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Wie Verena Pausder anderen Denkern und Machern den Weg bereitet

Herrhausen, Anna
·Lesedauer: 9 Min.

Die Unternehmerin hat das Jahr der Krisen zu einem Jahr der Chancen gemacht. Ihre Zuversicht und ihre Initiativen für eine bessere Zukunft sind mutig und vorbildhaft.

Wann immer Verena Pausder wichtige Sachverhalte ordnen möchte und herausarbeitet, was wirklich wichtig ist, schreibt sie eine Rede. Sie verfasst eine Rede an mögliche Zuhörer. Es ist für mich deshalb eine Ehre – und ich empfinde es auch als sehr passend –, dass ich nun eine Laudatio auf Verena Pausder schreiben darf.

Verena Pausder und ich kennen einander seit einigen Jahren. Nicht gut genug, als dass ich wüsste, wie viele solcher Reden sie schon geschrieben hat – manche sind eher als Tagebucheintrag zu verstehen, reflektierend und privat vor allem, und andere als Aufruf, gerichtet an eine bestimmte Zielgruppe wie junge Gründer und Gründerinnen oder an die Öffentlichkeit allgemein.

Aber inzwischen kennen wir uns so gut, dass ich sicher sein kann, dass es Verena immer ernst ist. Sie sagt, was sie denkt. Das ist vielleicht nicht immer gefällig, aber authentisch. Und das schätze ich sehr.

Vor ungefähr einem Jahr sah Verena Pausder ein ganzes Jahr an Zeit zur Reflexion vor sich liegen, irgendwann gegen Ende sollte nach Möglichkeit ein Buch fertig sein. Wenn man ihr zur Weihnachtszeit oder zum Neuen Jahr eine E-Mail schrieb, kam sogleich und automatisch die Nachricht zurück: „Ich mache mal so richtig Pause und lese bis zum 31. Januar keine E-Mails.“ „Bravo“, dachte ich damals, „das hast du dir verdient – genieße es!“

Inzwischen wissen wir, dass es anders gekommen ist. Wenn wir heute davon reden, dass Corona vieles in einem Maße beschleunigt hat, welches wir uns nicht hätten träumen lassen – Verena Pausders Jahr könnte ein Beispiel hierfür sein.

Aus einer Auszeit mit Mann und vier Kindern wurde die Website Homeschooling-corona.com und damit Not- und Soforthilfe für Tausende von Eltern und Kindern. Aus der Erkenntnis, dass viele Lehrer und Lehrerinnen keine berufliche E-Mail-Adresse haben, wurde mit #wirfuerschule der größte Bildungshackathon mit mehr als 6000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen und mehr als 200 Lösungen für die Schule von morgen (die eigentlich die Schule von heute sein sollte).

Aus der Lektüre eines Gründerszene-Artikels darüber, dass Delia Lachance ihr Vorstandsmandat bei Westwing niederlegt, um in Mutterschutz und Elternzeit zu gehen, wurde #stayonboard und damit ein dringend notwendiges Gegengewicht zu Zielgröße null und Thomas-Prinzip. Inzwischen ist es greifbar, dass die Möglichkeit zur temporären Mandatspausierung gesetzlich verankert wird.

Und als ob das nicht alles schon genug Kontrastprogramm wäre zu „mal so richtig Pause machen“, wurde Verena Pausders flammende Rede „Das Neue Land“ das Unternehmerbuch des Jahres 2020 – und für uns alle ein auf Zuversicht, Gestaltungswillen und Verantwortung fußendes Bild von einer Zukunft für unser Land.

Verena Pausder macht deutlich, was es heißen kann, eine Krise als Chance zu begreifen. Sie setzt sich mit Haut und Haaren dafür ein, dass die Chancen ausbuchstabiert werden. Sie zeigt ein Ziel auf und geht mutig voran auf dem Weg dorthin.

„Nicht meckern, machen!“

Das Handelsblatt kürt Verena Pausder zur Vordenkerin des Jahres 2020. Es kann nur Absicht, ja ausgesprochener Wille und geschickt verpackte Botschaft sein, ihr unter all den möglichen Auszeichnungen ausgerechnet diese zuteil werden zu lassen. Denn die Gedanken, für die Verena vor allem steht und die sich bei allem, was sie tut, wie ein roter Faden erkennen lassen, sind Sätze wie: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ Und „Nicht meckern, machen.“

Als Gesellschaft stehen wir am Beginn einer großen Transformation. Sie ist nun zwingend erforderlich – zumindest wenn wir uns langfristig eine Zukunft für die menschliche Spezies auf diesem Planeten wünschen. Seit Langem wissen wir um die Nicht-Nachhaltigkeit unserer Lebensweise in Bezug auf die Belastungsgrenzen unserer Erde, auf gesellschaftlichen Zusammenhalt und auf Generationengerechtigkeit.

