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Sie verhindern Lieferausfälle wichtiger Medikamente – und kassieren Millionen

·Lesedauer: 5 Min.
Liefer(ketten)helden: Qualifyze-Gründer David Schneider und Florian Hildebrand.
Liefer(ketten)helden: Qualifyze-Gründer David Schneider und Florian Hildebrand.

Als die Klopapierregale vor eineinhalb Jahren leer waren, wurden Lieferengpässe und Knappheit für viele Menschen plötzlich real. Manche Branchen kämpfen mit dem Problem aber schon deutlich länger. Im Bereich Pharma haben sich Lieferengpässe laut Angaben der Europäischen Kommission zwischen 2000 und 2018 verzwanzigfacht.

Der Ausbruch der Pandemie hat das Thema logischerweise zusätzlich verschärft. Knapp werden oftmals „essentielle“ Medikamente wie Mittel zur Krebstherapie oder Impfstoffe sowie Arzneimittel zur Behandlung von Epilepsie oder Parkinson und seit 2020 auch Mittel, die in Kliniken und auf Intensivstationen zur Behandlung von Corona-Patienten eingesetzt werden, etwa Anästhetika und Antibiotika. Für Patienten eine Katastrophe – und für Pharmaproduzenten ein massives Umsatzproblem. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Sie reichen von Hamsterkäufen über Parallelimporte und verquere Preispolitik bis hin zu Produktrückrufen.

Eine Software, die Lieferengpässe verhindert

Genau hier setzt Qualifyze an. „Aktuell sind allein in Deutschland etwa 300 Medikamente nicht verfügbar“, sagt Florian Hildebrand, Co-CEO des Frankfurter Startups, zu Gründerszene. „Und bei 80 Prozent davon liegt das an Compliance- und Qualitätsproblemen.“ Hildebrand und sein Mitgründer, David Schneider, haben sich gefragt, wie das eigentlich sein könne, wo doch gerade in der Pharmaindustrie alles zertifiziert werden müsse, seit Jahren schon.

Zugespitzt formuliert, weil viele Zertifikate nicht viel mehr wert sind als das Papier, auf das sie gedruckt werden. Das sieht übrigens auch der Gesetzgeber so: In vielen Branchen werden Unternehmen mehr und mehr in die Verantwortung genommen, die Sicherheit und Qualität ihrer Lieferketten zu überprüfen.

Das ist enorm aufwendig und teuer für die Unternehmen. Im Pharmabereich hilft nun Qualifyze diesen Aufwand mit einer digitalen Plattform zu senken, über die Daten zur Qualitäts- und Lieferkettensicherheit gesammelt und der gesamten Branche verfügbar gemacht werden. „Was wir bieten, ist eine Compliance- und Lieferketten-Versicherung für Pharmaproduzenten. Und die funktioniert über Audits, über das Aggregieren und Auswerten von Daten“, sagt Hildebrand.

Dafür erhält das 2018 gestartete Unternehmen jetzt frisches Geld. Zwölf Millionen Euro (14 Millionen US-Dollar) kamen im Rahmen einer Series-A-Runde zusammen. Angeführt wurde die Finanzierung von HV Capital. Auch die Bestandsinvestoren Cherry Ventures, Rheingau Founders, Axel Springer Porsche, Auxxo und Dr. Udo Jung beteiligten sich erneut.

Audit ist ein Schauerwort für viele Unternehmen und Konzerne. Dabei sind Audits Teil eines gelungenen Qualitätsmanagements und im Prinzip eine gute Sache. Ziel ist es, dass am Ende alle gewinnen: Kunden bekommen hochwertige Produkte, Produzenten haben mehr Sicherheit und Planbarkeit, etwa bei der Qualität von Werksstoffen und Einzelteilen. Auditierte Zulieferer wiederum sind vertrauenswürdig und können so mehr Kunden erreichen.

In der Pharmaindustrie sind Audits gesetzlich vorgegeben und durch Normen und Vorgaben reguliert. Konkret sieht das so aus: Der deutsche Hersteller eines Medikaments zur Krebsbehandlung ist in der Pflicht, sämtliche Zulieferfirmen diverser Wirkstoffe dieses Mittels (wovon die meisten in Indien und China sitzen) zu besuchen. Er schickt einen Auditor, der die Produktionsbedingungen gemäß bestehender Standards sorgfältig überprüft und das genau dokumentiert. Am Ende schreibt die Firma einen ausführlichen Bericht. Klingt enorm aufwendig und ist es auch. Zumal jeder Hersteller das individuell macht. Auch, wenn mehrere Pharmahersteller bei ein und demselben Zulieferer in beispielsweise China Bestandteile beziehen – was häufig der Fall ist.

