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Unternehmen glauben an „neue Normalität“ erst 2021 – Langsame Erholung birgt Gefahren

Eine große Umfrage des DIHK zeigt: Zwei Drittel der Firmen erwarten erst im nächsten Jahr eine allmähliche Rückkehr zur Normalität.

Es wird wohl noch etwas dauern, bis Investitionsgüter wieder verstärkt nachgefragt werden. Foto: dpa

Die gute Nachricht dieses Sommers bestätigen auch die Industrie- und Handelskammern im In- und Ausland: Vielen Unternehmen geht es im Juni deutlich besser als vor drei Monaten.

Dann allerdings folgt das große Aber: So gut wie vor der Coronakrise werden die Geschäfte wohl erst wieder 2021 laufen – bestenfalls. Das jedenfalls ist das Ergebnis der monatlichen Befragung des DIHK, an der sich 8500 Firmen beteiligt haben. „Wir bleiben deshalb bei unserer negativen Konjunkturprognose für dieses Jahr“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben am Dienstag in Berlin.

Sie lautet: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird in diesem Jahr um zehn Prozent abstürzen und sich 2021 nur langsam erholen.

So pessimistisch sind die Ökonomen der wissenschaftlichen Institute nicht: Sie rechnen mehrheitlich mit einem Minus von sechs bis sieben Prozent in diesem Jahr. Das gewerkschaftsnahe IMK etwa prognostizierte am Dienstag einen Rückgang um 6,2 Prozent.

Den Unterschied erklärte DIHK-Konjunkturexperte Ilja Nothnagel damit, dass in den ökonomische Modellen nach einem steilen Nachfragerückgang immer eine schnelle Erholung folgt – im richtigen Leben der Unternehmen aber offenbar nicht: „Die allermeisten Unternehmen berichten über eine langsame Erholung“, sagte er.

Das bestätigte ebenfalls an diesem Dienstag auch eine Befragung von 31 Wirtschaftsverbänden durch das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Die Krise werde auch im nächsten Jahr noch zu spüren sein. Die Wirtschaft sei „schwer angeschlagen“, besonders den Branchen Auto und Gastgewerbe gehe es schlecht, so das IW.

77 Prozent der Firmen erwarten Umsatzrückgänge

In der DIHK-Umfrage rechnen 39 Prozent der Firmen erst 2021 mit einer Rückkehr zur Normalität, elf Prozent sogar erst 2022, fünf Prozent erst mal gar nicht. Weitere zwölf Prozent wagen keine Prognose. Je mehr die Firmen Investitionsgüter herstellten, desto länger werde für sie die Krisenbewältigung dauern: Denn zuerst würden Produzenten ihre Kapazitäten auslasten, ehe sie in neue Maschinen investieren würden, so Wansleben.

Der Corona-Einbruch 2020 ist demnach enorm: 77 Prozent erwarten Umsatzeinbußen, 21 Prozent – meist aus dem Reise- und Gastgewerbe – rechnen mit einem Rückgang um mehr als die Hälfte. Nur 17 Prozent der Firmen berichten von guten Geschäften. Das gab es so noch nie.

Sogar das bisher noch gut laufende Baugewerbe erwartet, dass seine Auftragslage nicht so gut bleiben wird wie bisher: Es herrscht dort die Angst, dass im nächsten halben Jahr potenziellen Kunden das Geld für Investitionen fehlen wird.

Weil die Konjunktur nach Einschätzung von Wansleben „definitiv keinen V-förmigen Verlauf haben wird“, droht in der Breite der Wirtschaft ab dem Herbst ein massiver Eigenkapitalmangel. So richtig es gewesen sei, dass die Bundesregierung in der Anfangsphase der Krise vor allem für Liquidität zu guten Kreditkonditionen gesorgt habe, so wichtig werde es im Herbst werden, Eigenkapital bereitzustellen.

