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Tötung des wichtigsten Gegenspielers: US-Attacke im Irak droht Nahen Osten zu destabilisieren

Die Bundeskanzlerin tritt im Jahr 2021 ab, doch schon bald werden die Weichen für ihre Nachfolge gestellt. Foto: dpa

Trump ist mit dem Drohnenangriff auf General Soleimani ein folgenschwerer Schlag gegen den Iran gelungen. Teheran schwört Rache. Es drohen Angriffe auf die wichtigsten Ölanlagen der Welt.

Noch vor Kurzem hat er Donald Trump unverhohlen gedroht: Seine Al-Kuds-Brigaden und er selbst „sind dein Gegner, und wir gehen nachts nicht schlafen, ohne an dich zu denken. Wir sind immer in deiner Nähe, an Plätzen, an denen du uns nicht einmal erahnst“, sagte Ghassem Soleimani über den von ihm als „Nachtklubbesitzer“ und „Zocker“ verspotteten US-Präsidenten.

Nun hat der mächtigste Mann der Welt dem mächtigsten Milizenführer der Welt laut Angaben des Pentagons mit einem gezielten Drohnenangriff unweit des Flughafens in Iraks Hauptstadt Bagdad töten lassen. Die Aktion hat ungeahnte Folgen für die Region – und auch den Westen. Ajatollah Ali Chamenei, Irans Religions- und Revolutionsführer, hat bereits „schwere Rache“ für den gezielten Drohnenanschlag auf Soleimani geschworen.

Die Märkte spiegeln diese Sorge vor einem neuerlichen Nahostkrieg bereits wider: Der Ölpreis stieg an diesem Freitag auf den höchsten Wert seit September. Die Ölsorte Brent verteuerte sich im Laufe des Tags um fast fünf Prozent auf fast 70 US-Dollar, die US-Ölsorte WTI stieg auf über 64 Dollar pro Fass. Es war der größte Tagesgewinn beim Öl seit den Attacken auf saudische Ölinfrastruktur im September vergangenen Jahres.

In der Vergangenheit hatte der Iran immer wieder damit gedroht, die Straße von Hormus zu schließen. Durch die wichtigste Schifffahrtspassage des globalen Ölhandels wird ein Fünftel der täglichen Ölproduktion verschifft. Die USA und Saudi-Arabien haben den Iran immer wieder für Attacken auf Öltanker in der Region verantwortlich gemacht. Sollten die Iraner mit ihrer Drohung ernst machen, könnte ein bewaffneter Konflikt um die Meerenge ausbrechen.

So zeigen die Ölpreise auch, dass politische Krisen im Nahen Osten die Produktion gefährden. Dieser geopolitische Risikoaufschlag war zuletzt extrem niedrig. Torsten Dennin, Rohstoffexperte bei Asset Management Switzerland, hatte sie vor der Ermordung des iranischen Generals auf etwa drei Dollar pro Fass beziffert – also knapp fünf Prozent des Ölpreises. In Krisenzeiten könne die Risikoprämie auf zehn Dollar steigen.

Soleimani war weit mehr als ein Militärführer

Der 62 Jahre alte Soleimani war der mächtigste Gegenspieler Washingtons im Nahen und Mittleren Osten. Seine Al-Kuds-Brigaden, eine paramilitärische Einheit für exterritoriale Einsätze, fügten den USA und ihren Verbündeten in der Region immer wieder verheerende Niederlagen zu.

Trump hatte die iranischen Revolutionsgarden (IRGC), deren Auslandsarm die Al-Kuds-Einheiten sind, im April zu einer „ausländischen Terrororganisation“ erklären lassen, was US-Geheimdiensten und -Militärs das Recht gibt, Angehörige der IRGC abgekürzten Garden gezielt zu töten.

Die IRGC unterstehen im Gegensatz zur regulären Armee direkt dem De-facto-Herrscher Irans und nicht dem gewählten Präsidenten des Landes. Soleimani war weit mehr als ein Militärführer. Er bestimmte für Teheran das Schicksal am Golf. Und so droht nun nach Chameneis Racheschwur eine ungeahnte Eskalation.

Die Region gilt als Pulverfass. „Der Irak ist der wichtigste Außenposten für iranischen Einfluss in der Region“, sagt Helima Corft, Opec-Expertin beim der Investmentbank RBC Capital Markets. Es gebe ein hohes Risiko, dass das Land zum wichtigsten „Schauplatz für den Konflikt zwischen den USA und dem Iran“ werde. Solange US-Präsident Trump die Sanktionen gegen den Iran aufrecht erhalte, werde die Führung um Ajatollah Chamenei es den Amerikanern so teuer wie möglich machen, ihre Politik des maximalen Drucks fortzusetzen.

