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Russischer Energieminister: „Die US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 sind reiner Protektionismus“

Alexander Nowak verurteilt US-Strafandrohungen als Einmischung in die Souveränität anderer Staaten. Und er hat eine interessante Prognose für den Öl- und Gaspreis.

Energieminister Nowak erwartet einen Durchschnittspreis für russisches Urals-Öl von 35 Dollar pro Barrel in diesem Jahr. Foto: dpa

Russlands Energieminister Alexander Nowak wirft den USA vor, mit immer mehr Sanktionen ihre protektionistische Politik durchsetzen zu wollen. Vor allem die von Washington aktuell geplante Verschärfung der Sanktionen gegen die russische Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 seien „absolut illegal und völlig inadäquat. Das ist reiner Protektionismus“, sagte Nowak dem Handelsblatt.

Die USA wollten Europa ihr Flüssiggas oder noch andere Projekte „aufnötigen. Das ist eine Einmischung in die Souveränität europäischer Staaten“, verurteilte der seit 2012 amtierende russische Energieminister die Pläne der USA.

Sein Land habe die seit 2014 immer wieder verschärften Sanktionen gegen Russlands Öl- und Gassektor längst abgehakt und mache Energieprojekte inzwischen eben allein, ohne die Beteiligung westlicher Konzerne. Auch Nord Stream 2 werde fertiggestellt.

Für den durch die Corona-Pandemie schwer getroffenen Ölsektor erwartet er erst eine Erholung in „zwei bis drei Jahren“. Die Menschen würden noch lange weniger reisen, und der Anteil erneuerbarer Energien werde stärker steigen als bisher prognostiziert. Im Jahresdurchschnitt erwartet der 48-Jährige einen Preis für die russische Ölsorte Urals von 35 Dollar pro Barrel (159 Liter). Der Preis für die Nordsee-Sorte Brent dürfte sich ähnlich entwickeln.

Nowak schloss weitere Ölförderkürzungen durch die Opec-plus-Gruppe nicht aus, allerdings seien diese momentan nicht nötig. Die Gruppe des Ölkartells Opec und anderer Ölstaaten wie Russland treffe sich inzwischen monatlich statt einmal pro Quartal, um die Marktentwicklung genau zu analysieren. Nowak räumte zudem ein, dass einige russische Ölquellen, besonders veraltete in Sibirien, nach dem Herunterfahren im Zuge der vereinbarten Förderkürzungen nie wieder produzieren werden.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Nowak, Russland leidet als Energie-Exporteur unter dem massiven Einbruch des Ölpreises. Auch die Coronakrise setzt der Wirtschaft kräftig zu. Jetzt drohen die USA mit weiteren Sanktionen gegen die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Wir haben längst vergessen, dass es überhaupt Sanktionen gibt. Die wurden 2014 eingeführt. Nur weil Sie jetzt fragen, erinnere ich mich überhaupt daran, dass es die ja noch gibt. Unsere Firmen haben sich längst daran gewöhnt, ihre Projekte eigenständig durchzuführen. Wir haben sehr stark eigene Fördertechnik entwickelt und ein Programm zur Importsubstituierung umgesetzt. Die Sanktionen belasten uns nicht mehr. Früher haben wir Energieprojekte gemeinsam gemacht mit westlichen Firmen, heute machen wir sie allein. Und die Sanktionen treffen heute ja nicht mehr allein Russland. Sie werden immer mehr zum Schlagstock, um eigene protektionistische Ziele durchzuprügeln.

Wie werden sie auf mögliche Sanktionen gegen die Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 reagieren?
Diese Pipeline ist ein kommerzielles Projekt, das vor allem Europa und seiner Energiesicherheit dient. Sie nützt der Konkurrenz und dem Wettbewerb. Denn je mehr Versorgungswege es gibt, desto besser und preiswerter wird die Auswahl unter Lieferanten und Lieferrouten. Die Sanktionen und ihre Verschärfung gegen Nord Stream 2 sind absolut illegal und völlig inadäquat. Das ist reiner Protektionismus. Die USA wollen Europa ihr Flüssiggas oder noch andere Projekte aufnötigen. Das ist eine Einmischung in die Souveränität europäischer Staaten.

Und Russlands Gazprom wird trotz allem diese Pipeline fertigstellen?
Gebaut wird die Pipeline von einem Konsortium ausländischer Firmen, nicht von Russland. Das Projekt Nord Stream 2 ist bereits abgeschlossen aus  Sicht der Investitionen und der wirtschaftlichen Funktionsfähigkeit. Für den rein physischen Abschluss der Bauarbeiten werden alle möglichen technischen Mittel eingesetzt.

