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Vier junge Menschen erzählen, wie viel Geld sie momentan zum Leben haben und wie sie mit der Krise umgehen

Laut Mikrozensus sind Menschen zwischen 18 und 25 Jahren am stärksten von Armut betroffen. - Copyright: Unsplash / minusculemarie
Laut Mikrozensus sind Menschen zwischen 18 und 25 Jahren am stärksten von Armut betroffen. - Copyright: Unsplash / minusculemarie

Nach zwei Jahren Corona-Pandemie sollte das gesellschaftliche Leben zu Beginn dieses Jahres eigentlich wieder richtig losgehen. Insbesondere junge Menschen, darunter Auszubildende und Studierende, haben sich nach all den Unsicherheiten der vergangenen Jahre darauf gefreut, Zukunftspläne zu machen, sich beruflich zu verwirklichen, Geld zu verdienen und die Welt zu bereisen. Noch einmal das Leben genießen. Wer weiß, wann die nächste Krise kommt?

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat Deutschland in eine tiefe Energiekrise gestürzt, die die Inflation in die Höhe treibt. Das Leben ist hierzulande teurer geworden. Viel teurer. Und die gestiegenen Preise treffen insbesondere diejenigen, die schon unter der Corona-Pandemie gelitten haben. Junge Menschen ohne gesichertes Einkommen.

Was macht diese Krise mit dem Leben junger Menschen? Business Insider hat mit drei Studierenden und einer Auszubildenden über ihre Erfahrungen gesprochen.

Jonas, 21, Medien- und Wirtschaftspsychologiestudent in Berlin

"Wegen der Energiekrise hat unser Vermieter den monatlichen Gas-Abschlag einfach verdoppelt. Gott sei Dank wohne ich in einer WG und kann mir den Abschlag mit meinen beiden Mitbewohnerinnen teilen. Trotzdem sind das dann nochmal 30 Euro auf die 500 Euro, die ich für die Miete ausgeben muss. Ich kann mich glücklich schätzen, dass mich meine Eltern finanziell unterstützen. So bleiben mir nach Abzug der Miete noch ungefähr 500 Euro, wovon ich das meiste Geld für Lebensmittel ausgebe. Im Supermarkt fallen mir die hohen Preise nämlich ganz besonders auf.

Ich mache seit Kurzem eigentlich keinen wöchentlichen Großeinkauf mehr, sondern kaufe ein bisschen jeden Tag. Zum einen, um keinen Schock zu bekommen und auch, damit ich nichts wegschmeißen muss. Das kann ich mir im Moment wirklich nicht leisten. Und im Supermarkt achte ich darauf, keine teuren Markenprodukte mehr zu kaufen. Auf Fleisch versuche ich möglichst komplett zu verzichten – das kostet einfach zu viel.

Ins Café zu gehen, ist im Moment auch kaum noch drin. Meistens nehme ich mir was mit. Auch in der Uni kaufe ich mir selten was zu essen. Lieber koche ich zuhause und spare mir das Geld in der Mensa. Wenn wenig Geld da ist, muss man eben kreativ werden. Schade ist allerdings, dass ich nicht mehr so oft ins Kino gehen kann. Früher habe ich das viel öfter gemacht, aber jetzt muss ich sparen, wo es geht.

Ich bin erst 21, eigentlich noch zu jung, um Zukunftsängste zu haben. Aber ich denke in letzter Zeit schon öfter daran, wie ich irgendwie sicherstellen kann, dass ich nach meinem Studium ein gesichertes Einkommen und damit auch eine gute Rente bekomme. Der Druck finanziell abgesichert zu sein, ist jetzt viel höher, als noch vergangenes Jahr. Würde das Leben nicht immer teurer, dann könnte ich mir im Moment wohl weniger Sorgen um einen Job machen und mir noch mehr Zeit geben, verschiedene Dinge auszuprobieren. Nach den anstrengenden Pandemiejahren hatte ich mir eigentlich mehr Freiheit gewünscht. Doch die Energiekrise belastet junge Menschen wie mich. Von der Regierung würde ich mir wünschen, dass sie unsere Sorgen ernst nimmt und uns finanziell entlastet."

