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Vom Flirt bis zur Trennung: Wie sich Verliebte im Büro richtig verhalten

Jeder Vierte findet seinen Partner am Arbeitsplatz. Doch scheitert die Beziehung, kann das der Karriere schaden. Eine Anleitung, wie es richtig geht.

Es war ausgerechnet ein verspäteter Zug, der das Pärchen auffliegen ließ. Nicole Burger und Frank Berlin hatten sich während einer Schulung ihres Arbeitgebers, der Deutschen Bahn, kennen und lieben gelernt. Zum Seminar in der Hauptstadt reisten sie gemeinsam – und kamen zu spät. Ihre Erklärung: ein verpasster Anschlusszug.

Das war keine geschickte Begründung, schließlich arbeitete sie in München und er in Hamburg. Die Kollegen kannten das Schienennetz, welche gemeinsame Bahn sollten sie da verpasst haben?

Spätestens als den beiden für das Abschlussseminar ein Doppelzimmer gebucht wurde, war allen klar: Burger und Berlin sind mehr als nur Arbeitskollegen. Das war 2001. Heute heißt Burger mit Nachnamen Berlin, beide sind leitende Manager bei DB Regio in Frankfurt. Das Paar hat sich nicht mehr getrennt – weder privat noch beruflich.

Romantik im Büro verläuft aber keineswegs immer so herzerwärmend. Bestes Beispiel: Steve Easterbrook. Bis November war er Chef der Fast-Food-Kette McDonald’s. Als seine Beziehung mit einer Mitarbeiterin publik wurde, schasste ihn der Aufsichtsrat, weil er „schlechtes Urteilsvermögen“ bewiesen habe. Die Beziehung sei „ein Fehler“ gewesen, sagte Easterbrook später.

Zwei Beispiele, eine Erkenntnis: die Büroliebe ist mit Chancen und Risiken verbunden. Am heutigen Valentinstag dürften zahlreiche Manager ihren Büronachbarn Blumen mitbringen. Denn laut einer Befragung der Online-Partnervermittlung Elite Partner hat sich jeder dritte Deutsche in einen Kollegen verliebt, knapp jeder vierte hat sogar seinen Partner im Job kennengelernt.

„Beziehungen unter Kollegen sind hierzulande längst nicht mehr so verpönt wie früher“, sagt Walter Jochmann, Geschäftsführer der Managementberatung Kienbaum. „Wer sie toleriert und Transparenz herstellt, gibt sich als offener und moderner Arbeitgeber.“

Für die Unternehmen kann das von Vorteil sein, sagt der Berliner Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger. Gerade im höheren Management suchten Firmen Menschen mit geordneten sozialen Verhältnissen. „Mitarbeiter in einer stabilen Liebesbeziehung sind viel ehrgeiziger, kreativer und belastungsfähiger.“ Und an die Firma bindet die Kollegenliebe gleich mit.

Wenn aber der rosarote Blick weicht, droht das heikelste an der Büroliaison: Streit und Trennung. „Probleme in Beziehungen werden radikalisiert, weil auch Kollegen den Streit vom Frühstückstisch mitbekommen“, sagt Krüger. Und wenn die Büroliebe scheitert, bleiben meist nur zwei Auswege: Versetzung oder Kündigung. In Ländern wie den USA ist aber selbst eine erfolgreiche Beziehung bedrohlich für den Job.

Doch wie kann die Liebe im Büro gelingen? Und worauf müssen Büropaare achten, um Kollegen nicht zu nerven und die Karriere zu gefährden?

Das Kennenlernen

25. Juni 2001. Das Datum steht in den Ringen der DB-Regio-Manager Nicole und Frank Berlin. An dem Tag haben sie sich kennen gelernt. Gefunkt hat es in der Hamburger S-Bahn nach einem gemeinsamen Seminar auf dem Weg zum Abendessen. Dort kamen sie ins Gespräch, später tauschten sie Telefonnummern und Adressen aus. Zweieinhalb Jahre später gaben sie sich ihr Jawort.

Es ist mehr als verständlich, dass sich Menschen in ihre Kollegen verlieben. Allein schon aus zeitlichen Gründen. Im Durchschnitt verbringen Angestellte 41 Stunden pro Woche auf der Arbeit, viel Zeit um seine Mitmenschen kennen zu lernen.

