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Warum Verbraucher und Sparer die Gewinner sein könnten, wenn die EZB im Sommer die Zinsen erhöht

Die US-Notenbank Federal Reserve (FED) hatte letzte Woche vorgelegt und den Leitzins um 0,5 Prozent auf 1 Prozent angehoben. Inzwischen sind sich Experten einig, dass die Frage nicht mehr lautet, ob die Europäische Zentralbank (EZB) nachzieht, sondern nur noch wann. Am 21. Juli könnte es so weit sein, dann tagt der EZB-Rat, das oberste geldpolitische Gremium der Notenbank. Doch wer profitiert eigentlich von steigenden Leitzinsen?

Konsumenten leiden aktuell besonders unter der hohen Inflation. Diese zu bekämpfen, ist eine Hauptaufgabe der Notenbank. Dafür soll der Leitzins erhöht werden. Denn steigende Zinsen wirken der Inflation entgegen. "Allerdings: Wenn man heute die Zinsen anhebt, dann geht nicht morgen oder übermorgen 'automatisch' die Inflation nach unten", erklärt Tobias Basse, Analyst bei der Norddeutschen Landesbank.

"Die Preise dürften allenfalls mit einer Zeitverzögerung von drei bis sechs Monaten auf die Zinsänderungen reagieren", so Basses Einschätzung. Leitzinsen senken die Inflation indirekt: Der Leitzins ist der Zinssatz, den Geschäftsbanken bei der Zentralbank zahlen, um sich selbst Geld zu leihen. Seit 2015 liegt er unter 0,1 Prozent. Deshalb waren Kredite jahrelange extrem günstig. Wenn sich der Zins, den Banken an die Zentralbank zahlen, nun erhöht, geben sie diese an ihre Kunden weiter: Investieren wird teurer, sowohl für Haushalte als auch für Unternehmen. Dadurch sinkt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, womit tendenziell auch die Preise sinken oder zumindest weniger schnell steigen.

"Die Inflation wird sich tendenziell ohnehin abschwächen"

Leitzins-Entscheidungen alleine führten allerdings nicht unmittelbar zu entsprechenden Inflationsraten. Hinzu kommen immer realwirtschaftliche Entwicklungen, führt Basse aus: "Die Kombination von üppiger Liquidität, den Folgen der Pandemie und insbesondere den energiepolitischen Konsequenzen des Ukraine-Konflikts führt zur hohen Inflation, die wir aktuell beobachten. Gegen die Entwicklungen bei den Energiepreisen können die Notenbanken aber offensichtlich wenig tun".

Allerdings kämen die Energiepreise von einem sehr niedrigen Niveau, seien jetzt stark gestiegen und dürften in Zukunft auch noch weiter steigen – allerdings nicht mehr unbegrenzt. Schon deshalb werde "die Inflation sich tendenziell ohnehin abschwächen", so Basse.

Doch fast noch entscheidender als die aktuellen Inflationsraten sind die Inflationserwartungen, die Haushalte und Unternehmen für die Zukunft haben. Wenn diese hoch seien, dann "schrauben die Arbeitskräfte ihre Lohnforderungen nach oben, wodurch wiederum die Preise weiter steigen sollten. Die sogenannte Lohn-Preis-Spirale droht. Dafür gibt es zumindest in den USA erste Anzeichen." Ein Szenario, was die Notenbanken unbedingt vermeiden möchten. "Deshalb kommuniziert die FED auch sehr offensiv, kündigt weitere Zinsanhebungen in der Zukunft schon jetzt an", so Basse.

Der Analyst fasst zusammen: "Wenn es den Notenbanken gleichzeitig gelingt, dass sich hohe Inflationserwartungen in der Wirtschaft nicht verfestigen, dann wird das mittelfristig zu einem spürbaren Rückgang der Inflation führen."

Weitere Gewinner der Zinswende sind Sparer

Auch Sparer dürfen hoffen, zu den Gewinnern der Zinswende zu zählen. Denn mit steigenden Zentralbank-Zinsen wird es für Geschäftsbanken attraktiver, Geld von Privaten zu leihen. Die ING-Bank erhebt beispielsweise ab Juli praktisch keine Negativzinsen mehr für normale Sparer. Geschäftsbanken gehen offenbar mit Sicherheit davon aus, dass die Leitzins-Erhöhung kommen wird, und nehme diese bereits vorweg.

Katharina Lüth, Managing Director beim Finanzdienstleister Raisin, sagt: "Die Zinswende wird konkreter. Nachdem einzelne Banken bereits angekündigt haben, die Negativzinsen zu streichen, werden definitiv Zinserhöhungen folgen – im ersten Schritt jedoch vermutlich vor allem bei längeren Laufzeiten." Seit Anfang des Jahres beobachten die Analysten von Raisin, dass sich erstmals seit Jahren auch die Zinsen für Fest- und Tagesgeld bei manchen Instituten erhöhen. "Während viele Banken in Deutschland noch zögern, erhöhen Banken im europäischen Ausland, aber auch in den USA bereits die Zinsen", so Lüth weiter.

Gleiches gilt auch für Staatsanleihen. Da die Refinanzierung für Staaten teuer wird, bieten sie höhere Zinsen für private Schulden. Zehnjährige US-Staatsanleihen sind bereits mit drei Prozent verzinst: mehr als doppelt so viel wie noch vor einem Jahr. "Doch auch hier ist noch ein bisschen Luft nach oben", so Basses Einschätzung. "Die Zinsen dürften mittelfristig noch etwas steigen. Zu den Gewinnern der Zinswende gehören zudem jene Staaten und Unternehmen, die sich zuletzt im großen Umfang mit günstiger Liquidität versorgt haben" und sinnvoll investiert hätten, fügt Basse hinzu.

Die Inflationsbekämpfung ist nicht ohne Risiko

In der inflationsdämpfenden Wirkung der erhöhten Leitzinsen liegt aber auch ein Problem: Wenn steigende Zinsen zu einer sinkender Nachfrage führen, können sie auch das Wirtschaftswachstum bremsen. Das eine sei nicht ganz ohne das andere zu haben, erklärt Basse: "Die Notenbanken stehen aktuell vor einem Dilemma: Sie müssen die hohen Inflationserwartungen der privaten Haushalte bekämpfen. Gleichzeitig würden die aktuell diskutierten Zinserhöhungen der FED von bis zu vier Prozent die wirtschaftliche Entwicklung stark dämpfen, wodurch wiederum eine Rezession droht. Diese Gefahr ist zumindest in den USA real."

Wenn den Zentralbanken diese Gratwanderung jedoch gelingt – und der Analyst der Norddeutschen Landesbank ist in dieser Frage optimistisch–, dann dürfte die Zinswende ein gutes Signal für Verbraucher und Sparer sein. Die Inflationsrate dürfte ab Herbst wieder sinken. Von Gewinnern der Zinswende würde Basse dennoch nicht sprechen. Denn auch mit gestiegenen Zinsen bleiben die realen Renditen von Sparern aufgrund der Inflation vorerst negativ. Und auch die Inflation wird nicht verschwinden, sondern im Bestfall nur weniger schnell steigen.

Außerdem: Die wenigsten Menschen sind nur Konsumenten oder nur Sparer. Wer zudem etwa in Aktien oder Immobilien investiert hat, der dürfte die negativen Auswirkungen der Zinswende zu spüren bekommen. Und auch Staaten könnten zu den großen Verlierern gehören.

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