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Wie Unilever, Beyond Meat und Ikea den Veggie-Burger vor den Brüsseler Bürokraten retten wollen

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Dürfen Hersteller ihre veganen Produkte weiterhin Steak, Frikadellen und Würstchen nennen, obwohl sie kein Fleisch enthalten? Kommende Woche stimmen die Europa-Abgeordneten über einen kuriosen Namensstreit ab.

Die Kennzeichnung von Lebensmitteln wird von der EU mit großem Ernst betrieben. Aber an wichtigen Stellen haben sich Lücken aufgetan, finden Europa-Abgeordnete. Ersatzprodukte aus Hülsenfrüchten dürfen sich Steak, Burger oder Schnitzel nennen, obwohl sie kein Fleisch enthalten. Kommende Woche, voraussichtlich am Mittwoch, werden die 750 Volksvertreter entscheiden, ob das so bleiben kann.

Der Ausgang der Abstimmung ist offen. Vor dem Votum liefern sich Hersteller, NGOs und Vegan-Fans auf der einen Seite und Fleischhersteller auf der anderen Seite eine regelrechte Lobby-Schlacht um den kuriosen Namensstreit.

Es geht um einen Zukunftsmarkt, der in der Zukunft Milliardeneinnahmen verspricht. Alleine im ersten Quartal diesen Jahres ist in Deutschland die Herstellung von Veggie-Produkten um 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Fleischproduzenten sehen sich dagegen mit Warnungen der Weltgesundheitsorganisation konfrontiert. Europäer haben immer weniger Appetit auf Rindfleisch, das in großen Mengen konsumiert als gesundheitsschädlich gilt. In einer Umfrage europäischer Verbraucherzentralen in elf Ländern gaben über 40 Prozent der Befragten an, weniger oder gar kein rotes Fleisch mehr zu essen.

Aber sind Bezeichnungen wie vegane Wurst und Nuggets ein Etikettenschwindel? Die Mehrheit der Verbraucher empfindet es offenbar nicht so, geht aus derselben Umfrage hervor. Die Aktivisten der Ernährungsorganisation ProVeg haben deshalb eine eigene Petition gestartet und bekommen reichlich Zuspruch. Über 160.000 Verbraucher haben bereits unterschrieben und wollen damit den Veggie-Burger retten.

Die europäischen Fleischhersteller setzen dem eine Kampagne entgegen, in der sie die „surrealistischen“ Namen der Ersatzprodukte anprangern. Auf den Plakaten ist ein wenig appetitlicher Klos aus Hülsenfrüchten und Zusatzstoffen zwischen schlaffen Brot zu erkennen. Dazu kommt der Hinweis auf französisch, dass es sich dabei um keinen Burger handele. Die Aufschrift „Ceci n´est pas un burger“ verweist auf den belgischen Maler René Magritte, bekannt für seinen Hang zum Absurden.

Vor der Abstimmung prallen die Argumente beider Seiten aufeinander. Die Freunde des Veggieburgers argumentieren mit Klimaschutz. „Wir erreichen die Klimaschutzziele in Europa nur, wenn der Fleischkonsum sinkt“, sagt Alexander Holst vom Good Food Institute, einer NGO aus den USA, die pflanzliche Alternativen fördert.

Beim europäischen Agrarverband Copa Cogeca pochen die Experten dagegen darauf, dass Produkte mit nach Fleisch klingenden Namen nur Fleisch enthalten sollen, damit der Verbraucher wisse, was genau er zu sich nehme. „Künftig könnten andere verwirrende Bezeichnungen entstehen, wenn wir diesmal mit guten Absichten ein Zugeständnis machen“, sagt Jean-Pierre Fleury, Vorsitzender der Arbeitsgruppe für Rindfleisch des Verbands.

Beim europäischen Agrarverband beobachten sie mit Interesse, dass die Debatte eine völlig neue Wucht bekommen hat, seit Großhersteller von Fleischersatzprodukten in die Schlacht um den Veggieburger eingestiegen sind. In einem offenen Brief haben die Lebensmittelgiganten Nestlé und Unilever, Branchenriesen wie Beyond Meat, aber auch Ikea gemeinsam mit 36 weiteren Herstellern und Organisationen gegen das Namensverbot für Veggieburger protestiert. Der schwedische Konzern Ikea hat sein Sortiment von Köttbullar längst um eine vegane Variante namens Grönsaksbullar erweitert. Was erklärt, warum ein Möbelhersteller sich auf einmal für die Regulierung der Landwirtschaft in Brüssel interessiert.

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