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Unglaublich – vor 20 Jahren verdiente keiner mehr als die Deutsche Bank!

Thomas Brantl, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Im Jahr 2000 verdiente die Deutsche Bank (WKN: 514000) rund 13,5 Mrd. Euro – kein anderer DAX-Konzern verdiente damals auch nur annähernd so gut wie Deutschlands größtes Bankhaus. Und selbst in den Folgejahren schaffte es lediglich Volkswagen (WKN: 766403), dieses Ergebnis zu toppen (2011 und 2012, Quelle: finanzen100.de, Stand: 2018).

Vom Glanz dieser Zeit ist bei der Deutschen Bank nicht viel übrig geblieben – heute ist man in Frankfurt froh, überhaupt einen Gewinn ausweisen zu können. Wer sich im Jahr 2000 Deutsche-Bank-Aktien ins Depot gelegt hat, für den entwickelte sich dieses Investment zum absoluten Desaster – über 90 % an Wert hat die Aktie seitdem verloren (Stand: 15.11.2019).

Doch hätte man den Absturz der Deutsche-Bank-Aktie im Jahr 2000 vorhersehen können? Schwierig – keine Frage! Die fünf folgenden Kriterien hätten allerdings bei konsequenter Anwendung definitiv dem einen oder anderen Anleger ein Debakel erspart – oder zumindest die Verluste begrenzt.

Kriterium 1: Circle of Competence

Ich beschäftige mich zwar leidenschaftlich gerne mit dem Thema „Finanzen“ – trotzdem verstehe ich nicht viel von dem, was die Deutsche Bank macht. Seit ihrem Einstieg ins Investmentbanking in den 2000er-Jahren hat sie mit einer normalen Bank nicht mehr viel zu tun.

So stammten im Geschäftsjahr 2018 über 50 % der Erträge aus dem Segment Corporate & Investmentbanking – die Frage, die wir Privatanleger uns stellen sollten: Wie sollen wir dieses Segment beurteilen? Über welche Wettbewerbsvorteile verfügt die Deutsche Bank? Welchen Konkurrenten stehen den Frankfurtern gegenüber? Und wie sehen überhaupt die konkreten Produkte oder Dienstleistungen im Investmentbanking aus? Werden diese in zehn Jahren noch benötigt?

Jeder, der eine dieser Fragen nicht beantworten kann, der sollte in meinen Augen die Finger von der Deutsche-Bank-Aktie lassen. Ich kann nicht mal eine einzige beantworten – weshalb ein Investment für mich definitiv nicht infrage kommt. Jetzt nicht – und auch im Jahr 2000 nicht. Egal wie hoch der Gewinn sein mag.

Kriterium 2: Man muss nicht auf jeder Hochzeit tanzen

Klickt man sich durch Internetforen oder entsprechende Facebook (WKN: A1JWVX)-Gruppen, dann hört man immer wieder Statements wie „Dir fehlt ein Konsumartikelhersteller im Depot“ oder „Die Paypal-Aktie habe ich im Depot, um den Finanzsektor abzubilden“.

Diese Denkweise suggeriert, dass man am besten in jedes Segment investieren sollte – egal ob man sich darin gut auskennt oder nicht. Ein gefährlicher Ansatz – denn er könnte dazu führen, dass der gerade angesprochene Circle of Competence verlassen wird. Und man sich infolgedessen eine Deutsche-Bank-Aktie ins Depot legt, um den Finanzsektor abzubilden – obwohl man von diesem Geschäft rein gar nichts versteht.

Ich sage daher: Man muss nicht auf jeder Hochzeit tanzen – geh nur dahin, wo du wirklich verstehst, wie der Hase läuft. Und lass dich nicht von hohen Gewinnen dazu bewegen, doch zu investieren. Das kann gründlich danebengehen, siehe eben die Deutsche-Bank-Aktie im Jahr 2000.

Kriterium 3: Die Zeichen der Zeit

Wie erwähnt verdient die Deutsche Bank ihr Geld zu über 50 % im Investmentbank – der Rest kommt aus dem Privat- und Firmenkundengeschäft und der Vermögensverwaltung. Auch hier bin ich zwar kein Experte, aber die folgenden beiden Zusammenhänge verstehe ich dann doch.

