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Viele Downloads, wenige Warnungen – das ist die Zwischenbilanz der deutschen Corona-App

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Die Regierung feiert die Corona-App als Erfolg. Die Zwischenbilanz zeigt aber auch: Viele positiv getestete Nutzer handeln egoistisch – und warnen ihre Kontakte nicht.

Fünf Sterne im App-Store – so fiele wohl die Downloadbewertung der Politiker und Topmanager aus, die am Mittwoch in Berlin ihre Zwischenbilanz der Corona-Warn-App präsentiert haben. „Eine große Erfolgsgeschichte“, sagt Kanzleramtschef Helge Braun (CDU). „Ein fester Bestandteil des Pandemiealltags in Deutschland“, ergänzt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) lobt „hervorragende Downloadzahlen“, SAP-Technologievorstand Jürgen Müller nennt die Smartphone-Anwendung „weltweit einzigartig“ bei Funktionalität und Datenschutz. Deutsche-Telekom-Chef Tim Höttges schwärmt: „Die App ist ein Rockstar.“

Tatsächlich fällt die Bilanz der deutschen Corona-Warn-App gemischter aus. Seit dem Start Mitte Juni ist die Anwendung zwar mehr als 18 Millionen Mal heruntergeladen worden – also ungefähr so häufig wie die Corona-Apps aller anderen EU-Länder zusammen. Es gibt also durchaus eine Grundlage für die positive Stimmung, mit der die Bundesregierung und die beteiligten Unternehmen SAP und Telekom vor die Presse traten.

Dennoch fällt es trotz des Download-Rekords weiterhin schwer, die Wirkung der App im Kampf gegen die Pandemie einzuschätzen. Das liegt an der Architektur der Smartphone-Anwendung, bei der auf eine zentrale Speicherung der Daten verzichtet wurde. Und es liegt daran, dass längst nicht alle Nutzer ihre Kontakte nach einem positiven Corona-Test warnen.

Gesundheitsminister Spahn nennt die App deshalb ein zusätzliches Werkzeug bei der Nachverfolgung von Infektionsketten. Sie sei „kein Allheilmittel“. Bislang hätten rund 1,2 Millionen Nutzer das Ergebnis eines Corona-Tests vom Labor direkt auf das Smartphone geschickt bekommen. Immerhin 5000 Nutzer hätten ihre Kontakte nach einer Infektion gewarnt.

„Das klingt im ersten Moment wenig“, so der Gesundheitsminister. Bei je zehn bis 20 Kontakten pro Infizierten hätten aber möglichweise „einige Zehntausende“ Nutzer der App von einem Risiko erfahren.

Viele Nutzer der Warn-App handeln egoistisch

Offenbar sind aber nicht wenige App-Nutzer vor allem daran interessiert, selbst gewarnt zu werden, statt andere zu warnen. Nur etwa die Hälfte der Nutzer, die ein positives Testergebnis erhalten, informieren darüber ihre Kontakte. Mit Blick auf womöglich steigende Infektionszahlen im Herbst und Winter rief Spahn die Bürger auf, die App nicht nur herunterzuladen, sondern auch die Warnfunktion zu nutzen.

Bei der App kommt es auf eine hohe Verbreitung an. Laut einer Studie der Universität Oxford müssten 60 Prozent der Bevölkerung die App installieren, um die Ausbreitung des Virus – im Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen – vollständig zu stoppen. Eine Wirkung zeigt sich demnach aber bereits, sobald 15 Prozent der Bevölkerung mitmachen.

Die Hürde von 15 Prozent hat die App in Deutschland schon genommen. Dass die Bundesregierung dennoch viele Aussagen zum Nutzungsverhalten und damit zur Wirksamkeit im Konjunktiv treffen muss, liegt an der dezentralen Speicherung.

Die App nutzt den Funkstandard Bluetooth Low Energy (BLE), um den Abstand zwischen verschiedenen Personen zu schätzen. Dafür funkt sie regelmäßig ihre eigene Kennung und registriert gleichzeitig die Signale anderer. Wenn sich Menschen über eine gewisse Zeit nahekommen, tauschen die Smartphones verschlüsselt ihre Kennungen aus.

