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Die US-Notenbank Fed befeuert das Risiko für Anleger

Amerikas Währungshüter haben für ihr schnelles Eingreifen viel Lob bekommen. Doch nun warnen Experten vor den Schattenseiten der Rettungsaktionen.


Die Börse jubelt trotz Corona – was besonders deutlich der neue Rekord der Nasdaq zeigt, an der die US-Tech-Werte notiert werden. Doch einer jubelt nicht: Bill Dudley, der frühere Chef der Notenbank (Fed) in New York. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass Notenbanker in Krisenzeiten nicht viel Zeit haben, über schädliche Nebenfolgen ihrer Rettungsaktionen nachzudenken.

Der frühere Chefökonom von Goldman Sachs wechselte 2007 zur Notenbank und steuerte sie an der wichtigen Schaltstelle in New York durch die Finanzkrise. Nun jedoch sei es an der Zeit, sich über die langfristigen Konsequenzen der historischen Hilfsmaßnahmen Gedanken zu machen, sagt Dudley im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Er fragt sich, ob die Fed in der Coronakrise genau jenes riskante Verhalten der Investoren fördert, das sie eigentlich vermeiden will. „Moral Hazard“, wörtlich übersetzt „Moral-Risiko“, heißt das Problem, das bereits in der Finanzkrise auftauchte.

Damals hatten Banken und Investoren darauf gewettet, dass die Regulierer die Banken schon nicht pleitegehen lassen. Dieses Mal sah sich die Fed gezwungen, unter anderem Hedgefonds und hochverschuldete Unternehmen zu retten, um zu verhindern, dass die wichtigsten Märkte im amerikanischen Finanzsystem austrocknen.

Dudley warnt: „Es ist eine Sache, wenn eine schwere Krise nur alle 50 oder 100 Jahre passiert. Dann sind die Folgen von Moral Hazard ziemlich klein. Aber wenn man alle zehn Jahre eine Finanzkrise hat, dann werden die Handlungen der Fed die Leute ermutigen, künftig größere Risiken einzugehen.“

Einbruch des Wachstums

Die Debatte kommt pünktlich zur kommenden Sitzung der Notenbank, die am Dienstag und Mittwoch tagt. Fed-Chef Jay Powell wird dann auch über den Stand der billionenschweren Rettungsmaßnahmen Auskunft geben.

Größere Ankündigungen erwarten Experten nicht, nachdem die Fed gerade ihr Kreditprogramm für Unternehmen ausgedehnt hat. Für etwas Spannung dürften die neuen Wachstumsprognosen der Fed sorgen: Ökonom Michael Feroli von JP Morgan rechnet mit minus sechs Prozent für 2020 und plus vier Prozent für das kommende Jahr.

Die Fed ist seit Ausbruch der Krise im Dauereinsatz – und genau da liegt das Problem. Weil sich Hedgefonds mit Wetten auf Staatsanleihen verspekuliert hatten, kam es zu Notverkäufen und dazu, dass die Märkte zum Teil nicht mehr funktionierten.

Daher verpflichtete sich die Fed bereits im März, in unbegrenztem Maße Staatsanleihen zu kaufen. Dabei bilden die eigentlich den liquidesten Markt der Welt. Doch die Hedgefonds waren nicht auf die Krise vorbereitet und mussten ihre Positionen schnell verkaufen.

Zum ersten Mal überhaupt kauft die Fed auch Unternehmensanleihen, und zwar auch die von ohnehin schon hochverschuldeten Firmen. Auch hier waren zu den Hochzeiten der Coronakrise die Käufer der Papiere ausgeblieben, aus Angst vor einer Pleitewelle. Der Fed gelang es schnell, die Märkte zu beruhigen. Schon das Signal, dass sie im Notfall als Käufer der letzten Instanz bereitstehe, hat die Konditionen an den Märkten schnell normalisiert.

In Kürze werden weitere Hilfsprogramme starten, die schon länger in Arbeit sind. Eines wird ebenfalls zum ersten Mal direkt Kommunalanleihen kaufen, um Städten und Gemeinden dabei zu helfen, die hohen Kosten rund um die Coronakrise zu stemmen.

Ein zweites soll die Kreditvergabe an Mittelständler fördern, was unter anderem der Sicherung von Arbeitsplätzen dienen soll. Es wurde erst am Montag noch einmal erweitert, um möglichst vielen Unternehmen Zugang dazu zu gewähren.

Die Liquidität versichern

„Die Notenbank wird alles tun, um die Wirtschaft zu stützen“, hatte Powell schon in der frühen Phase der Krise versichert. Der unabhängige Börsenexperte Ed Yardeni bezeichnet den darauffolgenden rasanten Anstieg der Börsen weltweit als „Mutter aller Melt-ups“, alles Aufschäumens der Kurse.

Um zu verhindern, dass die Fed noch einmal Hedgefonds oder andere Finanzakteure außerhalb des Bankensystems retten muss, bringt Dudley eine Art Liquiditätsversicherung ins Spiel. Ähnlich wie Banken für die Einlagensicherung zahlen, sollten auch Fonds eine Gebühr an die Notenbank zahlen, um im Ernstfall Zugang zu deren Liquiditätsprogrammen zu bekommen.

„Das ist ein ziemlich radikaler Vorschlag“, räumt Dudley ein. „Investoren sollten nicht einfach kostenlos von der Fed gerettet werden“, argumentiert er aber. Er drängt darauf, dass sich Regulierer frühzeitig mit der Frage beschäftigen, wie die Marktstrukturen verbessert werden können, um das Moral-Hazard-Problem zu minimieren: „Denn sobald die Krise vorbei ist, verblassen die Erinnerungen schnell.“

Auch dass hochverschuldete Unternehmen durch die Hilfspakete der Fed gestützt wurden, missfällt dem ehemaligen Notenbanker. Schließlich hätten sich viele Unternehmen bewusst dafür entschieden, immer mehr Schulden aufzunehmen und damit ein hohes Risiko einzugehen. Ohne die Eingriffe der Fed hätten sich diese Unternehmen vermutlich nur noch schwer finanzieren können, was eine Kettenreaktion ausgelöst hätte.

„Investoren hätten ihre Anteile verkauft, woraufhin die Fonds nur noch mehr Papiere in einen fallenden Markt hätten verkaufen müssen“, gibt Dudley zu bedenken. Nun jedoch seien die Fondsmanager und die Anleger, die diese Fonds gekauft haben, davongekommen, ohne die Kosten dafür zu tragen.

Dudley ist mit seiner Kritik nicht allein. Auch der ökonomische Chefberater der Allianz, Mohamed El-Erian, glaubt, dass die Notenbank zu weit gegangen ist. „Die Fed hat es durch ihre Rettungsprogramme ermöglicht, dass sich Zombie-Unternehmen noch weiter verschulden“, sagte er dem Handelsblatt.

Das schaffe „Märkte, in denen die Kapitalallokation nicht mehr effizient funktioniert und falsche Preissignale gesendet werden“, weil Investoren darauf setzen, dass die Fed im Zweifelsfall erneut einspringt.

Und je öfter sich die Investoren auf die Fed verlassen, desto schwieriger werde es in den kommenden Krisen, effizient einzugreifen. Seine Einschätzung erinnert an die in Deutschland häufig zu hörende Kritik, die Europäische Zentralbank (EZB) erhalte mit billigem Geld „Zombie-Unternehmen“ am Leben.