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Viele Warnsignale an den Aktienmärkten – Anleger sollten mit Käufen abwarten

Die Rally am deutschen Aktienmarkt könnte noch ein paar Tage, vielleicht sogar ein oder zwei Wochen weitergehen. Doch ein Ende der Kursgewinne ist in Sicht.

Händler sitzen im Saal der Börse an ihren Monitoren. Laut Anlegerstimmung dürften die Kurse am deutschen Aktienmarkt bald wieder fallen. Foto: dpa

Seit fast sieben Wochen kennt der deutsche Leitindex nur die Richtung aufwärts. Doch nach einem zwischenzeitlichen Plus von mehr als zwölf Prozent ist offenbar das Ende der Gewinne in Sicht. „Es mehren sich die Warnsignale“, meint Stephan Heibel nach Auswertung der wöchentlichen Handelsblattumfrage Dax-Sentiment unter mehr als 3500 Anlegern. „Überhitzung wird an verschiedenen Stellen sichtbar“.

Sein Rat für Anleger: Wer noch nicht investiert ist, der sollte nicht jetzt überhastet den Kursen hinterherlaufen, sondern eher noch ein wenig warten.

Zwar könne die Rally noch ein paar Tage, vielleicht sogar ein bis zwei Wochen weitergehen. Doch nach diesen mehrwöchigen Kursgewinnen stehe der Dax einem zumindest zwischenzeitlichen Ende dieser Bewegung näher als einer Fortsetzung.

Wichtigster Indikator für diese Meinung ist der Fünf-Wochen-Durchschnitt des Sentiments, das stets sehr gut einen „überhitzten“ Dax anzeigt. Ein interessanter Aspekt: Bei dem Wert wurden für diese Handelswoche extreme Werte erreicht, obwohl die kurzfristige, wöchentliche Anlegerstimmung bereits wieder gesunken ist.

„Ein paar Tage noch, dann kann eine negative Meldung, beispielsweise ein negativer Kommentar Donald Trumps über den Verlauf der Verhandlungen mit China, zu einem deutlicheren Rücksetzer am Aktienmarkt führen“, sagt der Inhaber des Analysehauses Animusx.

Ein Blick in die Vergangenheit des Dax-Sentiments zeigt: Immer dann, wenn der fünfwöchige Durchschnitt einen solch hohen Extremwert erreicht hat, folgten fallende Kurse (siehe Grafik).

Den höchsten „Überhitzungswert“ erreichte der fünfwöchige Sentimentdurchschnitt Anfang November 2017. Damals notierte der Dax mit 13.464 Zählern nahe seines bisherigen Rekordhochs. Zwei Wochen später lag er 600 Punkte tiefer, um anschließend im Januar 2018 mit 13.596 Zählern das Allzeithoch zu erreichen.

Der zweite Grund für die neue Einschätzung: In den vergangenen Wochen waren die Anleger noch pessimistisch eingestellt. Das war unter anderem ablesbar am Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart. Die dort handelnden Privatanleger hatten viele Short-Hebelprodukte gekauft, die bei fallenden Kursen an Wert gewinnen. Entweder, um auf fallende Kurse zu spekulieren oder sich vor Kursverlusten abzusichern. Dieses Bild hat sich geändert, die Anleger sind wieder neutral positioniert.

Institutionelle Anleger sind sogar noch aggressiver: Mit deutlichen Call-Positionen versuchen die Profis nun, die verpasste Performance der vergangenen Wochen aufzuholen. Es wird also mehr riskiert, zeigt das Put/Call-Verhältnis der Frankfurter Terminbörse Eurex an.

Aus Stimmungsumfragen wie dem wöchentlichen Handelsblatt Dax-Sentiment lässt sich – vereinfacht gesagt – folgendes ableiten: Bei Euphorie haben die meisten Anleger investiert und es fehlt weitere Nachfrage, sollten die Kurse fallen. Falls extremer Pessimismus herrscht, haben die meisten Investoren bereits verkauft und es reichen wenige Käufer, um die Kurse steigen zu lassen.