Darüber hinaus wirft das vielerorts exponentielle Voranschreiten technologischen Fortschritts fundamentale Fragen in Bezug auf menschliches Leben und seinen Stellenwert auf. Jahrzehntelang haben wir die Sachverhalte beschrieben, haben Szenarioanalysen angestellt und – ja, auch das – immer wieder die Dinge ein bisschen besser gemacht.

Aber jetzt ist es Zeit für den großen Wurf, jetzt zählt es. Und die unbequeme Wahrheit dabei ist: Mit einer kurzen Kraftanstrengung ist es nicht getan! Es wird auch morgen noch zählen und übermorgen und überübermorgen.

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Wenn wir sagen: „Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend“, können wir dennoch nicht davon ausgehen, dass wir uns in zehn Jahren entspannt zurücklehnen können in der Gewissheit, ein für alle Mal die notwendige Kurskorrektur bewerkstelligt zu haben. Bei allem Denken, Überlegen und Abwägen, das immer vonnöten ist, werden wir im kommenden Jahrzehnt vor allem diese Gedanken brauchen: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ Und: „Nicht meckern, machen.“

In der Widmung, die Verena Pausder mir in mein Exemplar von „Das Neue Land“ geschrieben hat, stellt sie in Aussicht, dass wir im Alter von 80 Jahren gemeinsam auf einer Parkbank sitzen und das neue Land genießen. Darauf freue ich mich! Und ich empfinde es als erreichbares Ziel.

Denn in zehn Jahren sind wir wahrscheinlich noch mitten drin, aber in knapp 40 Jahren haben wir hoffentlich schon das ein oder andere geschafft. Und vor allem werden wir voller Stolz und Vertrauen auf die Jüngeren schauen können, unsere Kinder und Enkel, denen wir hoffentlich ein Vorbild gewesen sind, denen wir Wissen und Werte und Fähigkeiten wie Mut, Durchhaltevermögen, Empathie und Resilienz mitgegeben haben und die uns dann schon so oft begeistert haben werden mit ihren Ideen, Erkenntnissen und Initiativen.

Die Kinder und Jugendlichen sind es, um die es der Bildungsexpertin, Vordenkerin und Antreiberin Verena Pausder vor allem geht. Es geht ihr darum, dass sie ihre Talente entdecken und ihre Fähigkeiten entwickeln. Sie sollen aufwachsen mit der täglichen Erfahrung, etwas gestalten zu können, einen Unterschied zu machen, im aktivsten Sinne Teil von etwas zu sein.

Niemand ist eine Insel. Unsere Welt braucht den Einsatz von uns allen. Dafür dürfen wir fragen, zuhören, ausprobieren, Kompromisse schließen, aus Fehlern lernen, weitermachen. Verena Pausder ist deshalb Vordenkerin des Jahres, weil sie vielen anderen Denkern und Machern einen Weg bereitet. Gratulation – und Danke dafür!


Wer noch auffiel: Neue Denkanstöße

Maja Göpel

Klimachaos, die zunehmenden Konflikte zwischen Arm und Reich und die Polarisierung unserer Gesellschaften zeigen deutlich: Weitermachen wie bisher, nur effizienter, das ist keine Option. „Wir brauchen eine Neubetrachtung der Werte, die Menschen in ihrer kooperativen Lebendigkeit stützen“, sagt deshalb Maja Göpel.

Daher plädiert die Nachhaltigkeitsforscherin und Wirtschaftswissenschaftlerin leidenschaftlich für ein grundsätzliches Umdenken und ein anderes Wirtschaften – in sozialen Netzwerken, in Talkshows und mit ihrem Buch „Unsere Welt neu denken. Eine Einladung“ hat sie im Februar einen Sachbuchbestseller gelandet. Unermüdlich erklärt Göpel, warum Neoliberalismus, ständiges Wachstum und ökologischer Raubbau an ihre Grenzen stoßen.