Wie Jonas geht es vielen jungen Menschen. Die Inflation ist spürbar im Alltag angekommen. Der Eindruck entsteht jedoch, dass diese Krise noch kein Grund zur Verzweiflung ist. Offenbar hat sich die junge Generation daran gewöhnt, mit Krisen umzugehen und ihre Lebenssituation anzupassen. Die meisten scheinen nicht meckern zu wollen, nehmen die hohen Preise so hin und sparen eben, wo sie können. Und die Rente? Die ist für viele vielleicht einfach zu weit weg, um sich ernsthaft Sorgen darum zu machen.

Trotzdem: Viele Studierende und Auszubildende denken nicht mehr so unbeschwert an ihre Zukunft, die eigentlich alle Türen für sie offen halten sollte, wie vielleicht noch vor ein paar Jahren. So geht es auch der 26-jährigen Sophia, die sich nach ihrem Dolmetscherstudium vor zwei Jahren nochmal umorientiert hat und jetzt eine Ausbildung zur Physiotherapeutin in Leipzig macht. Hätte sie gewusst, wie teuer das Leben noch wird, hätte sie vielleicht einen anderen Weg gewählt und direkt einen Job angefangen. Denn als Auszubildende verdient sie während ihrer dreijährigen Ausbildung gar nichts.

Sophia, 26, angehende Physiotherapeutin in Leipzig

„Ich arbeite pro Woche 40 Stunden in einem körperlich sehr anstrengenden Job. Das Programm kann ich nur machen, weil mich meine Eltern noch finanziell unterstützen. Für meine kleine Ein-Zimmer-Wohnung zahle ich ungefähr 400 Euro. Dann bleiben für den Rest, also Lebensmittel oder Kleidung, noch ungefähr 300 Euro übrig. Ich koche immer zuhause, weil es günstiger ist. Um feiern zu gehen oder Party zu machen, reicht das Geld eigentlich nur selten, aber dafür ist neben meiner Arbeit eigentlich sowieso kaum Zeit oder Energie.

Vor Beginn meiner Ausbildung wusste ich schon, dass ich als Physiotherapeutin nie reich werden würde. Aber ich habe mir schon vorgestellt, mir vielleicht irgendwann eine etwas größere Wohnung mit Balkon leisten zu können. Sogar eine Vier-Tage-Woche hat in meiner Vorstellung existiert. Der Gedanke kommt mir angesichts der aktuellen Lage etwas verrückt vor. Die Tendenz ist im Moment eher, dass wir alle bald noch mehr arbeiten müssen. Ich sehe ja im Krankenhaus, dass es an allen Ecken und Enden an Leuten fehlt. Ich frage mich, wer das ausgleichen soll? Eigentlich erwarte ich von der Regierung, dass sie uns stärker entlastet. Ich möchte nicht bis zum Ende meines Lebens arbeiten und mir nicht mal eine eigene Wohnung, geschweige denn einen kleinen Garten leisten können. Mein Berufsleben hat nicht mal richtig angefangen und ich habe jetzt schon Angst davor, dass ich bis zur Rente mit Geldsorgen leben muss.

Und das ist nicht das einzige Problem. Es wird jedes Jahr heißer, der Klimawandel ist in vollem Gange und es passiert zu wenig. Auch deswegen fällt es mir schwer, im Moment richtige Zukunftspläne zu machen. Obwohl das ein Widerspruch ist, gibt es in mir dann gleichzeitig diese Stimme, die sagt: 'Fuck it', noch einmal bis ans andere Ende der Erde reisen – mit dem Flugzeug. Wer weiß, vielleicht werde ich manche Orte bald gar nicht mehr sehen können. Weil sie dann längst verbrannt sind oder so. Ja, vielleicht ist das eine sehr düstere Zukunftsperspektive, aber wenn ich mir die Prognosen so anschaue, ist dieses Szenario sehr wahrscheinlich."

