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Typisch deutsch? Die Briten greifen einen urdeutschen Begriff auf - und zeigen, wie wichtig er sein kann

Jennifer Caprarella
·Freie Autorin
·Lesedauer: 4 Min.

Den Begriff Feierabend gibt es in der englischen Sprache nicht. Doch gerade jetzt, da im Homeoffice die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem verschwimmen, können sie einem BBC-Artikel zufolge viel von den Konzept lernen. Und was dieses für uns selbstverständliche Wort impliziert, kann auch uns derzeit eine Hilfe sein.

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Feierabend ist ein Begriff, den die Briten in ihrer Sprache nicht haben - was alles in dem für uns selbstverständlichen Wort steckt, hat ein Artikel erörtert - der auch uns wiederum eine Lehre sein kann (Symbolbild: Getty Images)

Die Briten zeigen sich bisweilen fasziniert von der deutschen Sprache. Besonders Schachtelworte wie Weltschmerz oder Schadenfreude, für die es keine direkte englische Übersetzung gibt, sorgen für Eindruck. Nicht nur sind sie eine simple Art, ein komplexes Gefühl auszudrücken. Aus Sicht der Briten sagt es auch eine Menge über uns Deutsche aus, dass wir ein eigenes Wort dafür haben, Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt zu fühlen oder aber eine diebische Freude über das Missgeschick anderer.

Ebenso verhält es sich über ein weiteres Wort, das gerade via eines BBC-Artikels in den Fokus der Briten gerückt ist: Feierabend. Auch hierfür gibt es kein sprachliches Äquivalent im Englischen – und selbst das Konzept, die Arbeitszeit derart scharf von der Freizeit zu trennen, scheint in Großbritannien zunächst wunderlich zu wirken.

Deshalb sah sich Krystin Arneson von der BBC bewegt, in Zeiten der Corona-Krise, in der “die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwommener ist denn je”, das Konzept des Feierabends näher unter die Lupe zu nehmen:

Ein deutsches Wort zeigt uns, wie wichtig es ist, abzuschalten und hilft uns vielleicht sogar dabei, uns etwas Freizeit zurückzuerobern.

Das Bild vom fleißigen Deutschen bleibt: Die Trennung von Arbeit und Freizeit macht uns noch fleißiger

Am Image des hart arbeitenden, gewissenhaften Deutschen rüttelt der Begriff indes nicht. Dass wir unsere Freizeit linguistisch absichern sei eng mit einer kapitalistischen Mentalität verknüpft: Ein erholter Arbeiter kann schließlich mehr leisten als ein übermüdeter.

So sieht Homeoffice wirklich aus: Mutter begeistert mit ehrlichem Bild auf Twitter

Dies bestätigt auch die Historikerin Dr. Caroline Rothauge von der Universität Eichstätt, die der BBC die Herkunft des ursprünglich religiös konnotierten Wortes erläuterte. Einst sei mit dem Feierabend buchstäblich die Zeit für Gebet und Ruhe eingeläutet worden. Später sei es von Fabrikarbeitern übernommen worden, die zunehmend um humanere Arbeitszeiten und Ruhepausen gekämpft hatten. Wie Dr. Rothauge sagt:

Daraufhin wurden Arbeit und Freizeit als zwei Seiten der gleichen Münze gesehen: Wer seine Freizeit gut nutzt, hat mehr Energie für die Arbeit und ist im besten Fall leistungsfähiger.

Was die Briten vom Feierabend lernen wollen

Dennoch sieht der Artikel den Begriff als etwas Positives. Das Wort Feierabend gehe über die oft zitierte “Work-Life-Balance” hinaus, deren Bedeutung oft so verworren sei wie das Problem, das es lösen will.

Stattdessen scheint der deutsche Ansatz anzuerkennen, dass es stets ein Spannungsfeld zwischen dem Arbeits-Ich und dem privaten Ich geben wird. Anstatt die beiden krampfhaft unter einen Hut bringen zu wollen, schafft die Abkoppelung, die der Feierabend mit sich bringt, klare Grenzen zwischen den beiden.

In Zeiten, in denen ständige Erreichbarkeit keine Seltenheit ist und Überstunden als selbstverständlich gesehen werden und durch das Homeoffice die Arbeit in unsere privaten Räume sickert, sei ein klares Abschalten wichtig, und hierbei könne eine Art Feierabend auch den Briten helfen, die diesen Begriff bisher nicht kannten.

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Auch im Homeoffice eine Krawatte oder elegantere Hose zu tragen kann helfen - das Umziehen am Ende des Tages sendet ein klares Signal, dass jetzt Feierabend ist (Symbolbild: Getty Images)

Warum das Feierabend-Konzept gerade jetzt so wichtig ist

Dass sich die BBC ausgerechnet jetzt mit diesem Wort befasst, über dessen Aussagekraft wir uns selten Gedanken machen, ist kein Zufall. Im Homeoffice, auf das viele aufgrund der Corona-Krise angewiesen sind, ist es noch leichter, Überstunden anzuhäufen - und noch schwieriger, eine klare Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zu ziehen. Die bequemen Hausklamotten haben wir schließlich schon an, und auch der nahezu rituelle Weg von oder in die Arbeit entfällt.

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Nils Backhaus von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin empfiehlt der BBC ein aktives Abschalten von der Arbeit. Er selbst fahre um 17 Uhr immer die selbe Strecke mit dem Fahrrad und schaffe sich so einen “künstlichen Pendelweg”. Doch auch simplere Maßnahmen wie das Umziehen von einer Hose, die nur während der Arbeit getragen wird, in eine bequemere Jogginghose könne dabei helfen, den inneren Schalter auf Freizeit umzulegen - und auch zu Hause endlich Feierabend zu haben.

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