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Warum Veganer und Fleischesser nicht aufhören können, sich gegenseitig anzugreifen

·Lesedauer: 6 Min.

Zwei Männer, Cousins aus Florida, streiten sich darüber, was besser sei, Kuh- oder pflanzliche Mandelmilch. Der Streit eskaliert, die Männer prügeln sich, der eine sticht schließlich auf den anderen mit einem Messer ein. Der Messerstecher wird von der Polizei festgenommen. So schraubte sich eine Auseinandersetzung über die vermeintlich "richtige" Ernährungsweise im September 2020 hoch. Experten erklären, worum es eigentlich bei der emotional aufgeladenen Debatte – ob wir Tiere oder Tierprodukte oder uns lieber vegan ernähren sollten – geht.

Ein Zeuge berichtete, dass einer der beiden Männer extrem wütend wurde. Die Auseinandersetzung wurde handgreiflich, woraufhin er ein knapp acht Zentimeter langes Taschenmesser zog und den anderen Mann damit über den Hof jagte. Bis er ihn letztlich traf und eine kleine Wunde hinterließ.

Der Polizeibericht löst allerdings nicht auf, ob der Verdächtige nun für oder gegen Mandelmilch war. Dabei handelt es sich nur um ein weiteres Beispiel der wutgeladenen Diskussion: Sollte man Fleisch und Milchprodukte konsumieren? Oder sich lieber streng vegan ernähren? Glücklicherweise sind solche Konfrontationen im wahren Leben eher selten. Die meisten Diskussionen über Ernährung finden im Internet statt. Dabei kann die Entscheidung Fleisch zu essen (und wie viel) in einem Meer aus Beleidigungen enden, die eher den Blutdruck nach oben schnellen lassen, als dass sie die Meinung, ob man Fleisch zu konsumieren sollte, beeinflussen, sagt Matthew Ruby

Ruby ist Professor der Psychologie an der La Trobe University und hat sich auf die Psychologie der Ernährung spezialisiert. „Menschen beider Seiten sind sehr verbissen darauf, die Dinge persönlich zu nehmen“, sagt Ruby. 

„Plant-based“ um Konfrontationen aus dem Weg zu gehen?

Der Begriff „vegan“ ist mittlerweile Gegenstand für vieler Gespräche und häufig auch Kontroversen. Zwar würden immer mehr Menschen komplett auf tierische Produkte verzichten, sie umschrieben ihre Ernährungsweise aber vorsichtshalber lieber als hauptsächlich pflanzlich statt vegan, um Vorurteilen und Gerüchten rund um den Begriff Veganismus vorzubeugen, sagt Nicole Civita. Sie ist Spezialistin für nachhaltige Ernährungssysteme an der Colorado Boulder University. 

Die Debatte habe genau so viel mit Politik zu tun, wie mit der Tatsache, was wirklich auf dem Teller landet. Nach Civita und Ruby reflektieren Entscheidungen über Ernährungsfragen tiefe Unterschiede in Kultur und Ethik. Aber sie vereinen auch Ängste über die gemeinsame Zukunft und der eigenen Identität.

Beide Seiten erklären ihre Ernährungsweise als die für den Menschen natürlichste

Ein weit verbreitetes Argument für oder gegen das Fleischessen ist, wie Menschen aufgewachsen sind. Nach Civita vertrauen die meisten Menschen, wenn sie über Ernährung diskutieren, auf ein einfaches Konzept: die vier Ns — natürlich, normal, notwendig, nett.

Demnach verwenden Allesesser nur Argumente, die das Fleischessen als natürlich und biologisch bezeichnen. Insofern wäre das Fleischessen wichtig und in unserer Kultur verankert. Die Menschen bräuchten Fleisch (oder eben Pflanzen) für eine optimale Gesundheit. Als weiteres Argument wird die Ernährung, etwa das Essen von Fleisch, als genussreicher empfunden — und ein Verzicht wäre unbefriedigend.

In Wirklichkeit gibt es keinen eindeutigen Beleg, ob nun eine pflanzliche oder tierproduktreiche Ernährung besser ist. Die meisten Ernährungsspezialisten und medizinischen Experten bestätigen, dass eine ausgewogene Ernährung mit vielen Lebensmitteln der gesündeste Weg sei, ob nun mit oder ohne tierische Produkte.

Während rotes und verarbeitetes Fleisch als Ursache chronischer Krankheiten untersucht wurde, werden Geflügel, Meeresfrüchte und Käse in Maßen überwiegend als gesund angesehen.

Ein auf der Abstammung des Menschen basierender Ansatz der Ernährung ist nicht unbedingt überzeugender, findet Ruby: „Ich finde dies nicht besonders hilfreich – natürlich ist nicht gleich besser. Auch Erdbeben oder der Schwarze Tod sind natürlich.“

Civita ergänzt, dass jenseits persönlicher Vorlieben unsere eigene Wahrnehmung und wie wir von anderen Menschen wahrgenommen werden wollen, durch die Ernährung beeinflusst werde. Denn "Ernährung ist eine Form die eigene Identität auszudrücken," sagt sie.

