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Vattenfall will Offshore-Windparks in Deutschland bauen – hadert aber mit den Rahmenbedingungen

Flauger, Jürgen
·Lesedauer: 5 Min.

Die neue Chefin des Energiekonzerns, Anna Borg, hält Deutschland auch nach Kohle- und Atomausstieg für einen „Kernmarkt“. Doch andere Länder seien besser aufgestellt.

Ein Umspannwerk und Windräder stehen in der Nordsee rund 43 Seemeilen (70 Kilometer) westlich der Insel Sylt im Offshore Windpark
Ein Umspannwerk und Windräder stehen in der Nordsee rund 43 Seemeilen (70 Kilometer) westlich der Insel Sylt im Offshore Windpark

Der Energiekonzern Vattenfall würde gerne sein Engagement bei der Windenergie in Deutschland ausbauen, hadert aber mit den Rahmenbedingungen. „Wir würden sehr gerne auch in Deutschland in Offshore-Windenergie investieren“, sagte Anna Borg, Präsidentin und CEO von Vattenfall, am Mittwoch zum Auftakt des Handelsblatt Energie-Gipfels. „Unsere Projekte liegen aber derzeit in den Niederlanden, Dänemark und Großbritannien.“

Der schwedische Energiekonzern zählt sich selbst zu den drei größten Investoren in Offshore-Windparks in Europa. Gut zwei Drittel der Milliarden, die Vattenfall in Wachstumsprojekte investiert, fließen auch in diesen Bereich, wie Borg schilderte. Derzeit baut der Konzern beispielsweise vor der Küste von Südholland an einem riesigen Projekt, das mit einer Leistung von 1500 Megawatt zu den größten Windparks Europas zählen wird.

In Deutschland dagegen gibt es aktuell keine neuen Projekte. Dabei gehörte Vattenfall hierzulande zu den Pionieren bei der Offshore-Windenergie. Vor einem Jahrzehnt waren die Schweden am ersten Testprojekt, Alpha Ventus, beteiligt und haben sich anschließend an zwei großen Offshore-Windparks beteiligt.

Vattenfall habe deshalb die Strukturen, um auch in Deutschland neue Projekte in Angriff zu nehmen, sagte Borg. Aktuell sieht sie aber in anderen Ländern bessere Rahmenbedingungen. „Wir bräuchten hier auch ein CfD-System“, sagte Borg. Solche „Contracts for Difference“ (CfD) gibt es aktuell in Großbritannien und anderen Ländern. Sie geben den Betreibern von neuen Offshore-Windenergieanlagen eine finanzielle Absicherung.

Bei Ausschreibungen für neue Projekte für Offshore-Windparks in Deutschland erhält derjenige den Zuschlag, der die geringste Förderung verlangt. Deshalb wurden zuletzt vor allem Projekte genehmigt, die komplett ohne Zuschüsse auskommen wollen, also auf steigende Stromgroßhandelspreise wetten.

Beim CfD-System wird der Preis nach oben und unten gedeckelt. Der Betreiber ist abgesichert, wenn die Börsenpreise unter die Grenze fallen, die Gewinne werden aber auch gekappt, wenn sie deutlich darüber liegen. Dadurch werden Gebote wie in Deutschland, die komplett ohne Absicherung auskommen, unattraktiver.

Die Kritik am deutschen System wird von vielen Konkurrenten geteilt – auch RWE hatte sich zuletzt sehr kritisch geäußert. Nach Borgs Worten hakt es aber auch an den Netzanschlüssen und den Genehmigungen. „Mehr Tempo ist nötig“, forderte die Vattenfall-Chefin.

Borg steht seit November an der Spitze

Borg hat die Führung des schwedischen Konzerns, der auch in Deutschland zu den größten Energieunternehmen gehört, erst im November übernommen. Die Schwedin, die zuvor drei Jahre lang das Finanzressort geführt hatte, löste Magnus Hall ab.

Von ihrem Vorgänger übernahm sie eine anspruchsvolle Aufgabe: „Vattenfall hat sich zum Ziel gesetzt, innerhalb einer Generation ohne fossile Brennstoffe auszukommen“, erläuterte die Managerin, die 1971 geboren wurde, auf dem Handelsblatt Energie-Gipfel.

