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Umsatz von Native Instruments steigt trotz Coronakrise auf mehr als 100 Millionen Euro

·Lesedauer: 5 Min.

Die Berliner Firma bietet Software-Instrumente an, genutzt von Musikern wie Ed Sheeran. Die Geschäftszahlen stimmen – zur Freude des neuen CEOs.

Die Musikbranche weltweit leidet unter Corona. Pandemiebedingt sind Tourneen abgesagt und Albumveröffentlichungen verschoben worden. Die Kreativität der Künstler hat darunter nicht gelitten, ist zumindest Constantin Köhncke überzeugt: „Viele Menschen haben die Zeit genutzt, um zu Hause Musik zu produzieren.“

Köhncke hat jüngst die Führung des Berliner Unternehmens Native Instruments von Mitgründer Daniel Haver übernommen, der in den neu geschaffenen Aufsichtsrat wechselt. Native Instruments entwickelt digitale Audiowerkzeuge und Instrumente für die Musikproduktion. Und der Lockdown-Effekt, den Köhncke anspricht, hat dem Mittelständler einen kleinen Sonderboom verschafft.

Der Umsatz mit der Soft- und Hardware für die Produktion von Musik und für DJ-Sets dürfte in diesem Jahr von zuletzt 92 auf erstmals deutlich mehr als 100 Millionen Euro steigen. Das erfreut auch den Finanzinvestor EMH, der vor einigen Jahren beim Berliner Unternehmen eingestiegen ist und die Anteile zuletzt bis auf eine knappe Mehrheit aufgestockt hat. Mit dem Erlös aus der Finanzierungsrunde soll unter anderem die Plattform weiter ausgebaut werden, auf der zum Beispiel Drittpartner Software-Instrumente entwickeln und vermarkten können.

Native Instruments, 1996 gegründet, hat inzwischen die Größe eines mittelständischen Unternehmens, sich aber dennoch einen gewissen Szenecharakter bewahrt. Haver, der zuvor eine Grafik- und Webdesignagentur gegründet hatte, war nach eigenen Angaben leidenschaftliches Mitglied der elektronischen Klubkultur, als er damals zum Gründerteam stieß. Die Haare waren noch lang, als er bei den frühen Love-Parades mitlief.

Auch Köhncke war DJ in Berlin und Kunde von Native Instruments, als er in einem Newsletter von einer freien Stelle als PR-Manager las. Zuvor hatte er in London und Berlin unter anderem Kultur- und Medienmanagement studiert und etwa für das Musikfernsehen und den Konzertveranstalter Deag gearbeitet. Zuletzt leitete er bei Native Instruments das globale Marketing sowie das Büro in Los Angeles. Dort war er nah an der Musikszene, selbst zum Auflegen kommt er kaum noch. „Das letzte Mal hat das bei unserer Weihnachtsfeier in L.A. geklappt“, sagt der 36-Jährige.

DJs derzeit vorsichtig bei Anschaffungen

Native Instruments hatte als eines der ersten Unternehmen in der Branche die Möglichkeiten des Computers erkannt und sich die „Demokratisierung der Musikproduktion“ auf die Fahne geschrieben. Branchenkenner schätzen, dass acht von zehn Liedern im Radio mit Produkten des Unternehmens entstehen. Ed Sheeran setzt sie ein, ebenso Coldplay. Nicht nur Berufsmusiker spielen mit den mehr als 100 Software-Instrumenten – vom digitalen Steinway-Klavier bis zum Synthesizer – ihre Songs ein. „Wir sehen eine wachsende Professionalisierung des Markts der Hobbymusiker“, sagt Köhncke.

Dabei hat die Branche insgesamt mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Die Musikindustrie ist im ersten Halbjahr zwar dank des anhaltenden Trends zum Audiostreaming über Plattformen wie Spotify gewachsen. In Deutschland legten zudem die Umsätze mit CDs, Schallplatten und Downloads um knapp fünf Prozent auf 784 Millionen Euro zu.