Ernährungsweisen sind eng verbunden mit moralischen Ansichten

Veganer würden oft als übermäßig sensibel bei der Fleischfrage dargestellt, wobei es umgekehrt genauso sei, meint Civita. Weiter führt sie aus: Die meisten Menschen bevorzugten es, nicht zu sehr über ihre Konsumgewohnheiten nachzudenken zu müssen oder zumindest die Wahl zu haben, wann und wie viel sie diese beachten müssten.

Veganismus hingegen zwinge die Menschen ihre Rolle im Nahrungsmittelsystem und der Nahrungskette zu überdenken. "Es gibt diese Vorstellung vom unausgesprochenen Verurteil: Meine Entscheidung, keine tierischen Produkte zu konsumieren, impliziert wiederum das Verurteilen von jemand anderem, der tierische Produkte zu sich nimmt", sagt Civita.

Das heutige Lebensmittelsystem ermöglicht uns den Luxus, Fleisch zu essen, ohne über die Herkunft nachzudenken. Das Distanzieren oder Befürworten von Tierrechten könne so einfach unterbrochen werden, dass eine Form von Ignoranz entstehe, erklärt Ruby. 

"Die meisten Menschen wachsen mit dem Glauben auf, Fleisch essen wäre normal. Aber an einem Punkt im Leben lernen sie, wo das Fleisch überhaupt herkommt. Dadurch kann ein innerlicher Konflikt entstehen. Da viele Menschen vollkommen ahnungslos sind, wo ihre Lebensmittel herkommen, kann die Erkenntnis etwas schockierend wirken", sagt Ruby.

Um die Angelegenheit noch schwieriger zu machen: Viele Menschen mögen Tiere, insbesondere die niedlichen. An irgendeinem Punkt sind Fleischesser also gezwungen, ihre Liebe für Tiere mit der Entscheidung einige solcher zu essen in Einklang zu bringen. Ruby meint, dass dieser mentale Zwiespalt die Menschen ihre Ernährungsentscheidung so stark verteidigen lässt.

Die Popkultur hat Fleischessen als Sinnbild für Männlichkeit, Kraft und Reichtum erschaffen

Unabhängig von Moralvorstellungen kann Fleischessen auch die Geschlechteridentität beeinflussen, insbesondere betroffen ist das männliche Geschlecht. Traditionell wird Fleisch mit Begriffen wie Kraft und Männlichkeit verbunden. Die Popkultur unterstützt diese Vorstellung weiter, etwa mit Werbungen wie Burger Kings "Manthem".
"Fleisch wird mit Reichtum, Kraft, Ansehen und Männlichkeit assoziiert, solche Annahmen werden häufig in der Werbung genutzt", erläutert Ruby.

Im Gegensatz dazu werden Veganismus oder Vegetarismus mit Weiblichkeit assoziiert – ein Beispiel ist die widerlegte Vorstellung, Soja würde den Östrogenspiegel erhöhen und den Testosteronspiegel bei Männern senken – was bei Männern angeblich schon zu Brustwachstum oder femininen Eigenschaften geführt hätte. (Dem ist nicht so.)

Fleischesser sind politisch eher konservativ

Obwohl einzelne Veganer oder Fleischesser zu allen verschiedenen politischen Spektren gehören können, zeigen neue Entwicklungen politische Muster hinter Ernährungsweisen. Fleischesser neigen dazu eher konservativ und traditionell zu sein. Dies ist zum Teil zurückzuführen auf die gleiche vorherrschende soziale Orientierung von Fleischessern und politisch Konservativen: die Vorstellung einer natürlichen Klassenordnung. 

„Es gibt immer mehr Anhaltspunkte, dass in vielen Kulturen der Welt, Fleischessen mit dem konservativen politischen Spektrum verbunden ist. Durchschnittlich gibt es eine kleine bis mäßige Verbindung mit dem Konservatismus“, sagt Ruby. Trotzdem gibt es einige Ausnahmen, etwa die veganen Neo-Nazis oder extrem rechte vegane Politiker in Indien.

Ernährungsfanatiker beider Seiten haben mehr Gemeinsamkeiten als sie vielleicht ahnen

Wie unsere Entscheidungen den Klimawandel und wirtschaftliche Gerechtigkeit beeinflussen können, ruft bei vielen Menschen soziale und umweltpolitische Ängste hervor. Es entstehen mehr Gedanken zu Moralvorstellungen und sozialer Verantwortlichkeit.

"Es herrscht Unsicherheit wie man gesund lebt und ein guter Mensch sein kann. In der Vorstellung sich wohlzufühlen und die Kontrolle zu haben, herrscht die Pflicht sich selbst zu erfinden. Die öffentliche Gesundheitspflege verlangt so, dass Menschen ihren inneren Schweinehund überwinden und sich festlegen", fügt Ruby hinzu.

"Die meisten Debatten finden online statt, sodass man schnell vergisst, dass man mit realen Menschen redet. Viele von uns haben eher gemeinsame Wertevorstellungen als Unterschiede", sagt Ruby. "Der Versuch, sich in die andere Person hineinzuversetzen, bedeutet nicht gleichzeitig ihren Standpunkten zuzustimmen."

Dieser Text wurde aus dem Englischen Übersetzt. Das Original findet ihr hier.

Dieser Artikel erschien bei Business Insider bereits im Oktober 2020. Er wurde nun erneut geprüft und aktualisiert.

VIDEO: Wie gesund ist vegane Ernährung? Das musst du beachten

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