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Union-Investment-Experte über virtuelle Treffen: „Aktionärsrechte werden massiv eingeschränkt“

Janne Werning vom Fondshaus Union Investment glaubt, dass virtuelle Hauptversammlungen keine große Zukunft haben. Bei den Dax-Konzernen sieht er große Unterschiede.

Konzernchef Werner Baumann bei seiner Rede. Foto: dpa

Bei Union Investment, der Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken, ist Janne Werning für Nachhaltigkeit und gute Unternehmensführung zuständig. Der 36-Jährige hat angesichts der Corona-Pandemie zwar Verständnis für virtuell durchgeführte Hauptversammlungen. Überzeugen konnten ihn diese Veranstaltungen im Cyberspace aber nicht.

„Die Aktionärsrechte werden massiv eingeschränkt“, betont Werning. Für ihn lebt die Demokratie nicht allein von Wahlen, sondern von Debatten und Meinungsbildung. Das gelte auch für die Aktionärsdemokratie.

Wenn die Unternehmen zu ihren Aktionären auf Distanz gingen, beschädige das auch die Aktienkultur. Die virtuelle Hauptversammlung könne die Präsenz-Hauptversammlung immer nur ergänzen, aber nicht ersetzen.

Das ganze Interview lesen Sie hier:

Herr Werning, wie beurteilen Sie die virtuellen Hauptversammlungen der vergangenen Wochen?
Die bisherigen Erfahrungen haben uns nicht überzeugt, weil die Aktionärsrechte massiv eingeschränkt werden. Die Reden von Vorstand und Aufsichtsrat wurden bislang nur von sehr wenigen Unternehmen vorab veröffentlicht, darunter die Deutsche Bank und die Deutsche Börse. Die Aktionäre müssen ihre Fragen zwei Tage vor der Hauptversammlung eingereicht haben, die Beantwortung liegt im Ermessen des Vorstands. Dabei können Fragen sogar gebündelt werden. Das ist alles andere als aktionärsfreundlich.

Bei welchem Unternehmen aus dem Leitindex Dax waren die Unterschiede zu einem echten Aktionärstreffen am größten?
Gerade im Fall von Bayer zeigen sich die enormen Gegensätze zwischen virtueller Hauptversammlung und Präsenz-Hauptversammlung. Wo im letzten Jahr noch Demonstranten und eine hitzige Generaldebatte Vorstand und Aufsichtsrat erdeten und wo man in und vor der Halle noch Aktionärsdemokratie im Reinform erleben konnte, gab es in diesem Jahr nur eine kalte, sterile Videoübertragung. Diese maximale Distanz zu den Aktionären kann langfristig auch nicht im Sinne der Unternehmen sein, denn die wichtige Rolle der Aktionäre als Korrektiv für das Handeln von Vorstand und Aufsichtsrat wird dadurch geschwächt.

Was fehlt am meisten auf den virtuellen Hauptversammlungen?
Eine Demokratie lebt nicht allein von Wahlen, sondern auch von Debatten und Meinungsbildung. Das gilt ebenso für die Aktionärsdemokratie, die nicht allein von der Abstimmung lebt, sondern auch Debatten und Meinungsbildung über das Unternehmen zulassen muss. Die Aktionäre wollen auf der Hauptversammlung nicht nur abstimmen – sie wollen mit dem Vorstand und dem Aufsichtsrat in Dialog treten. Hauptversammlungen sind das entscheidende Instrument der Aktionärsdemokratie. Wenn die Unternehmen zu ihren Aktionären auf Distanz gehen, beschädigt das aber nicht nur die Aktionärsdemokratie, sondern auch die Aktienkultur.

Es wird beklagt, dass die Aktionäre keine spontanen Anträge einbringen können. Stört Sie das auch? Und wie müsste eine Reform aussehen?
Die virtuelle Hauptversammlung kann die Präsenz-Hauptversammlung nur ergänzen, aber nicht ersetzen. Das ist unsere wichtigste Forderung an eine künftige Hauptversammlungsreform. Wenn die Aktionäre ihrer Einflussmöglichkeiten beraubt werden, weil sie auf der Hauptversammlung kein vollumfängliches Frage-, Rede- und Auskunftsrecht mehr haben, werden sie eher geneigt sein, mit den Füßen abzustimmen, also ihre Aktien zu verkaufen. Ein großes Manko der virtuellen Hauptversammlung in der derzeitigen Form ist, dass man keine Rückfragen zu den gegebenen Antworten stellen kann – und auch nicht zu den Reden von Vorstand und Aufsichtsrat, sofern sie nicht vorab veröffentlicht werden.

Was waren positive, was negative Beispiele im bisherigen Verlauf der Hauptversammlungssaison?
Ein positives Beispiel fällt mir nicht ein. Ein Tiefpunkt für die Aktionäre war die Hauptversammlung von Eon, wo Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley und der Vorstandsvorsitzende Johannes Teyssen eine Lanze für die virtuelle Hauptversammlung ohne Generaldebatte gebrochen haben. Sie sind auf maximale Distanz zu den Aktionären gegangen und haben auch gleich das passende Lied eingespielt: „We’re a million miles apart.“ Das klang wie eine Kampfansage der angestellten Manager an die Eigentümer.

Herr Werning, danke für das Gespräch.

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