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"Viele Eltern brechen nach zwei Jahren Pandemie zusammen": Die Zahl der Mütter mit Corona-Burnout steigt – und die Kliniken stoßen an ihr Limit

Am beliebtesten sind oft Kliniken, die Mutter-Kind-Kuren am Meer anbieten. - Copyright: picture alliance / Kirchner-Media/Wedel | Kirchner-Media/Wedel
Am beliebtesten sind oft Kliniken, die Mutter-Kind-Kuren am Meer anbieten. - Copyright: picture alliance / Kirchner-Media/Wedel | Kirchner-Media/Wedel

Die vergangenen zwei Pandemie-Jahre waren hart für Alissa Hitzemann, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Homeschooling für ihren damals siebenjährigen Sohn, keine Kita für ihre dreijährige Tochter – Kochen, Waschen, die Sorge um Familienmitglieder mit Vorerkrankungen und dazu ein neuer Job als selbstständige Unternehmerin. Monatelang schläft Alissa deshalb oft nur vier bis fünf Stunden am Tag. "Der psychische Druck, meinen Kindern und meinem neuen Unternehmen gerecht zu werden, nahm immer weiter zu", sagt die 35-Jährige heute. Sie sei immer ungeduldiger geworden. Vor allem, wenn die Kinder abends nicht schnell genug einschlafen wollten.

Inzwischen hat sich Lage wieder beruhigt. Alissas Kinder gehen wieder in Kindergarten und Schule, Mutter und Schwestern helfen bei der Betreuung und das neue Unternehmen für Kinderlernmaterialien läuft gut. Doch Alissa spürt die Folgen der Pandemie-Belastungen: "Ich bin so erschöpft, dass ich morgens manchmal nur aufstehe, weil ich die Kinder in die Schule und in den Kindergarten bringe", erzählt sie. Danach lege sie sich wieder hin, schlafe ein. Manchmal habe sie dann ein bis zwei Tage depressive Zustände, in denen sie nicht wisse, wie sie alles schaffen soll, erzählt sie uns. Ein Antrag für eine Mutter-Kind-Kur sei ihre Rettung gewesen.

Alissa ist nicht die einzige Mutter, die nach den vergangenen zwei Jahren nicht mehr kann: "Wir erleben derzeit eine Flutwelle an Kuranträgen von erschöpften Müttern und Vätern", erzählt Yvonne Bovermann, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerk, einer Stiftung für Mutter-Kind-Kuren und Mütterkuren. "Viele Eltern brechen nach zwei Jahren Pandemie mit Homeschooling und Kinderbetreuung psychisch und körperlich zusammen, weil sie inzwischen nicht mehr nur funktionieren müssen."

Bovermann warnt davor, dass der schlechte Zustand von Familien langfristige Folgen für das Gesundheitssystem haben könnte.

Bei den Krankenkassen lässt sich schon jetzt eine steigende Zahl an Kuranträgen erkennen

Tatsächlich steigt die Zahl der beantragten Vater- und Mutter-Kind-Kuren auch bei den Krankenkassen im Vergleich zu 2021 enorm an: Während vergangenes Jahr rund 15.600 Anträge bei der Barmer gestellt wurden und 12.100 bewilligt wurden, sind es zum 1. Juni 2022 schon über 9000 Anträge, von denen knapp über 7400 bewilligt wurden, schreibt ein Sprecher auf Anfrage von Business Insider. Damit liegt die Zahl der Anträge schon jetzt weit über der Hälfte aller Anträge aus dem vergangenen Jahr.

Ähnlich sieht es auf Anfrage auch bei der AOK aus: Bis zum April sind hier schon über 7600 Anträge auf medizinische Vorsorge und Rehabilitation für Mütter und Väter eingegangen, also pro Monat rund 1900. Im vergangenen Jahr waren es monatlich rund 50 weniger.

Vater und Tochter stehen am Flughafen vor einem Fenster
Vater und Tochter stehen am Flughafen vor einem Fenster

Wie schlimm der Zustand vieler Mütter nach der Pandemie ist, machen auch Berichte aus den Kurkliniken deutlich: "Ärztinnen beobachten, dass die Mütter deutlich erschöpfter und kränker in den Kuren ankommen als vor der Pandemie", erzählt Yvonne Bovermann vom Müttergenesungswerk. Psychisch litten viele unter Angst- und Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen. Aber auch die körperlichen Beschwerden hätten zugenommen, wie etwa Rückenschmerzen.

