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Unilever will Firmensitz in Rotterdam entmachten

Der Konsumgüterkonzern will seine Doppelstruktur auflösen. Es ist schon der zweite Anlauf, aber diesmal mit umgekehrtem Vorzeichen.

Der britisch-niederländische Unilever-Konzern will sich eine neue Konzernstruktur geben: Statt wie bisher zwei gleichberechtigte Firmenzentralen soll es künftig nur noch eine geben – und zwar in London.

Eine einfachere rechtliche Struktur würde dem Unternehmen „eine größere strategische Flexibilität zur Steigerung des Shareholder Value geben und einen Katalysator für eine beschleunigte Portfolio-Entwicklung und eine größere organisatorische Autonomie darstellen“, teilte der Konsumgüterkonzern am Donnerstag mit.

Manch einem kommt diese Ankündigung wie ein Déjà-vu vor: Bereits 2018 kündigte der damalige Unilever-Chef Paul Polman eine Vereinfachung der Konzernstruktur mit nur noch einem Sitz an, damals aber in Rotterdam. Der Plan scheiterte. Nun unternimmt Polmans Nachfolger Alan Jope einen neuen Anlauf mit umgekehrtem Vorzeichen: Der Hauptsitz soll künftig in London sein.

Die Verschmelzung soll durch einen Zusammenschluss der beiden Gesellschaften erfolgen, bei dem die niederländische Gesellschaft in die britische übergeht. Für den Betrieb, die Standorte oder die Mitarbeiter ergäben sich dadurch keine Änderungen, betonte das Unternehmen, dessen über 400 Marken die Supermarktregale füllen – angefangen von Magnum-Eiscreme über Knorr-Tütensuppen bis zu Domestos-Reiniger und Axe-Deo.

Derzeit beschäftigt Unilever in den Niederlanden rund 2500 Mitarbeiter und in Großbritannien 6000. Die Aktien sollen weiterhin sowohl in London als auch in Amsterdam an der Börse notiert bleiben, aber die Hauptnotierung soll in Großbritannien sein.

Aufstand der britischen Investoren

Der Konzern Unilever war 1930 aus dem Zusammenschluss der niederländischen Firma Margarine Unie mit der britischen Gesellschaft Lever Brothers entstanden – dem bis dato größten Firmenzusammenschluss der Welt. Seitdem war Unilever in zwei separat börsennotierten Unternehmen, einem mit Sitz in Rotterdam und einem mit Sitz in London, geführt worden.

Doch das hatte aus Sicht des Managements Nachteile. 2018 entschied sich der damalige Firmenchef Polman dazu, das Unternehmen zu verschlanken. Das sollte den Konzern agiler machen, Kosten senken und so die Marge erhöhen, versuchte er seinen Aktionären zu erklären. Diese mussten dem Schritt damals – wie auch heute – zustimmen.

2018 rebellierten zahlreiche Fonds aus London gegen den Plan des Managements. Der Schritt wäre vielleicht für die europäischen Aktionäre positiv, aber nicht für die britischen, monierten Londoner Fonds, die zu den wichtigsten Anteilseignern des Konzerns gehören. Viele von ihnen dürfen nur in Unternehmen mit der Haupt-Börsennotierung in London investieren. Durch die Verschmelzung in ein kontinentaleuropäisches Unternehmen hätten sie also ihre Unilever-Aktien abgeben müssen, womöglich zu einem für sie ungünstigen Zeitpunkt.

Darüber hinaus befürchteten britische Investoren, dass sie auf Dividenden für niederländische Unilever-Aktien 15 Prozent Steuern hätten zahlen müssen. Und schließlich waren viele misstrauisch, dass die niederländischen Gesetze eine Übernahme des Unilever-Konzerns erschweren könnten.

Jope lockt mit Aussicht auf lukrative Deals

Angesichts dessen machten sie mobil – mit Erfolg. Der erbitterte Widerstand der Fondsgesellschaften führte 2018 dazu, dass Unilever-Chef Paul Polman seinen Plan beerdigen musste. Wenige Monate später legte er seinen Posten nieder, der Posten wurde intern mit Alan Jope nachbesetzt.

Auch dieses Mal müssen die Aktionäre dem Vorhaben noch zustimmen. Ein Termin dafür wurde noch nicht mitgeteilt. Unilever-Chef Jope versucht, die Investoren durch die Aussicht auf lukrative Deals zu überzeugen.

Die neue Struktur gebe Unilever mehr Flexibilität, um das Portfolio weiterzuentwickeln, auch durch Zukäufe oder Abspaltungen, heißt es in der Ankündigung. „Es ist klar, dass die Covid-19-Pandemie ein Geschäftsumfeld schaffen wird, in dem es von entscheidender Bedeutung ist, möglichst flexibel zu sein und schnell reagieren zu können.“

Konkret wird darauf verwiesen, dass eine Trennung von dem Geschäft mit Tee – unter anderem gehören Lipton und PG Tips zu dem Produktportfolio – durch die Doppelstruktur erschwert werde. Und auch die Sparte „Nahrungsmittel und Erfrischung”, die rund 40 Prozent der Konzernumsätze generiert, wird explizit erwähnt: Sollte die Sparte separat an die Börse gebracht werden, würde sie weiterhin in Rotterdam bleiben, erklärte Unilever. Das habe man der niederländischen Regierung zusichern müssen.

Derartige Transaktionen können zu lukrativen Ausschüttungen führen – was viele Investoren gerade in Zeiten gutheißen dürften, in denen viele Unternehmen ihre Dividende streichen.

Börsianer: „Der Koloss“ unternimmt den richtigen Schritt

In einer ersten Reaktion zeigten sich die Börsianer in London erfreut: Die im FTSE-100 notierte Aktie legte zu. Die Ankündigung sei nach dem gescheiterten Vorhaben 2018 eine Überraschung, kommentierte Aktienanalystin Sophie Lund-Yates von Hargreaves Lansdown die Nachricht.

„Unilever ist ein Koloss in dem sich schnell ändernden Geschäft der Konsumgüter, und die Zeiten ändern sich. Jeder Schritt, der dazu beiträgt, dass Unilever zu einem agileren Unternehmen wird, ist ein Schritt in die richtige Richtung“, meint sie, zumal die Corona-Pandemie die Herausforderungen für viele Unternehmen vergrößert habe. „Die Umsätze von Unilever waren in letzter Zeit etwas schwach, und Unilever hat diesen Weg gewählt, um sicherzustellen, dass das Unternehmen in der bestmöglichen Form ist, um den schwierigen Prozess der Verjüngung zu beginnen.“

Investoren fordern seit Jahren Veränderungen im Konzern. Ausgelöst wurde diese Kritik durch die 2017 gescheiterte Übernahme durch den Konkurrenten Kraft Heinz.

Der US-Konkurrent hatte 143 Milliarden Dollar für den Zusammenschluss beider Unternehmen geboten, war damit aber bei Unilever auf heftigen Widerstand gestoßen. Zu niedrig sei das Angebot, und auch strategisch passe man nicht zusammen, wies Unilever-Chef Polman die Avancen zurück. Der amerikanische Konzern zog sich zurück, aber die Investoren waren unzufrieden. Sie warfen dem Management vor, Unilever sei zu groß und zu schwer zu steuern.

Als die Kritik immer lauter wurde, verordnete das Unilever-Management sich notgedrungen ein Programm, um „mehr Wert für die Aktionäre“ zu schaffen. 2018 verkaufte der Konzern so sein Geschäft mit Rama- und Becel-Margarine, die Aktionäre erhielten aus dem Erlös eine üppige Gewinnbeteiligung.