Zunehmend würden auch US-Ölfirmen in den Konflikt mit hineingezogen, warnt Croft. In der Vergangenheit schlugen etwa Raketen in der Nähe von Häusern ein, in denen ausländische Experten des Öl-Multis Exxon Mobile untergerbacht waren. Die sozialen Unruhen in dem Land hätten zudem bereits dazu geführt, dass kleinere Ölfelder ihre Produktion unterbrechen mussten. Die RBC-Analystin kommt daher zu dem Schluss: „Der Irak gehört zu den größten Risiken für das Öl-Angebot 2020.“

Sehr wahrscheinlich könnten Angriffe auf US-Vertreter im Irak und vor allem auf die Öleinrichtungen der US-Verbündeten folgen. Dabei beunruhigt die Aussicht auf Angriffe auf die saudi-arabische Ölförderinfrastruktur die Märkte mehr als die Gefahr eines bewaffneten Konflikts im Irak.

Im September waren mit Drohnen und Lenkraketen ein Mega-Ölfeld sowie die weltgrößte Ölaufbereitungsanlage in Saudi-Arabien attackiert worden. Offiziell bekannten sich die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen dazu. Doch Experten halten den Angriff, der wochenlang mehr als die Hälfte der saudischen Ölproduktion still legte, ohne massive iranische Unterstützung für unmöglich.

Der weltgrößte Ölexporteur Saudi-Arabien hat zwar seine Förderung wieder hochgefahren, doch seine Luftabwehr ist trotz tausender zusätzlicher US-Soldaten kaum verbessert worden.

Saudi-Arabien bleibt weiter ein relativ leichtes Ziel für seine Nachbarn, in denen Soleimanis Al-Kuds-Brigaden schiitische Kräfte militärisch hochgerüstet haben. Und damit besteht große Gefahr für die Ölproduktion des wichtigsten Petrostaats der Welt. Ein rasanter Anstieg des Ölpreises wäre aber Gift, gerade zu dem Zeitpunkt, an dem sich entscheidet, ob sich die Weltwirtschaft etwas erholt oder in die Rezession rutscht.

Für die Anschläge auf die saudische Ölinfrastruktur hatten Riad und Washington den Iran verantwortlich gemacht. Generalmajor Soleimani war nach Angaben aus Teherans Führung nur einen Monat nach den Dohnenangriffen auf Saudi-Arabien noch einem geplanten Anschlag israelischer und arabischer Agenten entkommen: Das Grab seines Vaters soll mit Sprengstoff gefüllt worden sein, um bei einem Besuch den Sohn zu töten.

Soleimanis Einfluss machte sich maßgeblich im Irak bemerkbar. Dort war nach dem weitgehenden militärischen Sieg über die internationale Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zuletzt der Bürgerkrieg zwischen den islamischen Glaubensrichtungen, und damit der Bevölkerungsgruppen, der Schiiten und Sunniten wieder aufgeflammt.

Der Iran hatte seinen Einfluss im Nachbarland immer weiter ausgebaut, zuletzt hatte es gewaltsame Proteste dagegen gegeben und US-Luftschläge gegen vom Iran unterstützte schiitische Milizen. Immer wenn die Lage im Irak sich zuspitzte, reiste Al-Kuds-Chef Soleimani zum ehemaligen Kriegsgegner, um dort Teherans Vorherrschaft zu sichern.

Seit dem durch den Einmarsch der US-Truppen des früheren Präsidenten George W. Bush Iraks Diktator Saddam Hussein 2003 gestürzt wurde, sind in Bagdad die Schiiten an der Macht. Also zuletzt immer wieder irakische Ministerpräsidenten, die während Saddams Gewaltherrschaft im Iran im Exil waren. Iran ist die Schutzmacht der Schiiten in der islamischen Welt.

Nun warnt der offiziell bereits zurückgetretene irakische Regierungschef Adil Abd al-Mahdi bereits vor einem neuen Krieg im Land. Die USA hätten die Bedingungen des Stationierungsabkommens im Irak verletzt durch die Drohnenattacke auf Soleimani und Iraks Souveränität missachtet.

Soleimani, der bereits mit 13 Jahren seine verarmte Bauernfamilie verließ und sich in der Stadt Arbeit suchte, war Irans mächtigster Militär. Er unterstand direkt Ajatollah Chamenei und war der De-facto-Außenminister des Landes: Als Teheran entschied, Syriens Diktator Bashar Al-Assad an der Seite Russlands militärisch wieder an die Macht zu bringen, war es Soleimani, der mit nur einem Besuch bei Iraks Transportminister die Überflugrechte für Irans Al-Kuds-Brigaden über den Irak nach Syrien aushandelte.