Seit November arbeitet Göpel als wissenschaftliche Direktorin der neu gegründeten Hamburger Denkfabrik The New Institute. Dafür gab sie den einflussreichen Posten als Generalsekretärin des WBGU (wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) ab, wo sie die Politik bezüglich einer nachhaltigen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft beriet.

Ziel des Instituts ist es, neue Antworten auf die drängenden ökologischen, ökonomischen und politischen Herausforderungen zu entwickeln und gesellschaftlichen Wandel zu gestalten. Göpel hofft, so mehr Einfluss auf die Gesellschaft nehmen zu können, als in ihrer Funktion als Regierungsberaterin. Carina Kontio

Nadine Schön, Thomas Heilmann

Geredet wird viel über den Zustand der Welt, die Defizite Deutschlands. Über die mangelnde Digitalisierung und eingeschränkte Zukunftsfähigkeitiche Bilder. Aber warum nicht einfach mal bei sich selbst anfangen? Das sagten sich zwei Mitglieder der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Thomas Heilmann und Nadine Schön, und begannen mit einer riesigen Projektarbeit, die im Buch „Neustaat“ mündete – über den öffentlichen Sektor jenes digitalen „Neulands“, das Angela Merkel 2013 ausgemacht hat.

Solche Programmarbeit kennt man in der Vergangenheit eher von der SPD, den Grünen und der Linken, weniger von der Union, die stets auch Kanzler- oder Kanzlerinwahlverein war. Hier aber ist ein Buch als zentraler Teil einer großen Reformkampagne angelegt.

64 Abgeordnete von CDU/CSU machen 103 Vorschläge, vom digitalen Euro der EZB bis zu Digitalschulen, von einfacheren Reisekosten bis zur „Doppelrente“. Verdienstvoll also, was der Internet-Investor und einstige Berliner Justizsenator Heilmann zusammen mit Juristin Nadine Schön da kompiliert hat. Anstatt zum wiederholten Male einen Sermon zu bieten über den Leviathan Staat, der unternehmerische Verve plattmacht, geht es hier um das Leitbild des klugen, lernenden Staats.

Einer, der – mit moderner IT ausgerüstet – gut mithalten kann mit moderner Wirtschaft und den Herausforderungen von außen, von Pandemie bis Protektionismus. Ohne einen „Mutanfall“ werde es nicht gehen, vermittelt das Buch. Raus aus der „Komplexitätsfalle“ ist das Motto, auch raus aus der „Komfortzone“. Oder, prägnanter: „Staat-me-up“. Hans-Jürgen Jakobs

Ottmar Edenhofer

Ein Preis für das klimaschädliche Kohlendioxid, über alle Sektoren und sozial gerecht, dafür setzt sich Klimaökonom Ottmar Edenhofer, 59, seit Jahren ein. Ein solcher CO2-Preis ist für den gebürtigen Bayern das zentrale Element, um die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius begrenzen zu können, wie es das Pariser Klimaschutzabkommen vorsieht.

Edenhofer ist unter anderem Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Berliner Klimaforschungsinstituts Mercator Research Institute for Climate Change (MCC) und berät immer wieder auch die Bundesregierung. Dass in Deutschland ab Januar 2021 ein CO2-Preis in den Sektoren Verkehr und Wärme zu zahlen sein wird, ist auch Edenhofers beharrlichem Insistieren geschuldet – auch wenn er die anfänglichen 25 Euro je Tonne CO2 als zu niedrig bewertet.

Ein sinnvoller Einstiegspreis hätte bei wenigstens 50 Euro liegen müssen, der bis 2030 auf 130 Euro steigen müsste. Ein Preissignal, so Edenhofers Credo, bringt Klarheit, für Unternehmen und Verbraucher gleichermaßen. Weil beim Kampf gegen die globale Erderwärmung der nationale Fokus unzureichend ist, fordert Edenhofer auch eine Reform des Europäischen Emissionshandels, der bislang finanzielle Auswirkungen vor allem für Industrie- und Energieunternehmen hat.

Auch dieser braucht nach Ansicht Edenhofers einen Mindestpreis und muss über alle Sektoren hinweg greifen. Die Verknüpfung aller CO2-Preis-Systeme, über Ländergrenzen hinweg, das ist sein Ziel. In diesem Jahr bekam Edenhofer für seine Verdienste den Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Edenhofer, begründete DBU-Generalsekretär Alexander Bonde die Entscheidung, wisse wie kaum ein anderer, wie man Wirtschaft, Klimaschutz und gesellschaftliche Anforderungen zusammen denkt. Silke Kersting