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Das TV-Duell, das kein TV-Duell sein sollte

·Lesedauer: 5 Min.

Beide Präsidentschaftskandidaten wurden im Fernsehen getrennt voneinander befragt. Joe Biden setzte auf Solides, Donald Trump musste unbequeme Fragen beantworten.

Der Unterschied zwischen Joe Biden und Donald Trump ist: Der eine fängt an zu reden, aber man bekommt es nicht so richtig mit, weil gerade noch die Quizshow „Jeopardy“ lief und plötzlich spricht da Joe Biden über Elektroautos. Der andere fängt an zu reden, und man hat sofort vergessen, was vorher im Programm lief, weil direkt die Hütte brennt.

In der Nacht zum Freitag konnte man diese und andere Unterschiede verfolgen, auf zwei getrennten Bildschirmen, weil sich beide Präsidentschaftskandidaten zeitgleich in separaten Talkshows befragen ließen. Ursprünglich sollten der 74-jährige Trump und der 77-jährige Biden auf einer Bühne stehen. Gemeinsam. Nebeneinander. Physisch an einem Ort anwesend.

Wer weiß, vielleicht hätten ihre Schmink-Zimmer aneinander gegrenzt, vielleicht hätten sich die Entouragen der konkurrierenden Lager sogar zugewunken. Alles vorstellbar, aber dann auch wieder nicht. Denn angesichts der Gräben mit Tiefsee-Ausmaß, die den Republikaner und den Demokraten trennen, ist ein gemeinsamer Auftritt schon unter normalen Umständen schwer vorstellbar. Niemand braucht eine Wiederholung des sogenannten TV-Duells vor einigen Wochen, in dem Trump keifte und Biden viel den Kopf schüttelte.

Und was sind schon normale Umstände in diesen Zeiten? In diesem Jahr scheint es sie in den USA nicht mehr zu geben. Nicht in der Pandemie, nicht in einer historischen Wirtschaftskrise, nicht in einem tief gespaltenen Land 19 Tage vor einer Wahl, die im Chaos enden könnte.

Nachdem Trump Anfang Oktober positiv auf das Coronavirus getestet und im Krankenhaus behandelt wurde, sollte die zweite TV-Debatte virtuell stattfinden. Das lehnte der US-Präsident ab. Biden bekam ersatzweise das Angebot, in einem Townhall-Format im Sender ABC teilzunehmen, Trump wurde vom Sender NBC eine Parallelveranstaltung in Aussicht gestellt. Und so kam es, dass sich beide Kandidaten dann doch irgendwie duellierten, 600 Kilometer voneinander entfernt.

Emotionen gegen Sachpolitik

Geboten wurde ein Querschnitt durch viele Themen wie die Coronakrise, Steuern, überfüllte Gefängnisse, Einwanderer, Polizeigewalt, der Supreme Court. Der informative Mehrwert lag eher in den Nuancen, und in dem, was nicht gesagt wurde. So legte sich Trump erstmals fest, dass er eine „friedliche Machtübergabe“ im Fall einer Niederlage gewähren könne. „Aber am liebsten will ich gar keinen Transfer, denn ich möchte gewinnen“, schob er hinterher.

Beinahe distanzierte er sich von Neonazis, doch einen Halbsatz später verurteilte er den „linken Mob, der unsere Städte niederbrennt“. Für den Präsidenten war es damit zum wiederholten Male unmöglich, das eine vom anderen zu trennen.

Auch wurde Trump von Moderatorin Savannah Guthrie darauf festgenagelt, warum er praktisch nie Maske trage, obwohl er „ein Beispiel für eine ganze Nation sein könnte“. Immer und immer wieder hakte Guthrie nach, wodurch sie für einen exzellenten Fernsehmoment und einen der entlarvendsten Dialoge der vergangenen Wochen sorgte. Denn Trump hatte keine plausible Antwort parat, stattdessen lenkte er die Aufmerksamkeit auf steigende Fälle in Europa und eine Corona-Infektion in der Kampagne von Bidens Stellvertreterin Kamala Harris.