Informationen über das Zusammentreffen von Nutzern – also über „digitale Handschläge“ – werden nicht zentral gespeichert, sondern auf den jeweiligen Smartphones. Auf dem Server der Betreiber liegt nur eine Liste mit den verschlüsselten Kennungen, die Teilnehmer bleiben also anonym. Kanzleramtschef Braun sagte: Der Datenschutz „ist keine Schwäche dieser App, sondern ihre ausdrückliche Stärke“.

Ab Oktober soll die App auch Symptome erfassen

Falls ein Nutzer positiv auf das Coronavirus getestet wird, kann er das freiwillig in die App eingeben – und damit die gefährdeten Kontakte warnen. Wie hoch das Risiko ist, wird anhand verschiedener Faktoren berechnet: Wie lange ist es her, dass der Nutzer einen Corona-Infizierten getroffen hat? Wie lang hat der Kontakt bestanden? Und wie nah sind sich die Personen gekommen?

Im Oktober soll eine weitere Funktion kommen, bei der Nutzer freiwillig angeben können, ob sie Symptome einer Covid-19-Erkrankung haben. Wichtige Umweltfaktoren für eine Ansteckung kann die Technik aber nicht messen, etwa ob sich Nutzer drinnen oder draußen aufhalten oder ob sie Masken tragen.

In der Anfangsphase wurden immer wieder Probleme mit der Corona-App gemeldet. So funktionierten über längere Zeit die automatischen Warn-Meldungen nicht richtig, sie waren nur beim Öffnen der App einsehbar. Eine andere Panne: Nutzer bekamen auf iPhone-Modellen mit der neuesten Betriebssystem-Version iOS 13.7 unter Umständen ein höheres Risiko angezeigt, als sie tatsächlich hatten. Und bei einer Android-Version erhielten Nutzer von der App die Aufforderung, Kontakte mit Familienmitgliedern zu vermeiden, selbst wenn kein Risiko festgestellt wurde.

SAP-Vorstandsmitglied Müller sagte, dass es an der Schnittstelle zu den Betriebssystemen von Apple und Google immer wieder „Schluckauf“ gegeben habe. Die Fehler seien aber alle schnell behoben worden.

Bei Smartphone-Anwendungen ist es keineswegs ungewöhnlich, dass sie auch nach dem Start mit Updates stetig verbessert werden. Der Austausch der Informationen über die Infektionsrisiken im Hintergrund soll jedenfalls immer funktioniert haben.

Telekom-Chef Höttges sieht die Corona-App dann auch als „absolutes Renommee-Projekt für eine Public-Private-Partnership“. Er sei „stolz“ darauf, dass in Deutschland Politik und Wirtschaft so zusammenarbeiten und einen „digitalen Leuchtturm“ schaffen können.

Wer ins Ausland reist, soll künftig ebenfalls gewarnt werden können

Bislang funktionierte die App nur im Inland. Wer diesen Sommer im Urlaub einem Corona-Infizierten begegnete, wurde nicht gewarnt. Die EU-Staaten bemühen sich aber, die sogenannte Interoperabilität der unterschiedlichen Anwendungen in den Mitgliedstaaten zu gewährleisten. Auch die europäische Schnittstelle wurde von SAP und der Deutschen Telekom entwickelt.

Nach einer Erprobungsphase in mehreren Ländern werde die technische Lösung nun bis Ende Oktober in elf europäischen Ländern zum Einsatz kommen, sagte Telekom-Chef Höttges. Darunter in Österreich, Italien, Spanien, den Niederlanden und in Polen. Anschließend sollen weitere Mitgliedstaaten folgen.

Allerdings: Der Austausch funktioniert nur bei dezentralen Lösungen, bei denen die Begegnungsdaten auf den Smartphones selbst gespeichert werden. Außen vor bleibt unter anderem Frankreich, das auf eine zentrale Lösung bei der Datenspeicherung setzt. „Das ist kurzfristig nicht lösbar für uns“, so Höttges.