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Die USA und China sind ebenso abhängig von Europa wie umgekehrt

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Weil sich der Streit zwischen Peking und Washington zuspitzt, fürchtet Europa, sich für eine Nation entscheiden zu müssen. Doch die Abhängigkeit ist wechselseitig.

Geraten Europas und insbesondere Deutschlands exportorientierte Unternehmen zwischen die Fronten, wenn der Konflikt zwischen China und den USA weiter eskaliert? Die Sorge gibt es, seitdem der Begriff „Decoupling“ Konjunktur hat. Eine politisch getriebene Entflechtung der chinesischen und amerikanischen Volkswirtschaften würde die komplette Umkehrung der bis in die jüngste Vergangenheit voranschreitenden wirtschaftlichen Integration der beiden Großmächte bedeuten.

Mit „Decoupling“ einher geht die Furcht europäischer Unternehmen, sich eines Tages entscheiden zu müssen, wo sie stehen – auf der Seite Washingtons oder Pekings. Oder ob sie sich „zweiteilen“ müssen, um mit jeweils weitgehend separierten Unternehmen in China und in den USA auftreten zu können.

Die Folgen könnten in beiden Fällen verheerend sein: deutliche Umsatzeinbrüche und sinkende Effizienz, wobei beide Effekte sich gegenseitig noch verstärken dürften. Deshalb stehen vor allem drei Kernfragen im Raum: Wie abhängig ist Deutschlands Wirtschaft von China? Wie abhängig ist sie von den USA? Und was könnte die Abhängigkeit verringern?

Auf den ersten Blick ergibt sich ein düsteres Bild großer Abhängigkeit: China ist Deutschlands größter Handelspartner. So erzielen die 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland im Schnitt 15 Prozent ihrer Umsätze in der Volksrepublik. Die deutschen Autohersteller erwirtschaften sogar mehr als 20 Prozent ihrer Erlöse in China.

Übertroffen wird die Bedeutung Chinas für deutsche Exporte nur von den USA. Die USA sind der größte Abnehmer deutscher Waren, im vergangenen Jahr exportierten deutsche Unternehmen Waren im Wert von fast 120 Milliarden Euro in die USA. Schon diese Beispiele zeigen: Jede Verschlechterung der Beziehungen zu Peking und Washington trifft deutsche Unternehmen.

Wechselseitige Abhängigkeit

Bei genauem Hinschauen aber hellt sich die Lage deutlich auf: Chinesische Unternehmen exportierten bisher nämlich in noch größerem Umfang nach Deutschland, als deutsche Unternehmen nach China exportieren. Im vergangenen Jahr waren das Waren im Wert von 110 Milliarden Euro. In der Europäischen Union kommen sogar 20 Prozent aller Importe aus China, mehr als aus jedem anderen Land.

Es gibt also keine einseitige, sondern eine wechselseitige Abhängigkeit – auch wenn Europas Bedarf an strategischen Rohstoffen wie etwa Seltene Erden, bei denen China Quasimonopolist ist, nicht gering geschätzt werden soll. Das Prinzip wechselseitiger Abhängigkeit gilt ebenso im Handel zwischen der EU und den USA: Immerhin zwölf Prozent aller EU-Importe kommen aus den USA.

Schon diese wirtschaftlichen Interdependenzen deuten darauf hin, dass Europa gegenüber Peking und Washington durchaus politisch Flagge zeigen kann. Darüber hinaus ist die jahrelang gestiegene Zahl der Übernahmen europäischer Unternehmen durch chinesische Konkurrenten zuletzt deutlich gesunken – und zwar nicht nur wegen Corona.

Vielmehr sehen europäische Regierungen solche Übernahmen zunehmend skeptisch und steuern entsprechend dagegen. Das vor allem von Frankreich vorangetriebene Projekt, große digitale Plattformunternehmen zu besteuern, signalisiert, dass Europa auch den USA politisch Paroli bieten kann.

Die großen amerikanischen Plattformunternehmen gehören in puncto Marktkapitalisierung zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Sie erzielen große Teile ihrer Umsätze in Europa – und beobachten schon deshalb mit Argusaugen die regulatorischen und steuerlichen Entwicklungen auf dem Kontinent. All das verdeutlicht, wie viel für alle Seiten auf dem Spiel steht.

In der globalisierten Welt sind nicht nur europäische Unternehmen auf den Marktzugang in China und den USA angewiesen, sondern auch chinesische und amerikanische Unternehmen auf den Marktzugang in Europa. In der globalisierten Welt gibt es keine einseitige Abhängigkeit.

Das gilt auch für das Verhältnis zwischen China und den USA. Es heißt zwar immer, Washington sei schon deshalb in hohem Maße von Peking abhängig, weil China durch den Kauf amerikanischer Staatsanleihen zum größten Gläubiger der USA aufgestiegen ist. Doch wie glaubwürdig kann Peking tatsächlich damit drohen, den Kauf von US-Staatsanleihen einzustellen oder die Bonds sogar zu verkaufen, um Druck auf Washington auszuüben?

Damit würde China letztlich vor allem der eigenen Volkswirtschaft schaden, etwa durch eine ungünstige Entwicklung des Renminbi-Wechselkurses gegenüber dem Dollar oder einen massiven Wertverfall der amerikanischen Staatsanleihen im chinesischen Portfolio.

Komplexe Dreiecksbeziehungen

Hinzu kommt: Durch die gigantischen Anleihe-Aufkaufprogramme der nationalen Notenbanken ist das chinesische Drohpotenzial weitgehend verpufft. Peking wird gar nichts anderes übrig bleiben, als auch künftig US-Staatsanleihen zu kaufen und Amerika so die Möglichkeit zu geben, weiterhin über seine Verhältnisse zu leben.

Aus den komplexen (finanz-)wirtschaftlichen Dreiecksbeziehungen zwischen China, Europa und den USA ergeben sich für die kommenden Jahre mehrere Schlussfolgerungen: Erstens sind internationale Abhängigkeiten weitaus vielschichtiger, als sie auf den ersten Blick aus europäischer Perspektive erscheinen mögen. Das eröffnet Gestaltungsmöglichkeiten für intelligente Wirtschaftspolitik.

Zweitens muss Europa dringend weiter daran arbeiten, den gemeinsamen Binnenmarkt als Erfolgsprojekt der vergangenen 25 Jahre für die kommenden 25 Jahre weiterzuentwickeln. Drittens sollte Europa endlich mit einer Sprache sprechen, um gegenüber China und den USA Gehör zu finden. Wenn einzelne EU-Mitgliedstaaten ihre Interessen gegenüber Peking und Washington durchzusetzen versuchen, kommt einem unweigerlich das Bild von David und Goliath in den Sinn. Die Europäische Union als Gesamtheit hingegen könnte mit beiden Mächten auf Augenhöhe verhandeln.

Nicht zuletzt sollte die Europäische Union ihre Position nutzen, um mäßigend auf den Konflikt zwischen China und den USA einzuwirken. Es ist in jedem Fall besser, den Konflikt zu entschärfen, als über mögliche Reaktionen im Falle einer weiteren Eskalation zu reflektieren.

Schließlich gilt nach wie vor das Prinzip, das der britische Ökonom David Ricardo schon vor mehr als 200 Jahren beschrieben hat: Vom gegenseitigen Handel, vom Geben und Nehmen, können alle profitieren – auch das Dreieck zwischen China, den USA und Europa.