Zusammen auditet man weniger allein

„Wir haben uns gefragt: Wäre es nicht interessant, wenn wir da nun eine Plattform reinsetzen, die es schafft, diese Daten global zu aggregieren“, erklärt David Schneider. „Wenn wir also die Daten mehrerer Berichte sammeln und eine KI diese auswertet. Auf dieser Basis können wir sehr genaue Aussagen treffen, wie hoch Qualitätsrisiken in einer Lieferkette tatsächlich sind – und wie hoch das Risiko eines Ausfalls dieser Lieferketten.“

Seit seinem Start im Dezember 2018 hat sich das Unternehmen rasant entwickelt. Mehrere hundert Pharmaunternehmen zählen bereits zu den Kunden von Qualifyze. Das Geschäftsmodell skaliert: „Wir gehen durch die gesamte Lieferkette, also von Wirkstoffherstellern über Verpackung bis Transport. Standardmäßig gibt es einen sehr großen Overlap“, erklärt Schneider. Ständig beziehen Pharmaproduzenten bei den gleichen Zulieferern. Warum also sollte jeder Produzent einen eigenen Audit bei diesen Zulieferern machen? Am Ende wäre doch, nachdem Audits nach standardisierten und gesetzlichen Richtlinien durchgeführt werden, die inhaltliche Überschneidung sehr hoch.

„Wenn beispielsweise ein Hersteller bestimmte chemische Stoffe für seine Medikamentenproduktion von einem bestimmten Lieferanten braucht, beauftragt er uns, ein Audit von diesem zu machen. Wir liefern dem Hersteller den entsprechenden Bericht. Die dabei erhobenen Daten aber gehören uns. Wir können also zu anderen Medikamentenherstellern, die bei diesem Lieferanten einkaufen, sagen: Wenn ihr einen Auditbericht braucht, wir haben einen“, erklärt Hildebrand. Aktuell generiert Qualifyze etwa die eine Hälfte seiner Umsätze aus selbst gemachten Audits, die andere aus dem Abverkauf bereits erhobener Daten.

Und das machen die Pharmaunternehmen mit? Geben sie damit nicht einen Wettbewerbsvorteil aus der Hand? „Auch bei den Lieferanten der Großen finden wir regelmäßig Ungereimtheiten, die zu Lieferausfällen führen können, wenn diese nicht rechtzeitig angegangen werden können – und der Schaden kann schnell in die Millionen gehen.“ Das müssen Pharmaunternehmen gegen die Ausgaben für Audits gegenrechnen. Wenn Qualifyze viele Audits schnell verfügbar macht und sie nicht die eigenen Ressourcen belasten müssen, greifen die Pharmas da – Wettbewerb hin oder her – zu.

20.000 mögliche Kunden

Der Markt ist jedenfalls groß genug. Es gebe nicht weniger als 20.000 Pharmaunternehmen, die hohe Summen für Audits ausgeben, „weil sie das immer noch weniger kostet als Lieferausfälle“, sagt Schneider, der mit seiner Firma jetzt schon Kunden aus 30 Ländern bedient. Wobei die Vision da immer noch nicht endet: „Wir hatten auch schon Anfragen aus anderen Industrien, gerade naheliegende Sektoren wie Food und Kosmetik. Und tatsächlich wäre es denkbar, unser Prinzip across industries anzuwenden. Denn die Supplychain-Themen, das Lieferkettengesetz, die Nachfrage in Sachen Nachhaltigkeit, das alles betrifft alle Bereiche und wird immer brisanter.“

Insofern steht mit dem frischen Kapital im Rücken Wachstum ganz oben auf der Agenda. Insbesondere in Vertrieb und Tech soll investiert werden. Und Internationalisierung: Im Frühjahr nächsten Jahres will Qualifyze einen Standort in Barcelona mit mehr als hundert Mitarbeitern eröffnen.

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