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Dieser Unternehmer will mit seinem Hygieneautomaten einen neuen Markt erobern

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Dem Designmöbelhersteller Conmoto sind in der Krise die Aufträge weggebrochen. Nun geht Inhaber Johannes Wagner mit einem selbst entwickelten Hygieneautomaten an den Start.

Jeden Sonntagabend pendelt der Unternehmer Johannes Wagner zwischen seinen beiden Wohn- und Firmensitzen Münster und Berlin. Und auf einer dieser langen Autofahrten kam dem Inhaber des Möbelherstellers Conmoto Ende März die entscheidende Idee. Auch wenn die akute Coronakrise irgendwann überwunden sein sollte, werde es dauerhaft höhere Hygienestandards geben, war er sich sicher. Und davon wollte er profitieren.

„An einer Autobahnraststätte ist mir klar geworden, dass alle bisherigen Hygienelösungen weder ästhetisch ansprechend noch wirklich funktional waren“, sagt er. Er ließ vom Berliner Designer Carsten Gollnick eine Hygienestation in Form einer Stele entwerfen, die Händedesinfektion bietet und Artikel wie beispielsweise Masken oder Handschuhe ausgibt.

In wenigen Wochen brachte er das Produkt zur Serienreife, ließ es in seiner eigenen Werkstatt in Lüdinghausen bei Münster fertigen, baute einen Vertrieb und einen Onlineshop für die neue Marke hygn.me auf.

„Ich habe noch nie so hart gearbeitet“, erinnert sich Wagner, der Conmoto als 18-Jähriger gegründet hat. „Das fühlte sich wieder wie pures Unternehmertum an: In einer Krise die Chance zu sehen und so etwas Neues auf die Beine zu stellen“, erzählt er begeistert. Er betont, dass er den neuen Bereich ohne einen einzigen Cent fremden Startkapitals hochgefahren hat.

Und es scheint sich zu lohnen: Das neue Produkt findet reißenden Absatz, etliche Großunternehmen wie der Kopiererhersteller Canon oder die Beratungsgesellschaft Boston Consulting haben es bereits bestellt. Besonders spannend für den Unternehmer: Er gewinnt damit zahlreiche Neukunden, die vorher noch nie etwas von Conmoto bezogen hatten.

Mit einem Absatz von 4000 bis 8000 Geräten rechnet Wagner bereits im ersten Jahr, das wäre ein Umsatz im mittleren einstelligen Millionenbereich. „Wir haben vom ersten Tag an schwarze Zahlen geschrieben“, freut er sich. Mit dem neuen Geschäftsbereich hat er schon rund 30 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Kooperation mit Lebensmitteldiscounter Netto

Dabei sah es anfangs so aus, als könnten die Auswirkungen der Pandemie sogar die Existenz von Conmoto gefährden. Der Designmöbelhersteller mit 50 Mitarbeitern macht sein Hauptgeschäft mit Unternehmen, beliefert Restaurants und Hotels. Für den Bundesligaverein Borussia Mönchengladbach hat er die Spielerkabinen und Gastronomiebereiche ausgestattet. Doch mit dem Beginn des Lockdown brachen die Aufträge einer nach dem anderen weg. „Da habe ich mir schon einige Sorgen gemacht“, räumt Wagner ein.

Doch nicht nur er, auch seine Mitarbeiter hätten mit großem Einsatz für die Zukunft ihrer Jobs gekämpft und die Veränderungen mitgetragen. Und nun läuft das Geschäft sogar besser als vor der Krise. „Das ist ein gigantischer Markt, der sich da für uns auftut“, prognostiziert der 44-Jährige.

Auf die Idee, Spenderautomaten für Masken aufzustellen, sind auch andere gekommen. Doch dabei handelt es sich eher um kurzfristige Ideen, die auf den vorübergehenden Bedarf abzielen.

So hat die Berliner Firma Flavura einen Automaten entwickelt, der für einen Euro eine verpackte OP-Maske ausgibt. Das Unternehmen wird unterstützt vom ehemaligen Hamburger Bürgermeister Ole von Beust, der anlässlich der ersten Aufstellungen lobte: „Der ‚Maskomat‘ schließt durch die jederzeitige Verfügbarkeit einer Maske die Lücke zwischen Maskenpflicht beim Betreten von zum Beispiel Läden und der Flexibilität der Kunden, die nicht immer eine Maske bei sich führen. Eine gute Idee.“ Flavura kooperiert auch mit dem Lebensmitteldiscounter Netto, deshalb wurden die ersten Geräte vor Netto-Filialen in Hamburg aufgebaut.

Auch der bayrische Automaten-Unternehmer Stefan Stüwer und der Marketingexperte Robert Krancke haben einen Automaten entwickelt, den sie „Mask-O-Mat“ nennen und der in der Region München debütierte. Dieser sieht aber eher aus wie die Automaten, aus denen man auf Bahnsteigen Chips und Cola zieht.

Hygn.me soll sich dagegen in die Optik eines Hotelfoyers, einer Firmenzentrale oder einer Behörde einfügen und damit auf Dauer dort für höhere Hygienestandards sorgen. Deshalb hat Wagner großen Wert auf das Design der grundsätzlich als Stelen konzipierten Spender gelegt. „Unternehmen, die sich solch einen Spender ins Foyer stellen, signalisieren ihren Kunden und Geschäftspartnern, dass sie die Gesundheitsvorsorge ernst nehmen“, sagt er.

Regelmäßige Befüllung gehört zum Service

Ursprünglich dachte der Gründer, dass Hotels und Gastronomie die perfekten Kunden für seine neue Produktreihe seien. Doch denen fehlt zumindest zurzeit häufig das Geld für solche Investitionen. Das wird allerdings durch das große Interesse anderer Unternehmen an neuartigen Hygienelösungen mehr als ausgeglichen.

Es gibt mittlerweile mehrere Modelle, die modular aufgebaut sind und zwischen 500 und 1500 Euro kosten. Nach unten wird die Produktpalette durch Reise-Kits abgerundet. Worauf Wagner besonders stolz ist: Hygn.me wurde schon nach einem Monat für den German Design Award 2021 nominiert.

Das Unternehmen übernimmt auch dauerhaft den Service der Geräte, also auch die regelmäßige Befüllung der Spender. Deshalb war es die größte Herausforderung, zum Start in ausreichender Menge Masken und Desinfektionsmittel aus Asien zu besorgen. Denn die waren weltweit begehrt – und wurden zum Teil zu Wucherpreisen gehandelt.

Besonders schwierig war es, dass Wagner dabei nicht nur das volle Risiko tragen, sondern auch in großem Umfang in Vorkasse gehen musste. Möglich gemacht hat das der Einkaufsfinanzierer Deutsche Finetrading (DFT). „Uns war schnell klar, dass diese Idee Potenzial hat, das war ja quasi selbsterklärend“, sagt Dirk Oliver Haller, CEO der DFT.

Dass ausgerechnet Wagner auf diesen Dreh gekommen ist, hat Haller nicht überrascht. Er kennt den Unternehmer seit Jahren und hat schon bei anderen Projekten mit ihm zusammengearbeitet. „Er hat Tempo, hat Ideen und ist sehr flexibel“, lobt Haller.

„Ich kann Krise“, sagt Wagner von sich selbst. Aber er habe noch nie so viel gelernt wie in den vergangenen sechs Wochen. Und eins sei ihm noch mal bewusst geworden: „Man muss mutig sein und hungrig bleiben.“ Dann könne man als Unternehmer auch eine solch schwierige Situation überwinden und stärker daraus hervorgehen.

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