Geht es in der Disco nur ums Aussehen, erfährt man im Büro mehr über die Arbeitsmoral, die Stressresistenz und die Teamfähigkeit. Und Menschen, die im gleichen Unternehmen arbeiten, sind sich oft näher, weil sie einen vergleichbaren Berufsweg und gemeinsame Interessen haben, sagt Hannes Zacher, Professor für Arbeitspsychologie an der Universität Leipzig: „Beziehungen von Menschen, die sich ähnlich sind, halten oft länger.“

Experten raten, die Büroliaison beim Chef und den Kollegen schnell anzusprechen. Rechtlich verpflichtet sind Angestellte in Deutschland allerdings nicht. „Liebesbeziehungen sind Teil des Persönlichkeitsrechts und vom Grundgesetz geschützt“, sagt Arbeitsrechtler Sebastian Schröder von der Düsseldorfer Kanzlei Aquan.

Selbst Beziehungen zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter dürfen Unternehmen nicht verbieten. Dabei sind sie besonders fragwürdig. „Die Verhältnisse im gesamten Team werden vergiftet, weil niemand mehr weiß, was er im Pausenraum noch erzählen darf“, sagt Psychologe Krüger. Außerdem bestehe der Verdacht, dass beide mauscheln, der Partner schneller eine Gehaltserhöhung oder eine Beförderung bekommt.

Um solchen Interessenskonflikten vorzubeugen, fordern Unternehmen wie Allianz oder Adidas ihre Mitarbeiter dazu auf, Beziehungen publik zu machen. Die Deutsche Börse weist in Gesprächen „auf die Notwendigkeit zur Offenlegung hin“. BMW strebt „einen Wechsel von einem der beiden Partner in eine andere Abteilung an“.

Durch das Weisungsrecht des Arbeitgebers ist das rechtlich möglich. Bei den meisten Dax-Konzernen, zeigt eine Handelsblatt-Umfrage, gibt es allerdings keine unternehmensseitigen Vorgaben – nicht bei Bayer, Daimler, Henkel, Infineon oder SAP.

Auch nicht bei der Deutschen Bahn. Dass dort aber sehr wohl über mögliche Probleme von Bürobeziehungen diskutiert wird, zeigt das Beispiel der Berlins. Sie arbeitet als Bereichsleiterin, er wurde vor Jahren zum Abteilungsleiter befördert. Das Problem: Berlins Chef redet mit dessen Frau auch über Berlins berufliche Leistung. Und wenn sein Vorgesetzter Urlaub macht, kann es passieren, dass Herr und Frau Berlin im gleichen Meeting sitzen müssen.

Der zuständige Vorstand genehmigte diese Konstellation – allerdings mit klaren Regeln: „Wenn es in Besprechungen um Frank geht, halte ich mich immer zurück, weil man ja sofort denken würde, ich sei nicht neutral“, sagt Nicole Berlin.

Der Alltag

Die Berlins führen eine besondere Beziehung. Sie, 52 Jahre, kommt aus Niederbayern und ist kommunikativ. Ihr Mann, 46 Jahre, ist Nordlicht und zurückhaltend. Er ist fürs Baureihenmanagement verantwortlich, sorgt also dafür, wie er erzählt, dass die Bahnen in einem Zustand sind, mit denen die Fahrgäste – „und ich zufrieden bin“, fällt ihm seine Frau mit einem Augenzwinkern ins Wort. Denn sie ist dafür verantwortlich, dass die Gäste zur richtigen Zeit mit den richtigen Zügen ans Ziel kommen.

Morgens gehen die Berlins meist zusammen zur Arbeit. Doch wenn sie den Pförtner passiert haben, sind sie kein Paar mehr, sondern Arbeitskollegen. Händchen haltend durch die Flure laufen, ein schneller Kuss vor dem Meeting? Das kommt nicht infrage.

„Ich bin hier in meiner Rolle als Führungskraft, das kann ich sehr wohl unterscheiden“, sagt Nicole Berlin. Für Arbeitspsychologen ist das Verhalten vorbildlich. „Intimitäten und Zärtlichkeiten sollten sich Büropaare für zuhause aufsparen, sonst sind die Kollegen genervt oder haben den Eindruck, ausgeschlossen zu werden“, sagt Zacher.

Was Experten auch raten: „Auf der Arbeit sollten Büropaare möglichst wenig Zeit miteinander verbringen“, sagt Jutta Boenig von der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. Ihr Tipp: keine romantische Mittagspause mit dem Partner beim Italiener, sondern weiter mit den anderen Kollegen in die Kantine gehen.