Noch vor einer Woche war die Stimmungslage anders. „Ein Ausverkauf an den Märkten würde frühzeitig abgefangen werden“, sagte der Sentimentexperte am vergangenen Montag. Was auch so kam: Bei Notierungen unterhalb der Marke von 13.200 Punkten traten schnell wieder Käufer in Aktion, in der vergangenen Handelswoche legte der Dax 0,1 Prozent zu.

Heibel hatte auch vor einer Woche eine Sektor-Rotation angekündigt: Die Branchen, die in den vergangenen Wochen im Zuge von Konjunkturhoffnungen und der positiven Signale im Handelsstreit zwischen den USA und China stark angestiegen sind, dürften eine Pause einlegen, sagte er. Auf der anderen Seite dürften hingegen eine ganze Reihe von Unternehmen profitieren, die gute Quartalszahlen veröffentlicht haben, deren Aktienkurse aber nicht zulegen konnten.

Die vergangenen Handelstage zeigten: Konjunktursensible Titel wurden gemieden, während Aktien von Unternehmen in einem singulären Wachstumsmarkt anzogen. Cloud-Anbieter Bechtle (plus zwölf Prozent), IT-Dienstleister Cancom (plus fünf Prozent) und IT-Techkonzern S & T (plus neun Prozent) holten Kursgewinne gegenüber konjunktursensiblen Werten auf.

Die konjunktursensible Autobranche hingegen geriet unter Druck. Da half weder das harte Sparprogramm von Daimler-Vorstandschef Ola Källenius, noch die Ankündigung von Tesla, im Berliner Umland die nächste Gigafactory zu bauen: Daimler gab fünf Prozent ab, Leoni minus sieben Prozent und Continental minus fünf Prozent.

Ein großer Teil der Umfrageteilnehmer (zwölf Prozentpunkte) änderte seine Meinung: Vor einer Woche gingen sie noch von einer Aufwärtsbewegung im Dax aus, nun betrachten sie die aktuelle Entwicklung als Seitwärtsbewegung. „Das Sentiment ist somit aus der Euphoriezone wieder zurückgefallen, Anleger haben aber immer noch gute Laune“, schlussfolgert Heibel.

Allerdings ist die Selbstzufriedenheit gering. Das ist ein Zeichen dafür, dass viele Anleger von der aktuellen Rally nicht profitieren. Sie warten noch auf einen Einstiegszeitpunkt. Doch es ist fraglich, ob sich solch eine Möglichkeit ergeben wird. Denn bereits eine „Seitwärtskonsolidierung“ als Folge der Sektorrotation in der vergangenen Woche hat die Stimmung verschlechtert.

Gleichzeitig ist die Zukunftserwartung angestiegen: Waren die hohen Kurse vor einer Woche noch schuld an einem leichten Zukunftspessimismus, so halten sich Bullen und Bären nun wieder die Waage. Damit schwindet die Unterstützung im Falle eines leichten Rücksetzers.

Und entsprechend dieser positiven Grundhaltung möchte nun kaum noch jemand Aktien verkaufen, die Investitionsbereitschaft ist kräftig angesprungen.

US-Fondsmanager haben ihre Investitionsquote hingegen deutlich zurückgefahren (minus 20 Prozentpunkte auf 72 Prozent). Die Feierlaune aufgrund der Aussicht auf eine Teillösung im Handelsstreit weicht nun offensichtlich der Vorsicht vor einem Scheitern der Verhandlungen. Vielleicht zur rechten Zeit, denn der anhand technischer Marktdaten berechnete „Angst-und-Gier Indikator“ der US-Aktienmärkte zeigt mit 85 Prozent schon in der zweiten Woche in Folge extreme Gier an. Auch hier gilt: Vorsicht ist geboten.

Eine Börsenhändlerin schaut am Montag (07.05.2012) in der Börse in Frankfurt am Main auf ihre Monitore. Die Unsicherheit nach der Wahl in Griechenland hatte den Dax zunächst auf ein Dreimonatstief gedrückt, der Leitindex erholte sich dann allerdings etwas von seinen Verlusten im frühen Handel. Foto: Frank Rumpenhorst dpa/lhe +++(c) dpa - Bildfunk+++ Foto: dpa