Wo wir schon über Erdgas reden: Inwiefern fürchten Sie, dass nach dem Ölpreis auch der Gaspreis in den Minusbereich fallen kann?
Die Lage auf dem Gasmarkt ist auch sehr schwierig wegen des Nachfragerückgangs infolge der Corona-Pandemie. Unsere Experten gehen von einem Rückgang des Gasverbrauchs um vier Prozent aus. Die letzten warmen Winter hatten ohnehin schon Wachstumsprognosen für den Gaskonsum obsolet gemacht. Und es sind immer mehr Kapazitäten zur Verflüssigung von Erdgas (LNG) im Bau, der LNG-Anteil am Gasmarkt wächst. Aber wegen des Nachfragerückgangs aufgrund der Pandemie gibt es ein großes LNG-Überangebot, und das setzt die Gaspreise auf den Spotmärkten erheblich unter Druck, die Preise sind zweistellig gefallen.

Wie lässt sich das stoppen?
Der Gasmarkt ist wie der Ölsektor sehr volatil geworden. Fallen die Preise stark, werden Investitionen gekürzt, und das Angebot reduziert sich, die Preise stabilisieren sich. Ich hoffe, dass wir auch auf dem Gasmarkt das Schlimmste schon hinter uns haben. Obwohl es hier viel schwieriger ist, weil es im Gassektor kein regulatives Gremium wie die Opec gibt und Koordinierung viel schwieriger ist. Deshalb ist der Gasmarkt chaotischer, und es wird zu Bankrotten kommen.

Wo denn?
Es wird zu Investitionsstopps und zum Anhalten von Förderanlagen kommen – in den Ländern, die solche Projekte laufen haben und diese mit den aktuellen Preisen nicht realisieren können.

Damit meinen Sie bestimmt US-Frackinggas-Unternehmen?
Ich verfolge die Lage in den USA natürlich genau, und dort gibt es natürlich einige Firmen, die mit dem aktuellen Preisniveau nicht mehr klarkommen.

Dass der Gaspreis auch in Minus rutscht, schließen Sie aus?
Das ist kaum möglich, allenfalls auf kleinen lokalen Märkten. Wie in den USA beim Öl, wo es zeitweise kaum noch abtransportiert oder gelagert werden konnte. Auf dem Gasmarkt gab es das schon einmal ganz kurz an einem europäischen Gas-Hub, aber das sind ganz kurzfristige Einbrüche. Einen länger anhaltenden, systemrelevanten negativen Gaspreis schließe ich aus.

Dann kommen wir zum Ölsektor. Durch die Corona-Pandemie ist die globale Ölnachfrage massiv gesunken und dann der Ölpreis teilweise sogar ins Minus gerutscht. Werden sich Nachfrage und Preis jemals wieder auf das Vorkrisenniveau stabilisieren?
Es wird ein sehr langer Prozess, dass die Nachfrage nach Öl und Gas wieder auf den Bedarf vor der Krise ansteigt. Denn die Menschen haben in der Krise gesehen, dass sie nicht immer viel Auto fahren oder fliegen müssen, dass sie sich über moderne Kommunikationsmittel austauschen können. Ich zum Beispiel habe seit dem 6. März keine einzige Dienstreise mehr gemacht. Alle Treffen fanden seither online statt.

Sie waren also zuletzt auf jener berühmt gewordenen Sitzung mit den Opec-Staaten und anderen Ölländern in Wien, auf der sich Russland und Saudi-Arabien nicht einigen konnten über weitere Ölförderkürzungen. Woraufhin Riad einen Preiskrieg erklärte, seine Produktion voll hochfuhr und den Ölpreis kollabieren ließ. Bereuen Sie, damals nicht eingelenkt zu haben?
Wir sind doch Realisten, da muss man nichts bereuen. Und von einem Ölpreiskrieg spreche ich nicht. Im März konnte sich doch niemand wirklich vorstellen, wie groß Förderkürzungen ausfallen müssen, um den Preis wirklich zu stabilisieren. Wir hatten Recht mit unserer Forderung, zwei Wochen abzuwarten und so lange die bis dahin geltende Produktionsmengenbegrenzung in Kraft zu halten, den Verlauf der Pandemie zu verfolgen und dann zu entscheiden. Das haben wir dann im April gemacht.

Aber Sie haben im März einer Vertiefung der bis dahin geltenden Fördermengenbegrenzung nicht zugestimmt. War das im Nachhinein gesehen ein Fehler?
Die Nicht-Verlängerung war nicht der entscheidende Punkt, weshalb es zum Ölpreisverfall kam. Auf uns hat man nicht gehört seinerzeit, und wir hatten gerade vorgeschlagen, die Beschränkungen auf demselben Niveau zu verlängern. Alternativ vorgeschlagen war eine Förderkürzung um 600.000 bis eine Million Barrel täglich. Aber Experten haben schon damals gesagt, dass die Nachfrage noch drastischer wegbricht. Das fiel zufälligerweise zusammen: Die Nicht-Verlängerung der Mengenbegrenzung und der heftige Einbruch.