Der DIHK fordert, dafür den Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) zu erweitern: Er müsse auch für den Mittelstand mit weniger als 250 Mitarbeitern geöffnet werden. Aber vor allem werde er mehr Geld brauchen, so Wansleben.

Das könne aber nicht erneut vom Staat kommen, sondern müsse von privaten Kapitalsammelstellen bereitgestellt werden: Es gebe Gespräche darüber mit der Bundesregierung, mit Banken, mit Fonds und Versicherungen, so Wansleben. Diese Gespräche verliefen mit allen Beteiligten „sehr konstruktiv“, sagte er.

Der DIHK hofft nun, dass der WSF in der nächsten Woche von Brüssel grünes Licht bekommt, und dass es dann gelingt, ihn bis zum Herbst um Privatkapital zu erweitern. Wegen der Kapitalmarktregulierung sei das nicht einfach. „Der Staat kann nicht alles richten, er darf nicht überfordert werden“, so Wansleben.

Er setzt darauf, dass es mit WSF-Mitteln gelingt, eine Insolvenzwelle im Herbst zu vermeiden – zumal sich zeige, dass in dieser Krise auch viele Gläubiger bereit seien, sich mit Unternehmen zu verständigen.

Lob für das Konjunkturpaket

Das Konjunkturpaket der Bundesregierung lobt der DIHK ausdrücklich, vor allem die zusätzliche Investitionsförderung. Die Mehrwertsteuersenkung sei ja nur ein Teil, der manchen Branchen – etwa der Autoindustrie – nütze, anderen eher nicht.

Aber man müsse sich auch klarmachen, dass ein Konjunkturpaket mit 130 Milliarden Euro zwar einen Impuls setzen könne, aber im Vergleich zum Gesamtumsatz der deutschen Firmen von 5300 Milliarden Euro nur ein Tropfen auf den heißen Stein sei. Denn bis zu 1000 Milliarden Euro dieses Umsatzes seien in diesem Jahr durch die Pandemie bedroht.

Wansleben betonte auch, wie wichtig es sei, dass die EU noch vor der Sommerpause den 750 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaufonds beschließe: Europa brauche diesen Impuls, auch damit die deutsche Wirtschaft sich erholen könne. 80 Prozent aller Umsätze werden demnach in Deutschland und der EU erzielt, 20 Prozent außerhalb.

Die Grenzen der Videokonferenzen

Der DIHK betonte auch, dass die Industrie ganz dringend wieder weltweite Reisefreiheit brauche. „Geschäftsreisen sind wahnsinnig wichtig“, so Wansleben, dessen Verband DIHK bereits Flugzeuge für Reisen nach China charterte.

Videokonferenzen könnten die persönliche Begegnung allenfalls im laufenden Geschäft mit Stammkunden ersetzen, aber nicht für Neugeschäft.

Denn der große Vorteil der deutschen Industrie, hochindividualisierte Maschinen für Spezialanwendungen zu liefern, werde gerade zum Nachteil: Solche Maschinen müssten vor Ort eingerichtet, die Mitarbeiter geschult, und dann von Experten ans Laufen gebracht werden. „Da nützt ein Webinar wenig“, so Wansleben.

Neue Normalität?

Der DIHK ist überzeugt: Neue Normalität kann nicht wirklich normal sein. Erst wenn das Coronavirus besiegt sei, werde die Unsicherheit weichen. Mit dem Virus wisse niemand, wann und wie mit neuen Einschränkungen zu rechnen sei. Besonders schlimm seien Grenzschließungen. „Dass die Grenzen zumindest im EU-Binnenmarkt wieder offen sind, das macht Hoffnung“, so Wansleben.

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ARCHIV - 14.08.2013, Niedersachsen, Peine: Schutzhelme hängen in einer Kantine an Haken. Die Corona-Krise zwingt die deutsche Wirtschaft in die Knie. Volkswirte sind sich einig: Europas größte Volkswirtschaft steuert auf die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg zu. (zu dpa ««Wirtschaftsweise» schrauben Konjunkturprognose nach unten») Foto: picture alliance / dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa