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Eine Verneigung vor dem Kapitalismus wäre jetzt angebracht

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Kapitalismuskritiker werfen Pharmakonzernen oft Profitgier auf Kosten Armer und Kranker vor. Doch die Impfstoffentwicklung in der Coronapandemie zeigt auch: Innovationskraft ist kein Zufall, sondern eine Systemfrage.

Karl-Heinz Paqué ist Vorstandsvorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und Professor für Volkswirtschaftslehre. Er twittert unter @KH_Paqué.

Der Kapitalismus genießt in Deutschland einen ganz schlechten Ruf. Seit den Zeiten von Karl Marx hat sich daran wenig geändert. Waren es früher die Ausbeutung und Entfremdung der Arbeiter, die ihm zugeschrieben wurden, so ist es heute vor allem die ungerechte Verteilung von Einkommen und Lebenschancen, die man ihm ankreidet.

Besonders schlecht schneidet dabei im Urteil der Zeitgenossen regelmäßig die pharmazeutische Industrie ab. Sie gilt als eine radikal globalisierte Branche, die von einigen Großkonzernen beherrscht wird; diese machen riesige Profite mit Medikamenten auf Märkten, die sie durch geschickte unternehmerische Forschungs-, Patent-, Lizenz- und Preispolitik monopolistisch abschirmen – zum Nachteil von Patienten in ärmeren Ländern der Welt, die sich die Präparate nicht leisten können.

Solche Vorwürfe mögen ihre Berechtigung haben. Ihre Kehrseite ist allerdings die außerordentliche Innovationskraft der Branche, die derzeit zu besichtigen ist: im Wettrennen um einen Impfstoff gegen Covid-19. Es ist erst neun Monate her, dass weltweit klar wurde: Wir alle stehen am Anfang einer gefährlichen Pandemie. Es fiel damals im März 2020 eine Art lauter Startschuss für die Suche nach einem Impfstoff. Der sorgte offenbar sofort dafür, dass einige kommerzielle Konsortien fieberhaft mit der Forschung loslegten, natürlich angetrieben nicht primär durch Altruismus und Nächstenliebe, sondern durch die handfeste Aussicht auf fette Gewinne, sollte die Suche erfolgreich sein. Praktisch alle großen Namen der Weltpharmazie gingen an den Start, fast immer in enger Kooperation mit kleinen Firmen der Biotechnologie in hochspezialisierten medizinischen Marktnischen.

Und siehe da: gerade mal ein Dreivierteljahr später meldet eines dieser Konsortien – der amerikanische „Riese“ Pfizer (90.000 Beschäftigte) mit dem deutschen „Zwerg“ Biontech (1.300 Beschäftigte) – einen Erfolg, der nach allen Indizien als seriös und vielversprechend gelten kann. Pfizer bringt dabei die Prüf- und Testkapazität sowie den Vertrieb mit ein, Biontech das innovative Wissen. Und dem Vernehmen nach sind andere Konsortien dicht dahinter, sollten mit ähnlichen Meldungen in den nächsten Wochen und Monaten folgen. Es könnte durchaus sein, dass schließlich eine zweistellige Zahl von Impfstoffen in gar nicht so ferner Zukunft verfügbar ist. Ein Segen, medizinisch und humanitär!

Alles nur Glück und Zufall? Natürlich nicht. Es zeigt wie im Brennglas die Wirkungsweise des globalen Kapitalismus an einem konkreten Beispiel und besonders dramatischen Fall: Der dringende Bedarf wird geortet, die passende Unternehmenskooperation wird aktiviert, die Forschung im Unternehmen wird konzentriert, die Fachkräfte in den Labors werden motiviert – und schon steigt die Wahrscheinlichkeit kräftig an, dass irgendwo in der kapitalistischen Welt der Durchbruch gelingt. Es hat Ähnlichkeit mit einem sportlichen Wettbewerb, auch wenn es um noch viel mehr Geld und im Fall Covid-19 um historischen Ruhm geht. Natürlich mag auch, wenn man genau hinschaut, die Aussicht auf staatliche Förderung eine Rolle spielen, aber die verblasst doch quantitativ gegenüber den Anreizen des Marktes, die sich bieten.


Kurzum: Der Kapitalismus funktioniert. Und dies gerade in den innovativsten Teilen unserer Weltwirtschaft, die eine ungeheuer breite und tiefe Infrastruktur bereithält, um plötzlich auftretende Engpässe zu weiten und zu beseitigen. Eigentlich müsste man ausrufen: „Hut ab! Ein Hoch auf den Wettbewerb im Geist von Joseph Alois Schumpeter!“

Aber keine Sorge, liebe Kapitalismuskritiker, das wird nicht geschehen. Schnell wird man sich empören über die steil ansteigenden Gewinne, die in den Bilanzen der erfolgreichen Entdecker-Unternehmen aufblitzen. Und genauso schnell wird man sich über die Probleme der Verträge und Verteilung der Impfstoffe in die Haare bekommen, geschäftlich und politisch.

Aber bevor das losgeht, wäre vielleicht eine knappe respektvolle Verbeugung angebracht: zu Ehren des globalen Kapitalismus.

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