Der Mann mit Petraeus' Handynummer

Der General war Teherans uneingeschränkter Strippenzieher in den Staaten zwischen Golf und Levante. Das belegen sowohl ein 217 Seiten starker Untersuchungsbericht des einflussreichen britischen Thinktanks „International Institute for Strategic Studies (IISS)“ als auch 700 dem US-Magazin „The Intercept“ zugespielte Seiten streng vertraulicher irakischer Geheimdienstdokumente.

Al-Kuds ist der arabische Name für Jerusalem: Die für Juden und Muslime gleichermaßen heilige Stadt soll nach dem Willen Teherans Israel entrissen werden, was die Stadt wiederum als Hauptstadt ansieht. In dieser Forderung unterstützen inzwischen die USA die Regierung in Tel Aviv.

Durch den blutigen Einsatz der Al-Kuds-Brigaden in syrischen Rebellenhochburgen hat Diktator Assad militärisch die Oberhand über das Land zurückgewonnen. Auch der anhaltende erfolgreiche Widerstand gegen die von Saudi-Arabien geführte Militärallianz gegen Separatisten im Jemen wird von Militärberatern der berüchtigten Brigadiers aufrechterhalten.

Immer wieder beschießen die Huthi-Rebellen vom Jemen aus Saudi-Arabien mit Drohnen. Im Libanon haben Al-Kuds-Männer die inzwischen auch an der Regierung beteiligte Hisbollah-Miliz militärisch ausgebildet und mit tausenden Raketen hochgerüstet. Im Irak sind schiitische Milizen dank der Unterstützung aus Teheran ein Staat im Staate. Im palästinensischen Gaza-Streifen werden die Hamas-Kräfte von Al-Kuds gestützt, immer wieder kommt es zu Raketenangriffen auf Israel.

„General Petraeus, Sie sollten wissen, dass ich, Ghassem Soleimani, Irans Politik kontrolliere, die Irak, Libanon, den Gazastreifen und Afghanistan betrifft“, schrieb der selbstbewusste und im Iran äußerst beliebte General in einer SMS an den damaligen US-Kommandeur. Allein, dass die Brigaden an die Handynummer des damals höchstrangigen US-Generals kamen, war eine Machtdemonstration.

Über Jahre haben Soleimani und seine Männer alle Interna der USA im Irak studieren können – auch über die dort Regierenden, zu denen Soleimani Zugang hatte wie kaum ein anderer. Das belegen die geleakten Dokumente.

„Die USA können Kriege anfangen, Mr. Trump. Wir beenden sie“, verhöhnte der iranische Militär den US-Präsidenten. Zwar standen die USA hinter Saddam Hussein im Irak, doch die von Iran unterstützten Schiiten haben dort weitgehend die Macht inne.

Irans Industrieimperium

Dieser Umstand ist für den Iran auch ökonomisch extrem wichtig. Denn nach von Trump im Mai 2018 verhängten US-Sanktionen gegen Iran ist das Land in eine schwere Wirtschaftskrise gerutscht. Wichtige Exportmärkte sind nur der US-Verbündete Irak und das Nato-Land Türkei.

Im Iran selbst haben die Revolutionsgarden ein Industrieimperium aufgebaut: Sie haben die wichtigsten Bau- und Ölkonzerne, Immobilienfirmen, gewaltige Agrokomplexe, Flughäfen, Häfen und ganze Ölfelder unter ihre Kontrolle gebracht. Die durch die US-Sanktionen von ihren Exportmärkten abgeschnittenen bisherigen Privatunternehmen wurden brutal von den Revolutionsgarden übernommen. Diese organisieren den milliardenschweren Schmuggel lebensnotwendiger Waren.

Die Garden verfügen über eine eigene Marine, Luftwaffe und Heereseinheiten. Sie sind eine neben der offiziellen Armee aufgestellte und nur der religiösen Führung des Landes rechenschaftspflichtige Militäreinheit. Den ihnen zugeordneten Al-Kuds-Brigaden sollen 5000 Soldaten angehören, Beobachter sprechen jedoch von deutlich mehr Truppen.

Trump ist ein Schlag ins Zentrum der Schattenmacht des Irans gelungen. Ajatollah Chamenei muss nun reagieren, will er nicht als König ohne Reich dastehen. Das kann den gesamten Mittleren Osten in Brand setzen.