dachte: 'Ich weiß genau, wie er sich fühlt'", sagte Mannion.

Der Schauspieler Alec Baldwin feuerte am 21. Oktober am Set von "Rust" eine Waffe ab und tötete Kamerafrau Halyna Hutchins.
Der Schauspieler Alec Baldwin feuerte am 21. Oktober am Set von "Rust" eine Waffe ab und tötete Kamerafrau Halyna Hutchins.

Wir sprachen mit drei anderen Menschen, die aus Versehen zu Tätern geworden waren, darüber, wie die Unfälle ihr Leben verändert haben und wie sie gelernt haben, mit dem Ereignis umzugehen.

Ein verlorenes Leben nach einer Entscheidung zu sparen

"Für Unfalltäter vergeht kein Tag, an dem wir nicht an das Leben denken, das wir genommen haben", sagte Chris Yaw. Das Leben des Pfarrers aus Michigan wurde vor acht Jahren für immer verändert.

Als er ein Haus renovierte, beschloss Yaw, ein Garagentor einbauen zu lassen, von dem er heute glaubt, dass es illegal gewesen sei. Als die Firma kam, um es einzubauen, unterschrieb Yaw eine Verzichtserklärung, in der er das Risiko anerkannte, dass die 360 Kilogramm schweren Eichentore ohne eine Sicherheitsvorrichtung jemanden zerquetschen könnten.

Eine solche Vorrichtung hätte aber 5000 Dollar extra gekostet, und die Familie nutzte den Garagenplatz kaum, so Yaw. Eines Tages, fünf Jahre später, kam ein Landschaftsgärtner und Freund vorbei, um eine Harke zurückzugeben. Yaw sagte, er wisse immer noch nicht, wie genau es passiert sei – aber der Mann sei schließlich unter dem Garagentor zerquetscht worden. "Wegen meines Wunsches, alles auf die billige Tour zu machen, ist er nicht mehr da", sagte Yaw.

"Ich werde die Geräusche der absoluten Trauer einer Mutter nie vergessen."

Lois Brown beendete 1983 einen Urlaub in Paris, als eine Freundin der Familie sie bat, sie und ihre kleine Tochter auf der Rückfahrt nach England im Auto mitzunehmen. Brown hatte ihren Führerschein zu diesem Zeitpunkt erst seit vier Monaten.

Fünfzehn Minuten nachdem Brown sich in Frankreich ans Steuer gesetzt hatte, wurde sie von einem Auto auf der linken Seite überholt – und erschrak. Für den Bruchteil einer Sekunde verlor Brown die Orientierung, weil sich links von ihr ein weiteres Fahrzeug befand.

Ihr Auto kam von der Straße ab, stürzte durch Bäume und landete schließlich auf einem Feld. Brown und ihre Freundin schienen jedoch unverletzt zu sein. Sie drehten sich um, um zu sehen, ob es auch der kleinen Tochter gut ging – aber das Kind war verschwunden. Die Mutter des Babys fand es dann auf dem Feld, nicht ansprechbar. "Die Mutter hielt sie im Arm und sie schrie", sagte Brown. "Ich werde die Geräusche der absoluten Trauer einer Mutter nie vergessen."

Jahrzehntelange Ablenkung vom Schmerz über den Unfalltod eines Freundes

Vor mehr als 50 Jahren war Joe ein "junger, impulsiver, dummer, normaler Junge", wie er heute selbst erzählt. Ein Junge, der in Phoenix lebte, wo keine kurvenreiche Straße in Sicht war und Jugendliche wie er häufig Drag-Rennen fuhren – eine Motorsportveranstaltung, bei der eine gerade Strecke bei stehendem Start schnellstmöglich zurückzulegen ist.

Doch eines Nachts verlor der damals 17-jährige Joe die Kontrolle über das Fahrzeug. Entweder, weil Wasser auf der Fahrbahn war oder es ein mechanisches Problems am Auto gab. Die Ursache ist bis heute ungeklärt. Er prallte gegen einen Lichtmast und verursachte einen Totalschaden an seiner Corvette, sagte er.

