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Vier mögliche Gründe für den starken Anstieg der Renditen bei Anleihen

Wiebe, Frank
·Lesedauer: 3 Min.

Der Renditezuwachs am Markt für US-Staatsanleihen greift auch auf deutsche Bonds über. Die Entwicklung beschäftigt Investoren und Ökonomen.

Lange Zeit schienen die Anleiherenditen wie festgenagelt nahe der Nulllinie zu verharren. Aber seit Jahresanfang kommt Bewegung in den Markt – mit einer ersten Welle im Januar und einem zweiten Anstieg seit rund einer Woche.

Die US-Staatsanleihe mit zehn Jahren Laufzeit bringt inzwischen wieder rund 1,3 Prozent Rendite. Bei der zehnjährigen Bundesanleihe liegt dieser Wert zwischen minus 0,4 und 0,3 Prozent und damit ebenfalls höher. Die Rendite der 30-jährigen deutschen Staatsanleihen ist gerade wieder knapp über null gestiegen.

Der Impuls für diese Entwicklung kommt aus den USA. Obwohl eine Rendite von 1,3 Prozent für US-Bonds im langjährigen Vergleich immer noch wenig ist, beschäftigt der Anstieg Investoren und Ökonomen. Es gibt vier mögliche Erklärungen für die höheren Renditen und die spiegelbildlich fallenden Anleihekurse.

1. Wachsendes Angebot

Weil die US-Regierung ein riesiges Konjunkturpaket von 1,9 Billionen Dollar plant, wird das Angebot an Staatsanleihen sich erhöhen, die Nachfrage aber nicht mitwachsen. Diese Nachfragelücke führt zu einer Kursschwäche, die der Markt schon vorwegnimmt, und damit umgekehrt zu einer höheren Rendite.

2. Inflationssorgen

Die zweite Erklärung: Die Anleger fürchten, dass dieses Konjunkturpaket zu einer Überhitzung der Konjunktur führt und somit zu einem Anstieg der Inflation. Dieses Thema wird gerade lebhaft von prominenten US-Ökonomen diskutiert.

Matthew Luzzetti, US-Chefökonom der Deutschen Bank, analysiert in einer neuen Studie, dass es entscheidend darauf ankommt, ob das Paket mehr bewirkt, als nur die Unterauslastung der US-Wirtschaft zu beheben. Er hält es für wahrscheinlich, dass es nicht zu einer Überhitzung kommt und daher die Inflation auch nicht sonderlich stark anziehen wird. Das ist sein Basisszenario.

Luzzetti räumt aber ein, dass Bidens „going big“ das Inflationsrisiko erhöht, also auch ein anderes Szenario eintreten könnte. Das gelte vor allem für den Fall, dass eine stärkere Nachfrage nach dem Abklingen der Corona-Pandemie auf ein verringertes Angebot stößt, weil zum Beispiel Unternehmen ihr Geschäft aufgegeben haben.

3. Risikoneigung

Die dritte Erklärung besagt, dass die Investoren einfach wieder mehr Mut zum Risiko haben und deswegen lieber Aktien als Anleihen kaufen. Auch das führt zu niedrigeren Kursen und höheren Renditen.

4. Geldpolitische Erwartungen

Diese Theorie besagt, dass die Märkte einen Rückzug der US-Notenbank Fed aus ihrem Programm zu Anleihekäufen vorwegnehmen. Zurzeit kauft die Fed monatlich netto insgesamt Wertpapiere für 120 Milliarden Dollar. Ein mögliches „Tapering“, also eine Verringerung der Käufe, war schon beim ersten Renditeanstieg im Januar ein Thema. Dabei wurden Erinnerungen an 2013 wach, als der damalige Fed-Chef Ben Bernanke mit einer unvorsichtigen Bemerkung einen starken Renditeanstieg ausgelöst hatte.

Der aktuelle Notenbankpräsident Jerome Powell hat seit Januar klargemacht, dass er die expansive Geldpolitik nicht schnell zurückfahren will. Damit könnte er allerdings in ein Dilemma geraten. Denn wenn er eine weiche Linie verfolgt, steigen die Inflationssorgen. Schwenkt er dagegen auf eine härtere Linie um, wird das Thema „Tapering“ wieder aktuell. In beiden Fällen könnten die langfristigen Renditen wieder anziehen – jedenfalls nominell, also vor Abzug der Inflation.

Eine Möglichkeit, sich aus dieser Situation zu befreien, wäre, dass die Fed relativ deutlich sagt, welche langfristigen Renditen sie gern sehen möchte. Das dürfte die Märkte in die gewünschte Richtung bewegen, weil sie am Ende doch daran glauben, dass die Notenbank sich durchsetzen wird. Diese Feinsteuerung der langfristigen Renditen ist auch als „Yield Curve Control (YCC)“ bekannt. Sie wird bisher vor allem von der japanischen Notenbank betrieben.