Iheb, 25, Student der Elektrotechnik in Berlin

"Ich bin aus Tunesien nach Deutschland gekommen, um mir hier ein Leben aufzubauen und um mich hier beruflich zu verwirklichen. Ich arbeite neben dem Studium 20 Stunden als Werkstudent und verdiene eigentlich genug, um für Lebensmittel und Miete zu bezahlen. Allerdings wurden die Mieten in unserem Studentenwohnheim vor einem Monat um fast 100 Euro erhöht – wegen der gestiegenen Gaspreise. Ich zahle jetzt also fast 500 Euro Miete pro Monat. Wenn die Preise nochmal erhöht werden, dann könnte es finanziell sehr eng werden. Zwar bekomme ich von meinem Arbeitgeber ungefähr zwei Euro mehr pro Stunde, ich habe aber das Gefühl, dass die Inflation das Geld sofort wieder auffrisst.

Ich hatte mich nach den vergangenen Pandemiejahren eigentlich darauf gefreut, dieses Jahr zu verreisen. Nichts da. Die Flüge sind unbezahlbar. Außerdem muss ich die ganzen Semesterferien arbeiten, damit ich wenigstens noch ein bisschen Geld zur Seite legen kann. Ich würde mir wünschen, dass sich die Politik dafür einsetzt, dass sich junge Menschen auf ihre Ausbildung konzentrieren können, anstatt irgendwie zu versuchen, zwischen den Prüfungen und Vorlesungen nebenbei noch 20 Stunden zu arbeiten."

Antonia, 25, Jura-Studentin in Münster

Antonia ist wie Iheb 25 Jahre alt und studiert seit fünf Jahren in Münster Jura. Die meiste Zeit ihres Studiums war sie auf Bafög angewiesen. Nebenbei hat sie diverse Minijobs gemacht, um sich noch etwas dazuzuverdienen. Ein Jurastudium kostet viel Geld. Geld, das Antonia nicht nur für Miete und Lebensmittel ausgibt, sondern auch für Gesetzestexte, Lehrbücher oder Nachhilfe. Nicht zu vergessen, das Tutorium zur Vorbereitung auf das Staatsexamen, das sie vor zwei Monaten abgeschlossen hat. Und die Gaskrise erschwert die sowieso schon angespannte finanzielle Lage.

"Vor einem Monat kam meine Gas-Nachzahlung: 314 Euro. Noch dazu zahle ich einen höheren Strom- und Gasabschlag von 35 Euro pro Monat. Ich kann froh sein, dass ich in Münster noch eine Ein-Zimmerwohnung für 460 Euro gefunden habe, sodass die 35 Euro obendrauf für mich noch zu stemmen sind. Ich mache mir aber schon Sorgen, dass sich der monatliche Abschlag nochmal erhöht. Dann würde ich zwar nicht pleitegehen, aber ich hatte mir zum Ende meines Jurastudiums eigentlich schon vorgestellt, mal mehr Geld neben der Miete zur Verfügung zu haben als 500 Euro pro Monat, damit ich auch mal für größere Ausgaben sparen kann. Den Urlaub habe ich wegen der Gas-Nachzahlung für dieses Jahr auch erstmal abgesagt.

Im Gegensatz zu anderen Studierenden bin ich aber noch privilegiert. Im Oktober fängt mein Referendariat an und dann habe ich erstmal regelmäßiges Einkommen und muss nichts für die Krankenkasse zahlen. Das entlastet mich ein bisschen. Bevor die Preise so in die Höhe geschossen sind, hatte ich überlegt vielleicht erst im Dezember mein Referendariat zu beginnen und nach all den stressigen Examensprüfungen für zwei Monate zu reisen. Aber jetzt denke ich, lieber so schnell wie möglich anfangen zu arbeiten. Das habe ich mir zu Beginn meines Studiums auch anders vorgestellt.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Regierung versucht, generalisierte finanzielle Hilfen wie ein Pflaster auf das Problem zu kleben. Viel besser fände ich es, wenn wirklich im Einzelfall entschieden würde, wie viel Unterstützung jemand braucht. Was die Rente angeht, mache ich mir noch keine so großen Sorgen. Ich bin mit dem Hier und Jetzt beschäftigt und möchte gerade einfach nur ohne Stress über die Runden kommen."