Ihm und dem Beifahrer, einem seiner besten Freunde, schien es auf den ersten Blick ganz gut zu gehen. "Es war nicht so schlimm, dass man hätte sagen können: 'Das hätte jemanden umbringen müssen'", sagte Joe, ein kürzlich pensionierter Pilot, der nur seinen Vornamen nennen wollte. Denn seine Frau ist die einzige Person in seinem Umfeld, die von dem Unfall weiß.

Doch im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass ein Teil des Wracks irgendwie den Darm seines Freundes durchstochen hatte. Der Freund bekam eine Blutvergiftung und starb in der Folge. "Es ist eine Sache, wenn man schuldig ist; es ist eine andere Sache, wenn man nicht sicher ist, dass man schuldig ist", sagt uns Joe.

Er trat der Navy bei, um zu entkommen, und die Ablenkung funktionierte, sagt er. Erst in den letzten Jahren hat er eine Therapie in Anspruch genommen. Er sagt, dass es zwar einen Unterschied ausgemacht habe, jemanden zu haben, der ihm zuhört, aber auch dies könne das Geschehene niemals auslöschen. "Auch nach 50 Jahren geht es nicht weg", sagt Joe. "Ich bin mir immer noch bewusst, dass Jack ein gutes Leben gehabt hätte. Aber er hatte es eben nicht, und das war meine Schuld."

CADIs erleben eine komplizierte Mischung aus Trauer und Angst

Der Schmerz eines Unfalltäters kann komplizierter sein als der Schmerz der Familie des Opfers. CADIs können gleichzeitig mit Trauma, Trauer und Angst vor dem, was ihnen passieren könnte, konfrontiert sein – und dann mit Schuldgefühlen und Scham, weil sie diese Angst empfinden. Das sagte Babita Spinelli, eine Psychotherapeutin, die mit Unfalltätern gearbeitet hat. "Andere Arten von Verlust und Trauer werden meist nicht noch von Angst ergänzt", sagte Spinelli.

Auch die Angst selbst ist kompliziert. Einerseits wollen CADIs nicht angeklagt werden oder ein Leben lang mit einem angeschlagenen Ruf kämpfen. Andererseits haben sie das Gefühl, dass sie zahlen müssten. "Manchmal haben die Leute das Gefühl: 'Ich sollte bestraft werden, ich sollte mit Verachtung behandelt werden'", sagte Spinelli. "Sie werden davon verfolgt."

Und während strafrechtliche Anklagen bei echten Unfällen selten sind, bieten Zivilklagen kaum Absolution. "Als der Unfall passierte, dachte ich nur: 'Das kann ich nicht reparieren'", sagte Mannion. "Man kann dieser Person nicht wieder Leben einhauchen".

Unfalltäter können laut Spinelli Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln, einschließlich Flashbacks und Halluzinationen, sowie andere psychische Probleme wie Angst und Depression. Einige CADIs verletzen sich selbst. Einige fürchten sich vor sich selbst. Andere wappnen sich gegen das Karma, von dem sie sicher sind, dass es zurückkommen und sie verletzen werde. Manche laufen weg: Brown zog in dem Jahr nach ihrem Unfall 13-mal um. "Es muss etwas damit zu tun gehabt haben, dass ich versucht habe, vor mir selbst wegzulaufen", sagt sie. "Aber das ist natürlich unmöglich."

Selbst Verwandte wollen nicht darüber reden

CADIs erzählten uns, dass sie sich durch die Geheimhaltung belastet fühlten. "Es gibt so viel Scham, so viel Schuld", sagte Yaw. "Wer will diese Dinge zur Sprache bringen?" Mannion sagte, dass ihre Freunde und Familienmitglieder versuchten, das Thema zu vermeiden, weil sie befürchteten, dass die Diskussion über den Absturz sie noch mehr aufregen würde. Selbst diejenigen, die ihr anfänglich Trost spendeten, zogen schnell weiter und ließen Mannion mit ihrer Scham allein, sagte sie. "Obwohl ich immer noch sehr traurig war, hörte ich einfach auf, mit anderen darüber zu sprechen, denn es war fast so, als ob es eine noch größere Last wäre", sagte sie.

