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US-Provinzfürsten buhlen um Investoren


Der Gouverneur von Idaho weiß, wie er seinen Mini-Bundesstaat schmackhaft macht. Die meisten Menschen würden Idaho mit Iowa verwechseln, flüstert seine Mitarbeiterin unter Augenrollen. Doch Butch Otter, der 76-jährige Gouverneur, gibt alles, um das zu verhindern.

„Wer hat schon mal Chobani Joghurt gegessen? Ihr solltet ihn probieren!“, ruft er von der Bühne des Gaylord Konferenzzentrums südlich von Washington. Die Milchprodukte-Marke ist in den USA sehr populär – und sie ist Otters ganzer Stolz. Chobani-Gründer Hamdi Ulukaya stammt aus der Türkei, aber seine Joghurts sind „made in America“. Der Großteil wird in der Idaho-Kleinstadt Twin Falls produziert.

Mit dem feinsten Lächeln eines Gameshow-Moderators tigert der Gouverneur über die Bühne und wirbt um neue Investoren. „Wow! Was für ein tolles Publikum! Sucht ihr einen aufregenden Ort für euer Business? Kommt nach Idaho!“

Der „SelectUSA“ Investment-Gipfel ähnelt einer riesigen Verkaufsveranstaltung für Standorte, Expansionen, Geschäftsfelder. Die Idee stammt von Barack Obama, unter Donald Trump wird das Format engagiert weiterentwickelt.
Internationale Unternehmer können sich hier mit Politikern, Handelskammern und Verbänden der USA austauschen. Aus Deutschland sind in diesem Jahr 34 Vertreter angereist, mehr als 3000 Teilnehmer haben sich insgesamt registriert.


„Invest, succeed, grow, select USA“ steht in großen Lettern an den Wänden. Wer sich vernetzen will, findet über eine Konferenz-App namens „Matchmaker“ zusammen. Die meisten Interessenten treffen sich am Rande einer gigantischen Messehalle, in der sich die einzelnen Bundesstaaten präsentieren. Dazu werden regionale Snacks gereicht – und ab nachmittags die ersten Gläser Riesling oder Craft-Bier. Die beste „Booth-Party“, da sind sich alle einig, schmeißt jedes Jahr Texas.

Doch Kontakte und Plaudereien sind nur ein Teil des Gipfels. Donald Trumps aggressiver Protektionismus sorgt zunehmend für Unsicherheit. Investoren, die noch vor kurzem über die Steuersenkungen jubelten, sind nun in Wartestellung.

„Die Investoren haben Angst“

Ein Insider bringt es auf den Punkt: „Im vergangenen Jahr, als Trump frisch im Amt war, kamen alle aus Neugier angereist. Zwischendurch waren alle euphorisch wegen der Steuerreform. In diesem Jahr haben viele Investoren Angst.“

Zwar blüht das Geschäftsklima in den USA weiter, die Wirtschaft wächst, die Nation steht kurz vor der Vollbeschäftigung. Die globalen Bande sind stark, selbst ein kleiner Bundesstaat wie Idaho kann sich am Ende des Gipfels über einen neuen Deal freuen: NewCold, ein niederländischer Anbieter für Kühlsysteme, will 90 Millionen Dollar in der Region investieren. Die USA seien ein großartiger Standort, betonen auch die US-Geschäftsführer von Giganten wie Siemens, Mercedes oder Mastercard einhellig.

Der drohende Handelskrieg, den Trump mit Strafzöllen auf Solarpanels, Stahl, Aluminium und chinesische Hightech-Produkte angezettelt hat, wird hingegen im offiziellen Programm nur am Rande erwähnt.


Am deutlichsten wurde noch der US-Chef von Mercedes, Jason Hoff. „Unsere Autos werden für die Welt gebaut. Die US-Regierung sollte offenen Handel mit so wenig Barrieren wie möglich unterstützen“, sagte der CEO.

Trumps Handelsminister Wilbur Ross verteidigt auf der Hauptbühne die unter Trump errichteten Handelsbarrieren. „Wir wollen keinen Handelskrieg, wir wollen mittelfristig Zölle abschaffen.“ Finanzminister Steven Mnuchin betont: „Wir haben die idealen Bedingungen zum Investieren und haben nicht vor, das zu ändern.“ US-Außenminister Mike Pompeo spricht gar von einer „Renaissance des amerikanischen und globalen Wohlstands“.