Stärker konnte der Kontrast zu Biden nicht sein, der sich auf Sachpolitik konzentrierte und in Ruhe seine Vier-, Fünf- und Zehnpunktepläne ins Studio raunte. Bidens Vorsprung in den Umfragen hatte sich zuletzt ausgeweitet, nicht nur im bundesweiten Schnitt, sondern auch in umkämpften Bundesstaaten, die die Wahl entscheiden könnten.

Doch auch er wäre als Präsident mit einer Pandemie konfrontiert, die in den USA völlig außer Kontrolle geraten ist. Noch an diesem Freitag werden die USA die Marke von acht Millionen Infizierten überschreiten. Der Demokrat wich der Frage aus, ob er einen US-weiten Lockdown unterstützt, um die Kurze abzuflachen. Auch eine bundesweite Maskenpflicht, räumte Biden ein, wäre schwierig umzusetzen. „Aber ich werde zu jedem Gouverneur, jedem Bürgermeister, jedem Lokalpolitiker gehen, damit sie bei sich vor der Tür das Maskentragen verbindlich machen.“

Daneben stellte er das Versprechen, überparteilich arbeiten zu wollen. „Wir sind eine Demokratie“, sagte er, „wir brauchen Konsens.“ Der Kontrast zu Trump konnte an dieser Stelle größer nicht sein.

Das ganze Spektakel war übrigens gar nicht so leicht zu verfolgen. Zum Beispiel wurde es bei Biden gerade spannend, weil er erklären sollte, wie um alles in der Welt der Kongress einer Vermögensteuer zustimmen würde. Ausgerechnet dann ging ABC in die Zahnpasta-Werbung.

Anstrengend waren die unfreiwilligen Themensprünge. Während Trump zu Qanon, der Verschwörungstheorie über pädophile Kannibalen, abgefragt wurde, referierte Biden über Ladestationen. Und wollte man aufstehen und Eiscreme holen, wurde man abrupt daran gehindert, weil eine Bürgerin im Trump-Townhall dem Präsidenten zurief: „Sie haben so ein wunderschönes Lächeln“. Da hatte man erstmal anderes zu verdauen.

Der Gipfel der Polarisierung

Wie viel Sinn ergab es am Ende nun, dass die Kandidaten gleichzeitig auftraten, aber nicht zusammen? Auf den ersten Blick keinen. Die Doppelbeschallung war der Gipfel der Polarisierung, für die es typisch ist, dass beide Seiten nicht miteinander, sondern übereinander reden. Es waren Veranstaltungen für die eigene Filterblase, für die eigenen Fans.

Und glaubt man den Umfragen, ist auch tatsächlich nur noch ein kleiner Teil der wählenden Menschen unentschieden. So klar verlaufen die Fronten, dass viele Leute nicht bis zum 3. November warten: In einer Handvoll Bundesstaaten hat das „Early Voting“ begonnen, bereits 15 Millionen US-Bürger haben ihre Stimme abgegeben. Das entspricht einem Zehntel der Zahl aller Wähler im Jahr 2016, wie die „New York Times“ vorrechnete.

Andererseits waren beide Sendungen nicht schlecht gemacht. Die Mischung aus konfrontativen Interviews und Bürgerfragen war smart, die Moderatoren erstarrten nicht in falscher Ehrfurcht, sondern gingen ran. Zudem passte das Distanz-Duell, bei dem man vom einen zum anderen Sender und zurück zappen konnte, zum Zeitgeist des Häppchen-Konsums. Frei nach dem Prinzip der „Instant Gratification“ konnte man sich der einen Veranstaltung zuwenden, wenn man von der anderen genug hatte.

Stoff für virale Schmunzler gab es auch. Vermutlich wird irgendein Youtube-Genie die beiden Tonspuren künstlerisch übereinander montieren. Beinahe könnte man vergessen, dass es bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen wirklich um etwas geht.

Mehr: Amerika nach vier Jahren Donald Trump: Abstieg einer Supermacht