Auch Brown fand zunächst Unterstützung in einer Gruppe junger Christen. Doch nach einigen Monaten wurde ihr klar, dass ihre Freunde unmöglich begreifen konnten, wie tief der Unfall sie getroffen hatte. "Sie fühlten sich wahrscheinlich hilflos, und ich weiß, dass meine Situation ihr jugendliches Gefühl der Unbesiegbarkeit durcheinander gebracht haben muss", sagte sie. Brown hatte das Gefühl, dass ihre Freunde ihre andauernde Trauer ablehnten, weil sie glaubten, sie sei Ausdruck von Selbstmitleid und mangelndem Glauben. "Ich glaube, es ist ein Tabu. Denn wenn die Leute es ehrlich betrachteten", sagte sie, "würden sie erkennen, wie leicht sie selbst in dieser Lage sein könnten, und daran wollen sie nicht denken."

CADIs haben eine Gemeinschaft auf einer Website gefunden

CADIs erzählten uns, dass Accidental Impacts, eine US-Website, die von einer Frau namens Maryann Gray ins Leben gerufen wurde, eine große Hilfe war, um ihnen Raum zur Linderung zu geben. Gray war selbst betroffen: Sie war auf einer Landstraße unterwegs, als ein Kind auf die Straße lief. Sie wich aus, bremste und geriet ins Schleudern – aber es war zu spät.

Nach seinem Unfall begann Yaw, über Unfallopfer zu recherchieren und stieß dabei auf einen Artikel im "New Yorker", in dem Grays Geschichte geschildert wurde. Er ermutigte sie, gemeinsam mit ihm eine Stiftung zu gründen. Jetzt veranstaltet ihre gemeinnützige Organisation regelmäßig Zoom-Treffen, bei denen Menschen aus aller Welt ihren Schmerz mit Menschen teilen können, die wissen, wie sie sich fühlen. Accidental Impacts "war die einzige Gemeinschaft, von der ich das Gefühl hatte, dass sie keine geheimen Gedanken oder Meinungen über mich hatte", so Mannion.

Brown fand die Organisation dank eines Freundes. Es war das erste Mal seit 38 Jahren, dass ich jemanden traf, der eine ähnliche Erfahrung wie ich gemacht hatte", sagte sie. "Es war tröstlich, Gleichgesinnte zu treffen, von denen man wusste, dass sie den eigenen Kummer verstehen, ohne dass man ihn erklären muss. Das ist das Einzige, was für mich einen großen Unterschied gemacht hat", fügte sie hinzu.

Seelsorge und Maßnahmen können helfen

Mit einem Therapeuten über das Erlebnis zu sprechen, kann für Unfallopfer entscheidend sein, um sich dem Trauma des Geschehens zu stellen, einen gesunden Umgang mit der Trauer zu lernen und das Erlebnis von der eigenen Identität zu trennen. "Sie haben große Angst, dass sie keine guten Menschen sind. Sie denken oft, 'Ich bin schlecht'", sagte Spinelli. "Das Ziel ist zu denken: Du bist nicht schlecht – was passiert ist, war schlecht."

Manchmal brauchen Menschen mehr als eine Gesprächstherapie. Andere Therapien wie die Hypnotherapie, Gruppentherapien und Medikamente können ebenfalls hilfreiche Behandlungen für die häufig auftretende posttraumatische Belastungsstörung sein, so Spinelli.

Auch können Maßnahmen hilfreich sein, die Unfallmördern das Gefühl geben, anderen etwas Gutes zu tun, sagte sie. Yaw schreibt derzeit etwa einen "Überlebensleitfaden für Unfalltäter". Brown gründet eine Selbsthilfegruppe in ihrer Heimatstadt Liverpool. Und Mannion und Joe haben ihre Geschichten mit Business Insider geteilt – in der Hoffnung, dass andere ermutigt werden, die Hilfe zu suchen, die sie brauchen.

"Es ist immer noch schwierig, den Spagat zwischen Selbstschutz und dem Wunsch, anderen Menschen zu helfen, zu schaffen", sagte Mannion. "Aber wenn es eine Möglichkeit gibt, dass jemand das hier lesen kann … nun, vielleicht suchen sie dann Hilfe."

Dieser Text wurde von Mascha Wolf aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.

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