Dabei sind die Erklärungen für die Erschöpfung vieler Eltern zahlreich: Insbesondere Mütter hatten über die Pandemie-Zeit oft eine Mehrbelastung mit Job, Kinderbetreuung und teilweise Pflege von Angehörigen, zeigen Studienergebnisse wie vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung oder der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Und auch mental waren die Zeiten ohne Schul- und Kita-Betreuung eine Herausforderung speziell für Mütter: "Für sie wuchs das Verantwortungsgefühl für die Entwicklung des eigenen Kindes dramatisch an, weil keine Institutionen wie Kindergärten oder Schulen mehr da waren, die es mittrugen", sagt Bovermann. Jedes Schulversagen, jede Traurigkeit des Kindes, jede Depression des pubertierenden Jugendlichen habe damit besonders auf den Müttern gelastet.

Bundesweit stehen bis zu 130.000 Kurplätze bereit – doch viele Eltern müssen monatelang darauf warten

Obwohl die Belastung der Eltern bereits hinreichend durch Studien belegt ist, stehen viele Eltern und auch Kliniken vor einem großen Problem: In Deutschland gibt es zu wenige Kurplätze. "Viele Eltern müssen mehrere Monate bis zu einem Jahr warten, bis wir sie unterbringen können", erzählt Yvonne Bovermann. Das Fatale sei, dass die Mütter und Väter aber akut Hilfe bräuchten.

Zwar stellt das Müttergenesungswerk in 73 Kliniken rund 50.000 Plätze im Jahr bereit und freie Privatkliniken sogar bis zu 80.000 bundesweit. Demgegenüber stehen jedoch laut Müttergenesungswerk über zwei Millionen Haushalte, in denen Eltern nahe der Erschöpfung sind. Grundlage der Berechnung ist dabei eine vom Familienministerium beauftragte Erhebung aus dem Jahr 2021, nach der bundesweit 24 Prozent aller Mütter und 18 Prozent der Väter von Kindern unter zwölf Jahren Kurbedarf haben.

Bovermann warnt deshalb vor langfristigen Folgen von zu wenig Kurplätzen und einer großen Zahl an erschöpften Eltern: "Mit den langen Wartezeiten riskieren wir, dass die Eltern in einem deutlich größeren Ausmaß krank werden", sagt sie. Aus depressiven Phasen würden dann Depressionen, aus Erschöpfung Burnout. Für manche reiche eine Kur dann nicht mehr aus. Ohne Unterstützung wären Arbeitsausfälle vorprogrammiert.

Ohne finanzielle Unterstützung könnte einigen Kliniken die Schließung drohen

Hinzukommt: Von der ohnehin schon geringen Zahl an Kurplätzen, drohen viele aus Kostengründen wegzubrechen. Mit einem maximalen Tagessatz von 90 Euro, den die Krankenkassen pro Person und Tag zahlen, und einem Beitrag von zehn Euro Selbstbeteiligung pro Elternteil und Tag, können viele Kliniken ihre Kosten nicht mehr decken. Verantwortlich macht Bovermann dafür vor allem die steigenden Personal-, Energie- und Lebensmittelpreise, aber auch fehlende Ausgleichszahlungen der Krankenkassen. "Wir befürchten, dass viele Kliniken, besonders die mit geringeren Bettenzahlen, zumachen müssen", sagt sie. Vom Familienministerium fordert Bovermann deshalb im kommenden Jahr eine größere finanzielle Unterstützung aus dem Haushalt.

Für Mutter Alissa hat es trotz weniger Plätze mit einer Kur ab November geklappt. Dann darf sie für drei Wochen in eine Mutter-Kind-Klinik in Bayern. Als die 35-Jährige davon erzählt, bricht sie kurz in Tränen aus. Es ist zufällig genau in dem bayerischen Dorf, in dem sie einige Jahre mit ihren Großeltern gelebt hat. Ein Ort, an dem sie sich nach zwei Jahren Pandemie-Stress endlich fallen lassen könne.




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