Klare Regeln gelten auch für zu Hause: „Lassen Sie die Firma nicht ins Bett“, sagt Boenig und rät dazu, nicht noch im Schlafzimmer über Arbeit zu sprechen. Hilfreich ist, verschiedenen Hobbies nachzugehen. Unter 24-stündiger Dauernähe leiden viele Bürobeziehungen, so die Expertin.

Was helfen kann: eine Uhrzeit festlegen, nach der Berufsthemen tabu sind. Soweit gehen die Berlins nicht. „Wir kommen nach Hause, um zu leben. Und unsere Gespräche flankieren wir auch mit Arbeitsthemen – so wie bei anderen Paaren auch, die keine Kollegen sind“, sagt Frank Berlin. Mitunter, ergänzt seine Frau, sei es praktisch, dass ihr Mann die Arbeitsstrukturen und Mitarbeiter kenne. So fühle sie sich besser verstanden.

Was beide aber unterlassen: das Meeting am Küchentisch zu verlängern. Anfangs seien die Kollegen davon ausgegangen, dass ich meinem Mann beim Abendbrot Arbeitsaufträge weiterleite, erzählt sie. „Wir haben direkt klargemacht, dass wir das nicht tun.“ Solche Absprachen braucht es, damit die Liebe unter Kollegen gelingen kann.

Was den Büroalltag trotz der besten Regeln erschweren kann: wenn nur einer der beiden Partner befördert wird. „Vielen Paaren tut das nicht gut, weil der Neid zu groß wird“, sagt Boenig. Eine ihrer Klientinnen tat sich damit so schwer, dass sie die Firma gewechselt hat. Sonst wäre die Beziehung zerbrochen.

Die Trennung

Fünf Jahre lang waren Maren und Joachim Müller (Namen geändert) ein Paar – bis sie sich trennten. Im Büro aber war er weiter ihr Vorgesetzter. Das Ende der Beziehung ließ der Manager seine Ex-Frau spüren: Er herrschte sie an, stellte sie in Meetings bloß, ließ Projekte platzen – bis sie kündigte. Die gescheiterte Liebe wurde aber auch ihm zum Verhängnis: die Kollegen straften seine Boshaftigkeit ab, führten Aufträge nicht mehr aus, kamen nicht zu Besprechungen. Er musste die Abteilung wechseln.

Der Fall, von dem Karriereberaterin Boenig erzählt, ist typisch für getrennte Büropaare. Frauen leiden häufig stärker, sagt die Expertin. „Grundsätzlich verliert derjenige, der niedriger in der Hierarchie steht – und das sind häufig eben noch die Frauen.“

Nach einer Trennung ist es ratsam, mehrere Wochen Urlaub zu nehmen, um Abstand zu gewinnen. Wenn das nicht hilft, sollte sich einer der beiden in eine andere Abteilung versetzen lassen. Das kann in kleinen und mittelständischen Betrieben allerdings schwierig werden.

Deshalb rät der Berliner Buchautor Krüger dazu, schon am Anfang ein mögliches Ende der Liaison und die Folgen für den Arbeitsplatz mitzudenken – so unromantisch das auch sein mag. „Eine gescheiterte Büroliebe kann die Karriere zerstören“ – gerade, wenn sich Paare nicht mehr aus dem Weg gehen können, schon älter oder stark spezialisiert sind. Den Arbeitgeber zu wechseln, wird kompliziert.

Unter Liebeskummer leiden auch die Unternehmen: Jeder sechste Arbeitnehmer ist deshalb nicht zur Arbeit gekommen, zeigt die Elite-Partner-Befragung. Würde jeder von ihnen nur einen Tag fehlen, ergeben sich daraus 6,6 Millionen Fehltage, rechnen die Autoren vor. Für die Wirtschaft wäre das ein Produktionsausfall von 774 Millionen Euro.

Die Berlins haben vor 19 Jahren bei der Fortbildung nicht über das Ende ihrer Liaison nachgedacht. „Das ist ein theoretischer Fall“, sagt Frank Berlin. Und seine Frau ergänzt: „Aber auch bei einer Scheidung würde unser Arbeitgeber uns dabei unterstützen, eine Lösung zu finden“. So wie er sie 2001 auch zusammengebracht hat.