Da wäre ein Abkommen von Russland und anderen Förderstaaten mit dem Opec-Kartell doch besser gewesen als keines?
Die Verlängerung der bestehenden Vereinbarung hätte nichts gebracht. Der Preis wäre trotzdem kollabiert, weil das Ölangebot sehr viel größer war als die Nachfrage. Das konnte niemand wissen, und einen solch drastischen Nachfragerückgang konnte niemand ahnen. Und so haben wir den schlimmsten April in der Geschichte der Ölmärkte erlebt. Im schlimmsten Albtraum hätte man sich einen Rückgang des Ölverbrauchs um 25 bis 28 Prozent nicht vorstellen können. Ein Glück, dass der Trend jetzt nach oben zeigt.

Aber wird der Vorkrisen-Ölverbrauch jemals wieder erreicht?
In diesem Jahr sicher nicht wieder. Wir hoffen, dass es 2021 wieder so weit sein wird. Vielleicht braucht es dafür aber auch zwei, drei Jahre. Denn die Menschen werden weniger fliegen, weniger Auto fahren, weniger reisen und mehr online machen. Zwar wird die Wirtschaft wieder wachsen, aber die Ölnachfrage durch den Verkehr wird geringer bleiben.

Und für diesen Fall reicht die im Rahmen der Opec-plus-Gruppe vereinbarte deutliche Förderkürzung? Oder müssen weitere Mengenkappungen her?
Das, was wir vereinbart haben, ist gut berechnet worden. Bis Ende Juni  könnte ein Ausgleich zwischen Ölangebot und Verbrauch erreicht werden, ab Juli könnte bereits ein leichtes Angebotsdefizit entstehen. Im Juli wird es ja durch das Abkommen zwei Millionen Barrel Öl weniger am Markt geben als ursprünglich geplant. Dann schauen wir weiter. Es ist ja sehr vieles im Unklaren: Die Konsumentennachfrage, und wird es eine zweite Corona-Welle geben, die viele erwarten. Das würde die Märkte nochmal erheblich durcheinander wirbeln.

Sie erwägen deshalb erst einmal keine weiteren Förderkürzungen?
Das ist momentan nicht nötig. Aber wir haben ja vereinbart, monatlich die Lage zu besprechen.

Also ist prinzipiell eine weitere Kürzungsrunde möglich, nur jetzt noch zu früh?
Genau. Wir beobachten den Ölmarkt genau, und je nach Lage werden wir dann reagieren. Bisher haben wir einmal im Quartal beraten, jetzt werden wir das monatlich tun im Rahmen von Opec plus. Denn die Lage ist ja sehr volatil.

Was wollen Sie tun gegen die Förderländer, die sich nicht an die vereinbarten Produktionskürzungen halten?
Momentan halten sich alle ziemlich genau an die Vereinbarung. Im Mai zu 85 bis 90 Prozent. Wir haben ja die härtesten Kürzungen aller Zeiten beschlossen, fast zehn Mal so heftig wie beim ersten Opec-plus-Abkommen 2016. Damals haben wir alle um 1,2 Millionen Barrel pro Tag gekürzt, jetzt um fast zehn Millionen. Aber es ist natürlich wichtig, dass sich alle ehrlich und partnerschaftlich an die Absprache halten. Es ist eine freiwillige Vereinbarung, aber alle gewinnen, wenn der Markt sich ausbalanciert. Da darf es keine Trittbrettfahrer geben, die die Entschlossenheit der anderen ausnutzen.

Und Russland hält sich an die Abmachung? Früher wurde ja Ihrem Land vorgeworfen, Kürzungen mitbeschlossen, aber dann nicht umgesetzt zu haben.
Wir halten uns sehr verantwortungsvoll an das Ausgehandelte. Bis in die Staatsführung hinein wird sehr genau auf den Ölmarkt geschaut. Russland hat zuletzt zu 96 Prozent die Förderkürzung erfüllt. Das ist für uns eine riesige Menge, wir fördern jetzt täglich zwei Millionen Barrel weniger. Das ist für uns eine echte Prüfung.

