Deutsche Märkte schließen in 3 Stunden 8 Minuten

Die unheimliche Stärke des Dollar

Viele hatten einen schwächeren Dollar in diesem Jahr erwartet. Doch er steigt und steigt. Analysten warnen vor den Risiken des Höhenflugs.

Eine beliebte Erfolgsformel am Kapitalmarkt lautet: The Trend is your friend, der Trend ist dein Freund. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der US-Dollar. Er hat bereits 2018 und 2019 im Vergleich zu anderen wichtigen Währungen zum Teil deutlich zugelegt.

Obwohl viele Analysten für dieses Jahr eher skeptischer sind, steigt und steigt er. Diese Woche erreichte der Dollar im Vergleich zum Euro den höchsten Stand seit 2017.

Er profitiert unter anderem von der robusten Wirtschaft in den USA und der Konjunkturschwäche in Europa. Aber auch von vergleichsweise hohen Zinsen in den USA und der Unsicherheit um Sars-CoV-2, die dazu führt, dass Anleger Risiken meiden. Aus Sicht von Analysten birgt der aktuelle Höhenflug jedoch Risiken.

Commerzbank-Devisenexperte Ulrich Leuchtmann warnt in einem aktuellen Kommentar vor einer spekulativen Blase. „Anleger sollten sich der Gefahr bewusst sein, dass es, wenn die Party mal vorbei ist, schnell in die andere Richtung gehen kann“, schreibt er.

Aktuell profitiert der Dollar unter anderem von der Nervosität rund um Sars-CoV-2. In Zeiten hoher Unsicherheit meiden Investoren Risiken und bringen ihr Kapital in sogenannte sichere Häfen, die als besonders risikoarm gelten. Dazu zählt am Devisenmarkt neben dem japanischen Yen und dem Schweizer Franken auch der US-Dollar. Dieser hat jedoch auch in Phasen zugelegt, in denen die Furcht vor Sars-CoV-2 an den Märkten eher abgenommen hat.

Einen Grund für den Aufwärtstrend beim Dollar sieht Leuchtmann in der aktuell sehr geringen Schwankungsintensität des Wechselkurses zum Euro. Dies führt dazu, dass sich die Zinsdifferenzen zwischen dem Euro-Raum und den USA stärker bemerkbar machen. Im Euro-Raum liegt der derzeit entscheidende Einlagezins bei minus 0,5 Prozent – in den USA dagegen ist der Leitzins zwischen 1,5 und 1,75 Prozent festgelegt.

Dadurch wird eine besondere Form von Währungsgeschäften attraktiver: sogenannte Carry-Trades. Dabei verschulden sich Investoren in einem Währungsraum, wo die Zinsen niedrig sind, und legen das Kapital dort an, wo sie höher sind. Solche Geschäfte funktionieren dann am besten, wenn die Währung, in der man sich verschuldet, abwertet und keinen allzu großen Schwankungen unterliegt. Auch für Unternehmen aus anderen Währungsräumen wie den USA ist es derzeit attraktiv, sich in Euro zu verschulden. Wenn sie sich in Euro verschulden und das Kapital in andere Währungsräume verschieben, schwächt das tendenziell den Euro-Kurs und stärkt den Dollar.

Ein weiterer wichtiger Grund für die aktuelle Schwäche des Euros sind schlechte Konjunkturdaten für den Euro-Raum. So erlitt die Industrieproduktion in Deutschland nach neuen Zahlen im Dezember 2019 den stärksten Einbruch seit der Finanzkrise. Auch in anderen Euro-Ländern wie etwa Italien war der Rückgang beträchtlich. Ohnehin gehen die Prognosen für dieses Jahr nur von einem sehr geringen Wachstum im Euro-Raum aus. Dadurch ist der Währungsraum besonders anfällig für wirtschaftliche Schocks wie aktuell Sars-CoV-2. Dagegen hängt die US-Wirtschaft viel weniger vom Export ab und zeigt sich daher robuster.

Euro-Schwäche bedingt die Dollar-Stärke

Bayern-LB Devisenexperte Manuel Andersch führt die aktuelle Dollar-Stärke daher vor allem auf die Konjunktursorgen im Euro-Raum zurück. „Die Stärke des Dollars hängt auch mit der Schwäche des Euros zusammen“, sagt er. Schwächt sich die Konjunktur in Europa wegen der Folgen des grassierenden Virus noch stärker ab, könnte der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) zunehmen, geldpolitisch noch einmal nachzulegen.

Zwar sind die Hürden dafür hoch, aber allein die Spekulation darüber reicht, um den Euro-Kurs zu schwächen. Sinken die Zinsen im Euro-Raum noch weiter, würde es für internationale Investoren attraktiver, ihr Kapital in anderen Währungsräumen zu investieren – was tendenziell den Euro schwächt und den Dollar stärkt.