Hört man sich eine Etage tiefer bei den Ausstellern um, bekommt man einen differenzierteren Eindruck. Teilnehmer aus allen Regionen äußern offene Sorge, dass Trump Geschäftspartner vergraulen, Lieferketten sprengen und die US-Exporte schmälern könnte.

Brett Doney, Chef der Wirtschaftsförderung des Bundesstaats Montana, zeichnet ein gemischtes Bild: „Die Steuerreform hilft uns sicher, Investoren anzulocken.“ Vor allem mittelständische Firmen habe man im Blick. „Auch kleinere Unternehmen bekommen bei uns eine persönliche Behandlung“, wirbt Doney.

Dank der starken Landwirtschaft eignet sich Montana zum Beispiel gut für die Produktion von Bio-Verpackungen. Cargill und BASF eröffnen gerade ein Forschungszentrum für Canola-Öl in der Region. Doch die immer neuen Strafzölle und die Gegenmaßnahmen der betroffenen Länder beunruhigen Doney. „Wir hoffen, dass der Handelsstreit bald beigelegt wird“, sagt er.

Mississippi verteilt an seinem Stand Schokolade und Kugelschreiber, der Bundesstaat kann eine ganze Wand mit Namen ausländischer Investoren füllen – darunter Continental.

„Im Moment warten alle erst einmal ab, was passiert“, beschreibt Billy Klauser von der regionalen Wirtschaftsförderung die Lage. Gerade Unternehmen, die Komponenten oder Rohmaterial importieren, könnten von Strafzöllen betroffen sein.

Das größte Problem ist, dass niemand weiß, welche Produkte als nächstes mit Barrieren belegt werden. Trump könnte seine rote Liste jederzeit erweitern. Das hat er gerade wieder klar gemacht, als er China mit neuen Strafzöllen in Höhe von 200 Milliarden US-Dollar drohte.

Außerdem lässt er die Möglichkeiten von Handelsbarrieren gegen europäische Autos prüfen. Hinzu kommt die Unsicherheit über die Gespräche über das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta, die seit bald einem Jahr ohne Ergebnis laufen.


Kanada, Mexiko, Europa und China fahren als Reaktion auf Trump eigene Handelsschranken hoch – die EU hat ihre Strafliste an diesem Freitag in Kraft gesetzt. Wenn aber US-Bundesstaaten weniger Fleisch, Soja, Getreide oder Whiskey exportieren, kommen sie in Schwierigkeiten. „Unsere Landwirtschaft wird in Geiselhaft genommen“, so drückt es eine Agrar-Expertin aus Idaho aus. „Wir sind extrem auf Exporte angewiesen.“ Am Ende sei es doch so: „Wir brauchen unsere Handelspartner, und sie brauchen uns. Einmal zerbrochene Bande sind schwer wieder zu reparieren.“

Bill Sproull aus der Hightech-Region Richardson in Texas sieht das ähnlich. „Wir beginnen, uns extreme Sorgen zu machen und hoffen, dass die Phase der Handelsdrohungen nur vorübergehend ist.“ 90 Prozent der Lieferketten in Richardson hingen von Importen ab, sagt er.

Er stimmt mit Trump insofern überein, dass China tatsächlich „massiv unser geistiges Eigentum klaut. Das ist ein riesiges Problem, das uns Milliarden kostet. Es ist gut, dass der Präsident härter dagegen vorgehen will.“

Auch dass Trump andererseits den kriselnden chinesischen Smartphone-Konzern ZTE retten möchte, findet Sproull gut. ZTE hat in Richardson sein Hauptquartier und beschäftigt in der Region Hunderte Mitarbeiter.

Aber ein Handelskrieg mit einer Spirale aus Strafzöllen tue niemandem gut, betont er. „Wir brauchen multilaterale Abkommen, anders geht es nicht.“

Auch andere Veränderungen sind auf dem Gipfel der Investoren zu beobachten. Deutlich weniger Interessenten aus der Energiebranche sind angereist – die US-Strafzölle auf Solarelemente haben auch in diesem Bereich Irritationen ausgelöst. Noch im vergangenen Jahr waren Erneuerbare Energien ein Schwerpunkt der Veranstaltung. So schnell können sich die Zeiten unter Trump ändern.