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Dass uns zwei Gastarbeiterkinder vor der Pandemie retten könnten, sollte keine Nachricht sein

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Die überschwellige Begeisterung für zwei Impfforscher mit Migrationshintergrund ist kein Ausdruck von Toleranz. Sondern Zeugnis einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber Migranten.

Was haben Ugur Sahin und Özlem Türeci mit Steve Jobs gemeinsam? Alle drei machten bahnbrechende Erfindungen: Jobs ist Gründer von Apple, Sahin und Türeci haben als Gründer und Vorstände des Medizin-Unternehmens Biontech einen vielversprechenden Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus entwickelt.

Es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Alle drei haben einen Migrationshintergrund. Doch während zu Lebzeiten des inzwischen verstorbenen Steve Jobs niemand darüber redet, sorgt die Migrationsgeschichte der Biontech-Vorstände in Deutschland für Schlagzeilen.

Es wäre besser, Sahin und Türeci lediglich als das zu sehen, was sie sind: Spitzenforscher. Das würde auch der Wirtschaft guttun. Dass wir hierzulande aber weiter über Frauenquoten in Dax-Vorständen diskutieren und uns über Onkologen mit türkischem Namen wundern, zeigt: In Sachen Integration hat das Einwanderungsland Deutschland noch einen langen Weg vor sich.

Die beiden Gründer mit türkischen Wurzeln sind über Nacht zu Stars geworden. Sie haben mit ihrer Firma Biontech einen Corona-Impfstoff entwickelt, der in Tests eine Wirksamkeit von 90 Prozent zeigt. Die Märkte feiern Türeci und Sahin, die EU bestellt Impfdosen für Dutzende Millionen Euro.

Für viele Medien ist die Migrationsgeschichte der beiden Biontech-Topleute zentral. Die „Bild"-Zeitung schreibt: „Unsere Welt kann gerettet werden. Aus Mainz. Von Migrantenkindern.“

Die „Rheinische Post“ beschreibt ein „Märchen“, also eine Geschichte, die gar nicht wahr sein kann: „Vom Gastarbeiterkind zum Weltretter.“

Dabei sind erfolgreiche Migranten keine Ausnahme, sondern die Regel: Von den 500 umsatzstärksten amerikanischen Unternehmen wurden 45 Prozent von Migranten oder deren Kindern gegründet. Der Adoptivvater von Amazon-Gründer Jeff Bezos ist Kubaner, der Vater von Apple-Gründer Steve Jobs Syrer. Der Google-Co-Gründer Sergey Brin kommt aus Russland. 101 Firmen im Fortune-500-Index wurden von Menschen gegründet, die außerhalb der USA geboren wurden. Wenn diese Unternehmen neue Produkte entwickeln, Rekordgewinne einfahren oder auch mal pleitegehen, wird dies grundsätzlich nicht mit der Migrationsgeschichte der Leitungsebene verknüpft.

In Deutschland ist das anders. Dabei kam hierzulande jeder zehnte Gründer mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit zur Welt. Wenn Start-up-Finanzierer trotzdem einen eigenen Fonds für Gründer mit Migrationshintergrund auflegen, dann ist das weniger ein Zeichen für gesellschaftliche Inklusion. Sondern Zeugnis für eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Gründern, die nicht Hendrik oder Johanna heißen, sondern Mehmet oder Piotr.

Die Wirtschaft profitiert von Gleichgültigkeit

Die falsche Begeisterung für erfolgreiche Migranten sollte auch Personalchefs zu denken geben. Eine Mitarbeiterin mit ausländischen Wurzeln muss nicht stärker gelobt werden als ein Angestellter ohne Migrationshintergrund.

Es kann sogar fatal sein, Menschen mit Migrationshintergrund auf ein Parallelgleis zu stellen, um sie angeblich besonders zu fördern. Nämlich dann, wenn diese Menschen immer besonders betätschelt werden, ohne sie besonders ernst zu nehmen. Die Wirtschaft profitiert von guten Ideen und Durchsetzungsfähigkeit. Dabei sollte es keine Rolle spielen, wer die Idee hat.

Natürlich dürfen Medien auf die Migrationsgeschichte der Biontech-Gründerin und des Gründers hinweisen. Doch ihre Herkunft sollte in einer offenen und innovationsgetriebenen Gesellschaft keine Rolle spielen. Ugur Sahin und Özlem Türeci haben an staatlichen Universitäten in Deutschland studiert, ohne Migrantenkinder-Sonder-Förderprogramm, dafür mit Fleiß und einem „Summa cum laude“-Abschluss.

Sahin und Türeci haben keinen Impfstoff gegen eine Jahrhundert-Pandemie entwickelt, obwohl sie einen Migrationshintergrund haben. Und auch nicht, weil sie einen Migrationshintergrund haben. Sie haben einfach ihren Job gemacht.

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