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Merkels Top-Verhandler Corsepius gilt als knallhart, arrogant, ruppig – und soll das EU-Problem lösen

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Die Blockade des EU-Haushalts durch Ungarn und Polen bringt die Kanzlerin unter Zugzwang. Ihr europapolitischer Berater Uwe Corsepius muss eine Lösung finden – und das schnell.

Uwe Corsepius ist nicht zu übersehen. Wenn die Kanzlerin einen Staatsgast empfängt und sich ihre engsten Mitarbeiter neben ihr zur Begrüßung aufstellen, überragt ihr europapolitischer Berater die anderen um eine Kopflänge. Doch der Öffentlichkeit ist der promovierte Ökonom kaum bekannt. Dabei kommt dem 60-Jährigen im Streit mit Polen und Ungarn vor der kommenden Sitzung der EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel eine entscheidende Rolle zu.

Denn seine Chefin sitzt in der Klemme. Die Regierungschefs Viktor Orbán und Mateusz Morawiecki haben ihr Veto gegen die Verabschiedung des milliardenschweren EU-Haushalts mitsamt den Corona-Wiederaufbauhilfen eingelegt. Sie wollen nicht akzeptieren, dass ihre EU-Subventionen in Zukunft gekürzt werden, wenn sie nicht Standards wie die Unabhängigkeit der Gerichte einhalten.

Deutschland hat bis Ende des Jahres die EU-Ratspräsidentschaft, und Corsepius muss für die Kanzlerin in Windeseile eine Lösung finden.

Corsepius gilt als harter Verhandler. Er kennt Brüssel und Berlin aus dem Effeff, arbeitete bereits unter den Kanzlern Helmut Kohl und Gerhard Schröder. Von 2006 bis 2011 war der Volkswirt Merkels Mann für Europa. Danach saß der Familienvater vier Jahre lang als Generalsekretär des EU-Rats an einer der Schaltstellen in Brüssel, bis er 2015 wieder nach Berlin wechselte. Offenbar war er mit dem Apparat in Brüssel nie warm geworden. Wie er selbst bei seiner Verabschiedung feststellte, wechsele er nun für einen Bruchteil seines Gehalts nach Deutschland zurück.

In alle den Jahren war Corsepius auch immer einer der obersten Krisenmanager der Kanzlerin. Zunächst beschäftigte ihn die aufziehende Eurokrise mit dem ersten Rettungspaket für Griechenland. Nach seiner Rückkehr nach Berlin stand unmittelbar die Flüchtlingskrise auf dem Programm. In diesem Sommer bereitete Corsepius nun mit seinem französischen Kollegen für Merkel und Präsident Emmanuel Macron den Corona-Wiederaufbaufonds vor.

In Brüssel gab es auch immer wieder Kritik zu hören wegen seines teilweise als arrogant und ruppig empfundenen Stils. Waren es in der Eurokrise die Südländer, die sich mitunter vor den Kopf gestoßen fühlten, gab es zuletzt vermehrt Konflikte mit den Osteuropäern, vor allem in der Flüchtlingspolitik. Da habe Corsepius anfangs die Widerstände gegen eine europaweite Verteilung von Flüchtlingen unterschätzt, kreiden ihm einige in Berlin an.

Der Einfluss ist gewaltig

Doch sein Einfluss in Berlin könnte nicht größer sein. Zwischen dem Kanzleramt und dem Auswärtigen Amt gab es immer eine Rivalität um die Europapolitik. Doch in der Ära Steinmeier wurde das Auswärtige Amt strukturell in der Europapolitik geschwächt, als sich die Spitzenbeamten am Werderschen Markt mehr darum kümmerten, selbst Karriere in der EU-Kommission zu machen, als ihren Minister in Brüssel zu positionieren. Corsepius ist bis heute der heimliche Gewinner dieser Entwicklung. Beobachter meinen, er habe mehr Einfluss als Außenminister Heiko Maas in der Europapolitik.

Corsepius bleibt nicht mehr viel Zeit, um eine Lösung zu finden. Denn ab 1. Januar soll das Geld für die Corona-Wiederaufbauhilfen fließen und der EU-Haushalt in trockenen Tüchern sein. Das kommt Corsepius entgegen, der wie kein Zweiter das politische Pokerspiel beherrscht. So beschreiben ihn Insider aus Brüssel. Er dürfte sein Netzwerk nach Wien und Prag nutzen, um Budapest und Warschau zum Einlenken zu bewegen.

Doch eines ist ihm auch klar: Bleiben Ungarn und Polen bei ihrem Veto, fließen ab Anfang 2021 keine Gelder mehr aus den Strukturfonds in die beiden Länder. Corsepius ist schon zu lange im Geschäft, als dass er vor Polen und Ungarn zu früh einknicken würde.