Zusammenhang 1: Produkte wie ein Girokonto, ein Depot, ein Privat- oder Firmenkundenkredit ist in hohem Maße von den Konditionen abhängig – sprich: Ein Teil der Produkte der Deutschen Bank ist in meinen Augen hochgradig preissensibel – und obendrein auch noch relativ leicht vergleichbar.

Ob eine Filialbank wie die Deutsche Bank hier die besten Karten hat – oder doch eher Direktbanken wie die consorsbank, comdirect oder die ING Diba? Meiner Meinung nach ist die Antwort auf diese Frage völlig klar: Direktbanken haben niedrigere Kosten und damit die Möglichkeit, bessere Konditionen anzubieten. Ein klarer Vorteil gegenüber Filialbanken!

Zusammenhang 2: Niedrige Zinsen sind Gift für das Kreditgeschäft – je niedriger die Zinsen sind, desto niedriger fällt auch die Gewinnspanne einer Bank aus. Genau darunter leiden gerade die europäischen Banken aktuell.

Die Frage lautet: Werden die Zinsen so schnell wieder steigen? Für mich spricht zumindest nicht viel dafür – was sehr schlecht für die Deutsche Bank wäre.

Die Zeichen der Zeit deuten für mich an, dass die Kosten weiterhin im Fokus der Kunden stehen werden und wir uns an das derzeitige Niedrigzinsumfeld eventuell gewöhnen müssen. Beide Entwicklungen arbeiten spätestens seit 2010 gegen die Deutsche Bank – die ersten Direktbanken gab es allerdings vor dem Jahr 2000.

Dieser Punkt hätte also damals schon stutzig machen können.

Kriterium 4: Produkt- und Kundenfokus

Große Unternehmen, die langfristig erfolgreich sind, verfügen meist über dieses Merkmal: Sie sind extrem produkt- und kundenfokussiert. Ich denke hier beispielsweise an Apple (WKN: 865985) – ein absolutes Paradebeispiel für Produktfokus.

Die Deutsche Bank – wie vermutlich auch die meisten anderen Banken – ist typisches Produkt einer extremen Form des Kapitalismus. Gewinn geht über alles, die Quartalszahlen müssen passen, der nächste große Deal will klargemacht werden. Produkt- oder Kundenfokus? Fehlanzeige!

Nun, vielleicht muss das in dieser Branche auch so sein, keine Ahnung – bitte versteh diesen Punkt nicht als abwertend oder als Kritik. Ich persönlich investiere jedoch nur äußerst ungern in solch ein Umfeld, da es den perfekten Nährboden für Skandale bietet. Auch hier ist die Deutsche Bank ja leider ein (negatives) Paradebeispiel.

Für mich wäre trotz Milliardengewinns auch im Jahr 2000 schon klar gewesen: Die Deutsche-Bank-Aktie passt absolut nicht zu meinen Werten als Investor – und alleine deswegen wäre die Deutsche Bank auch damals schon nicht in meinem Depot gelandet.

Kriterium 5: Diversifikation

Wen diese vier Punkte nicht vom Kauf der Deutsche-Bank-Aktie abgehalten haben, für den hoffe ich, dass er zumindest einen der wichtigsten Investitionsgrundsätze überhaupt berücksichtigt hat – nämlich den der Diversifikation. Wer nur fünf Aktien im Depot hat und eine davon heißt Deutsche Bank, für den hatte der Absturz der Aktie natürlich katastrophale Auswirkung auf das gesamte Depot.

Ein gut diversifiziertes Portfolio hätte die Folgen des Absturzes der Deutsche-Bank-Aktie auf das Gesamtdepot definitiv in Grenzen gehalten – mindestens 15 bis 20 unterschiedliche Aktien sollten es in meinen Augen schon sein.

Mein Fazit zur Geschichte der Deutsche-Bank-Aktie

Natürlich ist es im Nachhinein immer einfach festzustellen, was bei einem Investment schiefgelaufen ist. Wer jedoch zumindest die Punkte eins – Circle of Competence – und fünf – Diversifikation – beachtet, der sollte sich nicht viele Deutsche Banken ins Depot holen – und so eine allzu harte Landung vermeiden.

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Thomas Brantl besitzt Aktien von Apple und Facebook. The Motley Fool besitzt die folgenden Optionen: Long Januar 2020 $150 Calls auf Apple und Short Januar 2020 $155 Calls auf Apple. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Apple. 

Motley Fool Deutschland 2019