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Wie der Vatikan grün werden soll

Papst Franziskus hat die Vorgabe gemacht, jetzt kommt die Umsetzung: Der Vatikan wird zum Mini-Öko-Staat und spart Energie. Und ein Tempolimit gibt es auch.


In der gesamten Vatikanstadt, dem kleinsten Staat der Welt, ist neuerdings Öko-Denken angesagt. Foto: dpa

Es ist die größte Kirche der Welt und täglich stehen Pilger und Touristen in langen Schlangen vor den Metalldetektoren, um schließlich hineinzukommen. Der Petersdom in Rom ist das Zentrum der Katholischen Kirche. An einem Fenster in der Mitte über dem Portal stehend sendet Papst Franziskus an Weihnachten und Ostern seinen Segen „Urbi und Orbi“ an die Stadt und den Erdkreis. Auf dem Platz stehen riesige Monitore wie bei einem Pop-Konzert, die jeden Gesichtsausdrucks des Papstes im Großformat übertragen.

Doch erst am Abend sieht man die umwerfende Architektur des Platzes, den Gian Lorenzo Bernini zwischen 1656 und 1667 schuf und dessen halbrunder Säulengang die Grenze zwischen dem Vatikanstaat und Italien bildet. Dann strahlt der Platz, beleuchtet von 132 weißen LED-Flutern, die geschickt beinahe unsichtbar an Berninis Säulen angebracht sind. Die dafür nötigen fünf Kilometer Kabel sind nicht zu sehen.   

Und auch das Innere des Petersdoms strahlt seit Januar in neuem Licht, wie auch schon seit 2014 die Sixtinische Kapelle. 780 speziell in Wipperfürth entwickelte und gefertigte LED-Leuchten, bestückt mit 100.000 Leuchtdioden aus Regensburg sowie eine Osram-Lichtsteuerung seien eingebaut worden, heißt es beim Münchner Unternehmen Osram Licht AG, die den Auftrag vom Governatorat, also der Staatsverwaltung des Vatikanstaats, erhalten hat.   

Kunsthistoriker loben die Betonung der Architektur und der Kunstschätze, für den Vatikan gibt es jedoch einen anderen Grund für den Austausch der alten Beleuchtungsanlagen: So wird Energie gespart. Im Petersdom sind das durch die Reduzierung der Leuchten, die jetzt effizienter sind, und durch die digitale Steuerung per Tablet im Vergleich zur alten Beleuchtung bis zu 90 Prozent, auf dem Petersplatz rund 70.

Nicht nur das. In der gesamten Vatikanstadt, dem kleinsten Staat der Welt, ist neuerdings Öko-Denken angesagt. Elektroautos ersetzen Diesel bei Dienstwagen und dem Fuhrpark der Gendarmerie, es gibt zehn Ladestationen. Das Wasser der Brunnen wird aufgefangen und weiterverwendet, damit es keine Verschwendung gibt, eine neue energiearme Bewässerungsanlage für die Vatikanischen Gärten wurde eingebaut, im eigenen Landwirtschaftsbetrieb in der Sommerresidenz Castel Gandolfo werden Bio-Gemüse und Bio-Wein angebaut. Der Müll wird getrennt und in der Kantine für die Angestellten des Vatikans werden Teller und Gläser, obwohl aus Plastik, recycelt.

Für den neuen Weg zum „grünen“ Vatikan gibt es einen Grund und dazu noch eine Vorlage von ganz oben. „Das Governatorat ist dabei, in allen Abteilungen die Prinzipien der Enzyklika einzuführen, bei denen es um die Pflege und den Respekt des gemeinsamen Hauses geht“, erklärt Bischof Fernando Vérgez Alzaga, der Generalsekretär des Vatikanstaates, im Hausorgan „Osservatore Romano“.

Papst kritisiert Wegwerfkultur

Die Enzyklika, das ist die „Laudato sì“, die Papst Franziskus 2015 veröffentlichte. Darin prangert er die Luftverschmutzung an durch „das Verkehrswesen und durch Industrieabgase, aufgrund von Deponien, in denen Substanzen gelagert werden, die zur Versauerung von Boden und Wasser beitragen, aufgrund von Düngemitteln, Insektiziden, Fungiziden, Herbiziden und Agrotoxiden allgemein.“

Er weist in dem zugleich „Umwelt-Enzyklika“ getauften Werk auch auf den Müll hin: „Die Erde, unser Haus, scheint sich immer mehr in eine unermessliche Mülldeponie zu verwandeln.“ Und er kritisiert die Wegwerfkultur – da ist es kein Wunder, dass seine Denkanstöße auch im eigenen Haus, sprich im Vatikan, umgesetzt werden sollen.  

Noch lange nicht so weit ist Italien. Die Regierung Conte hat sich zwar einen „Green Deal“ ins Programm geschrieben und das Thema Nachhaltigkeit ist gerade in und wird vor allem in der Mode zu PR-Zwecken eingesetzt. Aber es gibt noch immer kein Getränkepfand auf Plastikflaschen, die im Müll landen. Und in den Geschäften wird jeder Schinken und jeder Käse fünfmal in Plastik verpackt.

Von der grünen Partei existieren nur wenige versprengte Aktivisten, die in keinem Parlament oder Stadtrat sitzen. Und die Schüler in Italien brauchten einige Wochen länger als ihre Mitstreiter in den anderen europäischen Ländern, bis sie die ersten „Fridays-for-Future“-Demos organisierten, die auch schnell wieder eingeschlafen sind.

Dafür sind Öko-Standard allerdings in einem Mini-Staat mit 44 Hektar Fläche und 932 Einwohnern auch leichter einzuführen als in großen Ländern. Und es gibt durchaus kritische Stimmen. Das sei doch Ideologie und Trendhörigkeit, meint ein Bewohner des Vatikanstaates, der zum Lager der Papst-Kritiker gehört. Außerdem stünden viele Apartments leer und müssten beheizt werden und ganz so streng sei man mit der Plastikvermeidung nicht. Doch die meisten folgen dem neuen Dreh gern.

Ein Satz aus der Enzyklika von „der anderen Seite des Tibers“, wie der Vatikanstaat in Rom genannt wird, scheint dagegen wie maßgeschneidert zu sein für die Regierenden in Italien: „Man muss einer soliden Politik den Vorrang geben, die die Institutionen zu reformieren und zu koordinieren vermag und die auch deren Betrieb ohne Pressionen und lasterhafte Trägheit gewährleistet.“

Und noch etwas könnten sich Italien vom Vatikan abschauen: Es ist der einzige Staat der Welt, in den die Höchstgeschwindigkeit bei 30 Stundenkilometern liegt. 

Mehr: Im Veneto ist ein Streit entbrannt: Die Winzergenossenschaft der Region Valdobbiane will auf ihren Schaumwein-Flaschen das Wort „Prosecco“ streichen.