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Wirbel um Video aus Tönnies-Kantine – Robert Tönnies legt im Corona-Streit nach

Das Video zeigt eine volle Kantine bei dem Großschlachter – stammt aber aus dem März. Die Zahl der Infizierten ist inzwischen auf 803 gestiegen.

Im Internet kursiert ein Video, in dem Mitarbeiter in der voll besetzten Kantine gegen Corona-Präventionsregeln verstoßen. Foto: dpa

Nach Hunderten von Corona-Fällen im Schlachtereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück ist ein Video aus der Kantine mit mutmaßlichen Verstößen gegen Corona-Präventionsregeln aufgetaucht. „Das im Netz kursierende Video ist uns im Unternehmen seit dem 28. März 2020 bekannt“, sagte ein Tönnies-Sprecher am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Am Donnerstagabend hatte das Unternehmen dem SWR zunächst bestätigt, dass das Video aus dem April stamme.

Der Sprecher stellte am Freitagmorgen klar, dass es in der Krisenkommunikation eine Panne gegeben habe. Eine Bestätigung, dass das Video von April stamme, sei falsch gewesen. Das Video müsse im März gedreht worden sei, da es seit dem Monatsende bei Tönnies bekannt sei.

Laut Tönnies hatten sich die Arbeiter damals in der Kantine nur mit Kollegen aufgehalten, mit denen sie auch in einer Abteilung zusammen gearbeitet hatten. Dieses Verhalten, das sogenannte Clustern, sei mit dem Arbeitsschutz abgestimmt gewesen.

Das Video zeigt die Mitarbeiter in einem Kantinenraum. Sie sitzen an Tischen nebeneinander und essen. Das Unternehmen erklärte dazu in der Stellungnahme, dass es in dieser Phase der Pandemie keine vermehrten Positivfälle gegeben habe.

Seitdem seien die Plätze „erheblich“ reduziert und eine Mundschutzpflicht in der Kantine eingeführt worden. „Wir waren uns bewusst, dass bei all unseren Maßnahmen wir einen Zielkonflikt zwischen der Pandemie-Prävention und der Lebensmittelversorgung haben. Dazu gehört auch eine angemessene Versorgung unserer Mitarbeiter in ihren Pausen“, erklärte Tönnies weiter.

Clemens Tönnies soll für seinen Sohn Max Platz machen

Nach letztem Stand vom Freitagabend wurden 803 Neuinfektionen registriert. Im Tönnies-Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück müssen in den nächsten Tagen noch rund 5300 Mitarbeiter getestet werden. Der Beirat von Tönnies trat am Nachmittag zu einer Krisensitzung zusammen.

Mitinhaber und Beirat Robert Tönnies ist mit seinem Onkel Clemens Tönnies, der als Mitinhaber auch Geschäftsführer ist, seit Jahren tief zerstritten. Der Neffe hatte am Mittwoch den Rücktritt von Geschäftsleitung und Beirat gefordert.

Am Freitag legte Robert Tönnies nach und zeigte sich „zutiefst erschüttert“ über das Krisenmanagement. „Ein Mitglied der Geschäftsleitung – insbesondere Du selbst! – hat sich bis heute nicht öffentlich geäußert“, schrieb er in einem Brief an seinen Onkel, der dem Handelsblatt vorliegt. Falschangaben zum Kantinenvideo hätten die Glaubwürdigkeit des Unternehmens endgültig zerstört.

Robert Tönnies verlangt die sofortige Abberufung von Stefan Gros und Andres Ruff als Geschäftsführer. Ruff war einst von ihm vorgeschlagen worden war. Stattdessen fordert er die Bestellung von Carsten Schumacher sowie Beiratsmitglied Jens-Uwe Göke als Fremdgeschäftsführer. Der Einigungsvertrag, den die zerstrittenen Inhaber 2017 geschlossen hatten, sehe vor, dass Robert Tönnies zwei Geschäftsführer der Holding bestellen dürfe.

„Clemens, Dir selbst würde ich raten, Deinen Platz für Max zu räumen“, schreibt der Neffe mit Blick auf Clemens' Sohn, der bereits in der Gruppe arbeitet. „Nur mit neuen Gesichtern können wir glaubwürdig in die Zukunft gehen“, schließt der Brandbrief.

Bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld sind mittlerweile fünf Strafanzeigen eingegangen. Darunter sei auch eine Anzeige der Bielefelder Bundestagsabgeordneten Britta Haßelmann (Grüne), sagte Oberstaatsanwalt Martin Temmen am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Zuvor hatten mehrere Medien über die Anzeigen berichtet. Ermittelt werde jetzt gegen Unbekannt wegen des Anfangsverdachts auf fahrlässige Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz.

Derweil hat der Kreis Gütersloh hatte bei der Bundeswehr um Hilfe bei einem Reihentest auf Corona-Infektionen angefragt. Bislang hatten das Rote Kreuz und die Malteser bei den Tests geholfen. Diese Organisationen stießen aber an ihre Grenzen. Die Bundeswehr soll ab Freitag Soldaten mit medizinischen Vorkenntnissen und andere für die Dokumentation schicken. Insgesamt sollen rund zwei Dutzend Soldaten helfen.

Als Reaktion auf den Corona-Massenausbruch ordnet die Stadt Osnabrück für alle in der Stadt wohnenden Beschäftigten des Unternehmens für 14 Tage Quarantäne an. Wie die Stadt am Freitag mitteilte, sei nicht auszuschließen, dass die bei Tönnies Infizierten weitere Beschäftigte angesteckt haben.

Die Quarantäne gelte sowohl für direkt bei Tönnies Beschäftigte als auch für Mitarbeiter von Subunternehmen. Das nordrhein-westfälische Rheda-Wiedenbrück ist mit dem Auto rund 70 Kilometer vom niedersächsischen Osnabrück entfernt.

Personalaustausch bis Ende Juni verboten

Bereits am Donnerstag hatte der Landkreis Osnabrück für alle Tönnies-Mitarbeiter aus Rheda-Wiedenbrück, die im Osnabrücker Land wohnen, eine vierzehntägige Quarantäne angeordnet. Außerdem sollen Beschäftigte eines Tönnies-Schlachthofs in Badbergen wöchentlich auf Corona getestet werden. Ein Personalaustausch zwischen den Schlachthöfen ist inzwischen bis zum 29. Juni verboten.

Da Tönnies den Betrieb in Badbergen vergrößern möchte und dafür auch Personal aus Rheda-Wiedenbrück einsetzen will, soll es im Anschluss für die betreffenden Mitarbeiter zunächst eine einwöchige Quarantäne und einen Corona-Test geben, bevor sie in Badbergen arbeiten dürfen. Die Kreisverwaltung sucht nun auch Dienstleister aus dem Osnabrücker Raum, die bei Tönnies in Rheda arbeiten.

Der Landkreis kündigte zudem an, die Wohnverhältnisse von Werkvertragsarbeitern erneut zu überprüfen. Unternehmen seien verpflichtet, während der Pandemie die Mitarbeiter möglichst in Einzelzimmern unterzubringen. Bei Verstößen werde der Landkreis entsprechende Unterkünfte auch schließen.