Andersch verweist zudem auch auf charttechnische Gründe für die Dollar-Stärke. Anhänger dieser Lehre versuchen mehr oder weniger mit dem Geodreieck künftige Kursentwicklungen vorherzusagen – und liegen damit oft gar nicht weit daneben. Sie orientieren sich an bestimmten Signalmarken. Eine solche Marke hat der Dollar in dieser Woche überschritten, als er über den alten Höchststand im September gestiegen ist. „Damit ist ein wichtiger Widerstand gefallen“, sagt Andersch. „Man kann diskutieren, wie sinnvoll die Charttechnik ist, aber viele Händler orientieren sich daran.“

Risiko Trump

Trotz des aktuellen Aufwärtstrends warnt auch Andersch vor den längerfristigen Risiken für den Dollar. Er fürchtet, dass die US-Regierung angesichts des starken Dollars einschreitet. „Der Markt unterschätzt aktuell das Risiko, dass die Trump-Regierung den Dollar schwächen könnte“, sagt Andersch. Ähnlich äußert sich auch der Devisenstratege der US-Großbank Citi, Ebrahim Rahbari. „Wir erwarten, dass die US-Regierung auf die weitere Dollar-Stärke achtet“, schreibt er in einem Kommentar.

US-Präsident Donald Trump hat sich mehrfach für einen schwächeren Dollar ausgesprochen. Bislang hat er damit noch nicht viel bewirkt. Seine Versuche scheiterten vor allem daran, dass sich die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) von ihm nicht in die Geldpolitik hineinreden lässt. Zuletzt hat die US-Regierung jedoch versucht, sich anderweitig Spielraum zu verschaffen. Sie hat ein Gesetz finalisiert, das es ihr erlaubt, Strafzölle gegen Staaten zu verhängen, denen sie vorwirft, ihre Währung zu manipulieren. „Die US-Regierung könnte eine Vielzahl von Instrumenten nutzen, um mit Zöllen zu reagieren“, schreibt Rahbari.

Zudem könnte Trump seinen Einfluss auf die Notenbank deutlich verstärken, wenn er bei den US-Wahlen im November im Amt bestätigt wird. In diesem Fall könnte er über Personalentscheidungen Einfluss auf die Fed nehmen. Seine Bereitschaft dazu hat er zuletzt unterstrichen, zum Beispiel indem er mit Judy Shelton eine Kandidatin für das Führungsgremium der Fed vorgeschlagen hat, die ihm politisch sehr nahesteht.

Shelton war eine Anhängerin des Goldstandards, also des Vorschlags, den Dollar ans Gold zu binden. Inzwischen setzt sie sich für besonders niedrige Zinsen ein. Knapp ein Jahr nach den Wahlen in den USA läuft die Amtszeit des bisherigen US-Notenbankchefs Jerome Powell aus. Trump könnte einen Nachfolger bestimmen, der bereit ist, die von ihm gewünschte Geldpolitik umzusetzen – und so den Dollar schwächen.

Hinzu kommt außerdem, dass die US-Notenbank seit Ende vergangenen Jahres wieder für monatlich 60 Milliarden US-Dollar Anleihen kauft – nachdem sie zeitweise ihren Bestand an Anleihen sogar abgebaut hatte. Die Fed führt dafür zwar keine geldpolitischen Gründe an. Anders als nach der Finanzkrise geht es ihr nicht darum, die Wirtschaft anzukurbeln. Damals hatte sie vor allem langlaufende Papiere gekauft, um die langfristigen Zinsen zu senken und so das Wachstum zu stützen.

Bei den aktuellen Käufen betont die Fed, dass diese rein technischer Natur seien, um Liquiditätsengpässe am Geldmarkt zu vermeiden. Die Wirkung ist aus Sicht von Ökonomen aber dennoch ähnlich. Die Fed weitet ihre Bilanz aus und bringt Dollars auf den Markt, wodurch das Angebot steigt. Tendenziell spricht auch das gegen einen stärkeren Dollar – zumindest, wenn die Fed ihre Käufe fortsetzt.

Strukturelle Schwächen

Neben politischen Faktoren und der Geldpolitik sprechen auch fundamentale Gründe gegen den Dollar. „Die Fundamentaldaten für den Dollar werden immer schlechter“, sagt Gergely Majoros von der Fondsgesellschaft Carmignac. „Das liegt vor allem an den hohen Defiziten im US-Haushalt und in der Leistungsbilanz.“ Allein für den Haushalt 2019 wird das Haushaltsdefizit auf etwa fünf Prozent der Wirtschaftsleistung geschätzt. Auch in der Leistungsbilanz schreiben die USA deutliche Defizite, also im Handel von Waren und Dienstleistungen mit dem Ausland.

Normalerweise macht dies eine Währung anfällig. Die betroffenen Länder sind auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen, um ihre Defizite zu decken. Vor allem in Schwellenländern hängen Währungskrisen oft damit zusammen, dass Kapitalzuflüsse abrupt stoppen.

Natürlich sind die USA damit nicht vergleichbar. Wegen der Rolle des Dollars als internationale Leitwährung genießen sie einen Sonderstatus. Andere Faktoren wie die Risikoneigung an den internationalen Kapitalmärkten und politische Themen spielen eine stärkere Rolle. „Wegen des Status des Dollars als internationale Leitwährung ist es schwer vorherzusagen, wann sich die fundamentale Schwäche auf den Dollar-Kurs niederschlägt“, sagt Majoros. Dennoch bezweifeln viele Experten, dass sich der Dollar auf Dauer von fundamentalen Faktoren entkoppeln kann.