Doch warnt Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie: „Das leichte Wachstum in unserer Branche darf nicht davon ablenken, wie groß die Krise für den Live-Sektor ist – mit verheerenden Auswirkungen für Künstlerinnen und Künstler und all jene, die hier an der Wertschöpfung teilhaben.“

Auch an Native Instruments geht die Entwicklung nicht vorüber. „Das DJ-Geschäft leidet“, sagt Haver. Die Klubs sind noch immer geschlossen, Discjockeys überlegen sich jede Investition zweimal. Allerdings werden die Einbußen bislang durch die gestiegene Nachfrage nach Produktionssoftware überkompensiert, das Unternehmen arbeitet hochprofitabel.

Investor EMH freut es naturgemäß. „Die Leidenschaft, die hinter diesem Unternehmen steckt, ist faszinierend“, sagt EMH-Mitgründer Sebastian Kuss. „Wir wollen Native Instruments dabei unterstützen, die starke technologische Basis und ihre führende Marktposition weiter auszubauen und ihre ehrgeizigen Visionen erfolgreich umzusetzen.“ Der Fonds ist auf Mittelstandsbeteiligungen spezialisiert und unter anderem bei Brainlab, Anbieter für softwaregestützte Medizintechnik, und dem Designerleuchten-Hersteller Occhio investiert.

Richtiger Zeitpunkt zum Generationswechsel

Im Jahr 2017 war der Finanzinvestor mit 50 Millionen Euro bei Native Instruments eingestiegen. Damals beteiligten sich auch die Gründer mit einem mittleren einstelligen Millionenbetrag an der Finanzierungsrunde und behielten zunächst die Mehrheit. Diese hat inzwischen EMH übernommen.

Gründer Haver startete einst mit einem Team aus sechs Leuten, heute sind es 450 Mitarbeiter. Gerade bei einem Unternehmen, das aus einer gemeinsamen Leidenschaft für Musik und Technologie heraus entstanden ist, kann das zu Wachstumsschmerzen führen. Für die Professionalisierung müssen Fachleute von außen geholt werden. Bei vielen Start-ups führt das zu Konflikten mit den Beschäftigten der ersten Stunde.

„Auch bei uns lief das nicht völlig reibungslos“, sagt Haver. Es sei wichtig, auch in den Wachstumsphasen die Unternehmenskultur zu erhalten. Bei den Professionalisierungsschritten sei die DNA nicht immer ausreichend erhalten worden. Es sei wichtig, dass die Mitarbeiter den Markt wirklich verstehen. Musik sei ein sehr emotionales Gut. In den vergangenen Jahren habe man da aber manches noch einmal korrigiert.

Und so sieht Haver nun den Zeitpunkt für den Generationswechsel. Gemeinsam mit Vorstand Mate Galic hatte er das Unternehmen mehr als 20 Jahre geführt. Beide ziehen nun in das neue Kontrollgremium des Unternehmens ein. Es sei wichtig gewesen, die Führung intern zu besetzen, so Haver – es gehe darum, die DNS zu bewahren.

Der Übergang von Gründern auf die nächste Führungsgeneration gestaltet sich oft schwierig. Er wolle mit Rat zur Seite stehen, wenn er gebraucht werde, aber Haver sich nicht dauernd ins operative Geschäft einmischen. Nach „30 Jahren Vollgas“ freue er sich auf die Zeit mit der Familie: „Ich kann auch loslassen.“

Nach einer dreitägigen „Übergabesession“ in der Uckermark glaubt auch Köhncke, dass das Zusammenspiel der beiden funktionieren wird. „Ich bin sehr optimistisch, dass er aus der Rolle des Chairmans heraus das richtige Consulting-Level findet“, drückt es der neue CEO aus, „und wir kennen uns ja seit mehr als zehn Jahren“.