Im Jahr 2019 erzeugten die Schweden noch fast ein Viertel ihres Stromes mit fossilen Brennstoffen und stießen 18 Millionen Tonnen CO2 aus. In den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten will Vattenfall aber klimaneutral werden. „Wir werden weiter in Windenergie investieren – und aus der Kohle aussteigen“, erläuterte Borg. Auch im Geschäft mit Wasserstoff sieht der Konzern nach Borgs Worten große Chancen.

Den Green Deal der Europäischen Union und die neuen, verschärften Klimaziele begrüßte sie deshalb: „Unsere Strategie beruht darauf, nachhaltig zu arbeiten und aus den fossilen Brennstoffen auszusteigen“, sagte Borg: „Die neuen Ziele der EU stärken unsere Strategie.“

In Skandinavien betreibt Vattenfall im großen Stil Wasserkraftwerke, die zuletzt schon 28 Prozent des Stromes lieferten. Gleichzeitig investiert der schwedische Energiekonzern aber eben auch in neue alternative Energiequellen, vor allem Offshore-Windparks.

Im Gegensatz zu den deutschen Energiekonzernen spielt für Vattenfall allerdings auch noch die Atomkraft eine zentrale Rolle in der Klimastrategie. Sie ist zwar in vielen Staaten politisch geächtet, produziert Strom aber eben CO2-frei. Der Kohleausstieg ist bei Vattenfall besiegelt.

Während die Schweden in Deutschland mit ihren Reaktoren Krümmel und Brunsbüttel wegen des Atomausstiegs nicht mehr ans Netz gehen dürfen, werden die Reaktoren in Skandinavien noch über viele Jahre hinweg Strom produzieren. Aktuell steuern sie mehr als 40 Prozent zur Produktion bei.

Der Ausstieg aus der Kohle läuft dagegen bei Vattenfall auf Hochtouren. Bis 2030 soll er abgeschlossen sein, sagte Borg.

Die hohen CO2-Emissionen hatten sich die Schweden Anfang des Jahrtausends mit ihrer Auslandsexpansion eingehandelt, speziell nach Deutschland. Vattenfall hatte damals nicht nur die Versorger von Hamburg und Berlin gekauft, sondern auch den Betreiber des Braunkohletagebaus in der Lausitz – und war so in Deutschland nach RWE zum größten Kohlekonzern aufgestiegen, der Kohle eben nicht nur verstromte, sondern im eigenen Tagebau auch förderte.

2016 stieß Vattenfall aber schon die Braunkohleaktivitäten ab und verkaufte sie an Investoren aus Tschechien. Und auch die Stromproduktion mit Steinkohle soll zügig beendet werden. Vattenfall wird schon 2021 das Kraftwerk Hamburg-Moorburg stilllegen. Die Anlage war erst 2015 nach heftigem Widerstand von Umweltschützern in Betrieb gegangen und ist eines der modernsten und effizientesten Kohlekraftwerke Europas.

Vattenfall meldete das Kraftwerk aber schon bei der erste Auktion an, mit der im Rahmen des im vergangenen Jahres beschlossenen Kohleausstiegs die Steinkohlekraftwerke schrittweise aus dem Markt gedrängt werden sollen, und bekam im Dezember den Zuschlag.

„Deutschland hat beschlossen, aus der Kohle auszusteigen, und wir haben die Konsequenzen gezogen“, erläuterte Borg die Entscheidung, das Kraftwerk Moorburg schon wieder abzuschalten. Weil die Preise für CO2 im Emissionshandel steigen, verschlechtere sich aber auch die Wirtschaftlichkeit von Kohlekraftwerken. „Das ist kein profitables Geschäft mehr“, hielt Borg nüchtern fest.

Die Managerin leitet den Energiekonzern Vattenfall seit dem vergangenen November. Foto: dpa
Die Managerin leitet den Energiekonzern Vattenfall seit dem vergangenen November. Foto: dpa