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Verlierer des Börsenjahres 2019: Deutsche Finanzwerte, die Lufthansa und abgestürzte Einhörner

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Gebannter Blick aufs Börsenparkett in Frankfurt: Auch im starken Börsenjahr 2019 gab es Verlierer (Foto: Deutsche Börse AG)

Das muss man erst mal schaffen: Die Indizes dies- und jenseits des Atlantiks liegen seit Jahresbeginn zweistellig im Plus – doch man konnte 2019 auch Geld an den Kapitalmärkten verlieren. So ging es Besitzern von zahlreichen Dax-Aktien und hoch gewetteten Neuemissionen.   

Wo viel Licht ist, muss am Ende Schatten zu finden sein – diese Binsenweisheit trifft auch in diesem Jahr auf die Kapitalmärkte zu. Obwohl sich Dax und Dow Jones zum Jahresende einträchtig in der Nähe von Allzeithochs befinden und seit Januar zweistellig zugelegt haben, konnten sich Anleger mit deutschen Traditionswerten gehörig die Finger verbrennen.

Erstaunlicherweise sind unter den Verlierern des Börsenjahres zahlreiche Schlusslichter von 2018. Die Letzten werden die Letzten sein: Das ist das neue Normal, an das sich die einst so stolze Bankenmetrople Frankfurt inzwischen fast gewöhnt hat. Die große Enttäuschung sind nämlich auch in diesem Jahr wieder einmal die Bankaktien – sowohl im Dax als auch im MDax.  

Deutsche Bank mit 45-Jahrestief

Der Deutschen Bank scheint das wenig schmeichelhafte Kunststück zu gelingen, nach der schlechtesten Performance im deutschen Bluechip-Index im vergangenen Jahr auch 2019 wieder zu den Verlustbringern zu zählen.

Lediglich im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres konnte CEO Christian Sewing schwarze Zahlen verkünden, danach musste die in den 90er-Jahren noch wertvollste Bank der Welt happige Quartalsverluste von 3,1 Milliarden bzw. 832 Millionen Euro verkünden. Anleger verloren zusehends die Geduld mit der Aktie und schickten die Deutsche Bank im August auf ein 45-Jahrestief bei unter 6 Euro. Drei Wochen vor dem Jahreswechsel notiert die Deutsche Bank-Aktie bei minus 7 Prozent.

Finanzwerte unter Druck, Lufthansa belastet Klimawandel-Debatte  

Praktisch synchron verläuft die Entwicklung des kleineren Rivalen vom Kaiserplatz. Obwohl die Commerzbank über das ganze Geschäftsjahr solide Gewinne erwirtschaften konnte, sorgen sich Anleger um die Wettbewerbsfähigkeit des Dax-Absteigers, der seit Herbst 2018 nur noch im Nebenwerte-Index MDax geführt wird. Nachdem die Fusionsfantasie vom Frühsommer verpufft ist, haben Anleger die Aktie abgestraft – es bleibt ein Minus von 9 Prozent seit Januar. 

Auf ähnlichem Niveau verharrt auch ausgerechnet jener Dax-Neuling, der die Commerzbank symbolisch aus der ersten deutschen Börsenliga verdrängt hatte – Wirecard. Das deutsche Vorzeige-Fintech-Unternehmen litt praktisch das gesamte Jahr unter der Fortsetzung des endlosen Wirtschaftskrimis der Financial Times-Enthüllungen und liegt drei Wochen vor Jahresende um rund 13 Prozent im Minus. Bis auf die letzten Meter dürften sich die Münchner damit einen Wettkampf mit der Lufthansa, die aktuell ebenfalls um 13 Prozent hinten liegt, um die rote Laterne liefern.  

Internet-Debütanten erleben Debakel an Wall Street  

Noch deutlicher fielen die Kursverluste in der zweiten Börsenliga bei Hugo Boss, K&S und Drillisch aus. Während deutsche Anleger also wieder einmal die Erfahrung machen mussten, dass eine lange Börsenhistorie kein Garant für steigende Kurse ist, verbrannten sich Aktionäre am anderen Ende des Atlantiks mit hoch gewetteten Neuemissionen die Finger. 

Tatsächlich herrschte für den Großteil des Börsenjahres bei Investoren gegenüber hochgejubelten Börsenkandidaten eine gesteigerte Skepsis, die der Fahrdienstvermittler Lyft Ende März als erster der milliardenschweren Wall Street-Neulinge spürte. Wurden die Aktien noch zu einem Kurs von 72 Dollar ausgegeben, mussten Zeichner ein halbes Jahr später nahezu eine Kurshalbierung verkraften, ehe Schnäppchenjäger zugriffen und die Verluste bis auf 37 Prozent begrenzten.    

Uber-Crash schockiert Anleger 

Nachdem Lyft enttäuschend an der Wall Street gestartet war, folgte wenig später der vollkommen unerwartete Crash des Hoffnungsträgers Uber, der als Glamour-Unternehmen der jüngeren Internet-Generation im Mai mit großen Vorschusslorbeeren an der Traditionsbörse NYSE debütierte.

Doch statt die sicher geglaubte Bewertungsmarke jenseits der 100-Milliarden-Linie zu knacken, wird der weltgrößte Fahrdienstvermittler inzwischen mit weniger als 50 Milliarden Dollar bewertet. Bei Kursen von weniger als 28 Dollar hat Uber seit dem IPO 38 Prozent seines Wertes eingebüßt und sich in der Spitze ebenfalls halbiert.

WeWork Flop des Jahres 

Und die neuen Mobilitätspioniere stehen mit ihrem Börsenblues nicht alleine dar. Auch Börsenneuling Slack, der im Juni furios gestartet war, wurde inzwischen von der neuen Skepsis gegenüber IPO-Debütanten eingeholt. Der Instant-Messaging-Dienst, der seine Aktien zu 26 Dollar ausgegeben hatte, war zunächst bei Kursen von über 38 Dollar gestartet, notierte im November jedoch bei unter 20 Dollar bereits fast 50 Prozent unter dem Allzeithoch, aber auch bereits 25 Prozent unter dem Ausgabekurs; Anfang Dezember beträgt das Minus von 14 Prozent.

Der Fall aus dem Einhorn-Himmel kam nicht ohne Vorgeschichte. Im Spätsommer schockierte Investoren der jähe Absturz des Büroflächenanbieters WeWork, der im Herbst eigentlich die IPO-Saison krönen sollte. Es kam komplett anders: Das 2010 vom Adam Neumann und Miguel McKelvey gegründete US-Unternehmen wurde in der letzten Finanzierungsrunde noch mit 47 Milliarden Dollar bewertet, konnte  Investoren zum geplanten IPO jedoch nicht einmal mehr von einer Bewertung zwischen 10 und 12 Milliarden Dollar überzeugen.

Der für Ende September geplante Börsengang wurde nach einer wahren Flut an schlechten Nachrichten abgesagt – und das Unternehmen in einem Firesale von Großinvestor Softbank für 8 Milliarden Dollar übernommen. Der Goldrausch des Silicon Valley scheint damit an der Wall Street fürs Erste beendet: Statt exzessiven Wachstumsfantasien zählt auch bei hoch gewetteten Start-ups plötzlich wieder der schnelle Weg zur Profitabilität.