Wie hart werden der russische Haushalt und die Einnahmen der russischen Ölkonzerne getroffen durch Krise und Fördermengenkürzungen?
Die Kürzungen sollen ja das Gegenteil bewirken und die Preise stabilisieren. Ohne das Abkommen wäre die Nachfrage ja trotzdem weiter gesunken und der Preis auch weiter. Es gab ja kaum noch frei Lagerkapazitäten für Öl. Dann hätte die Produktion auch gedrosselt werden müssen, nur eben völlig chaotisch, und der Markt wäre nicht mehr zu steuern gewesen. Dann wäre der Ölpreis vielleicht nicht nur in den USA zeitweilig in den negativen Bereich gefallen. Aber auf dem Markt für Brentöl haben wir das Chaos durch gesteuerte Mengenkürzungen vermieden. Durch eine Förderkürzung um 20 Prozent hat sich der Ölpreis verdoppelt.

Aber bis zu welchem Niveau können russische Ölkonzerne einen Einbruch des Ölpreises verkraften? Experten sagen, russische Förderer haben Kosten von 30 Dollar, Saudi Aramco von drei Dollar pro Barrel.
Wir haben dafür eine sehr flexible Besteuerung der Ölförderer, je nach Höhe des Ölpreises. Unsere Ölfirmen können auch bei niedrigem Ölpreis weiter produzieren, dank Reserven und dann niedrigen Steuern. Und bei einem niedrigen Ölpreis fällt auch der Kurs unserer Landeswährung, und die Firmen haben dann trotzdem hohe Rubel-Erlöse.

Kann es denn sein, dass russische Ölförderer Staatshilfen benötigen zum Überleben?
Nein. Nur Ölservicefirmen werden Hilfen brauchen, da die Ölkonzerne wegen der aktuellen Lage ja Bohrungen gestoppt haben, fehlen ihnen für etwa zwei Jahre die Aufträge. Zwei Jahre soll ja die Fördermengenbegrenzung andauern, ist bisher vereinbart. Wir vergeben Aufträge für die Fertigstellung von Ölquellen, die dann gebraucht werden, wenn wir die Förderung wieder hochfahren.

Aber können russische Öl- und Gaskonzerne wie Lukoil, Gazprom, Novatek oder Rosneft angesichts der aktuellen Ertragslage noch investieren?
Sie brauchen keine Staatshilfen oder Steuerstundungen, sie kommen durch die Krise. Und sie setzen ihre Investitionsprogramme fort, mit ein paar kleinen Abstrichen von vielleicht zehn, 20 Prozent. Grundlegende Änderungen wird es nicht geben.

Welchen Ölpreis erwarten Sie denn bis Jahresende?
Im Jahresdurchschnitt erwartet mein Ministerium für die russische Ölsorte Urals 35 Dollar pro Barrel.

Das hieße also 38 Dollar für die Sorte Brent? Urals wurde ja immer mit Abschlag gehandelt.
Nicht unbedingt. Für Urals wird momentan sogar ein Aufschlag gezahlt. Davor gab es Discounts gegenüber Brent. Das ist sehr volatil geworden. Also kann man auch für Brent 35 Dollar pro Fass erwarten.

Experten warnen, dass einmal geschlossene, alte sibirische Ölquellen nie wieder produzieren können, selbst wenn man es wieder will. Sie seien zu veraltet. Stimmt das?
Das ist in einzelnen Fällen so. Wir haben sehr unterschiedliche Ölfelder und Quellen, einige sehr alte, aber auch ein paar neue und in der Produktion steuerbare Quellen. Das ist auch von Konzern zu Konzern sehr verschieden und wird auch bei der innerrussischen Umsetzung der im Rahmen von Opec plus beschlossenen Fördermengensenkung mit berücksichtigt. Das Management aller Firmen bemüht sich, alle Förderquellen auch in Zukunft zu erhalten. Aber ein paar werden das jetzige Herabdrosseln nicht überleben.

Stoppt der niedrige Preis für Öl und Gas denn die Pläne vieler Länder, aus Gründen des Klimaschutzes auf erneuerbare Energien zu setzen? Weil eben Öl und Gas wieder so verlockend billig geworden sind.
Ich glaube an den Trend zu mehr Erneuerbaren. Der Energieverbrauch ist in der Krise erheblich gesunken. Aber die Stromnachfrage wird zweifellos wieder anziehen – allein schon wegen immer mehr E-Autos. Aber wir sehen eine Veränderung des Energiemixes. Vor der Krise wurde ein Sinken des Anteils der Kohlenwasserstoffe an der Stromproduktion von 85 auf 75 Prozent bis 2040 erwartet. Ich glaube inzwischen, dass der Anteil erneuerbarer Energie deutlicher steigen wird. Wie stark, will ich nicht prognostizieren. Klar ist aber, dass der Trend zu Erneuerbaren nicht so stark den Ölsektor trifft, sondern mehr die Gas- und Kohleindustrie.
Herr Nowak, vielen Dank für das Interview.

Nowak wirft den USA vor, mit immer mehr Sanktionen ihre protektionistische Politik durchsetzen zu wollen. Foto: dpa