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TUIfly streicht 750 von 2000 Stellen in Deutschland - so ergeht es den Betroffenen

Joana Lehner
·Lesedauer: 6 Min.

Anja D. (Name geändert), alleinerziehend, hat sich ein Leben in einer Stadt im Norden Deutschlands aufgebaut. Von dort fliegt sie alle ihre Schichten als Flugbegleiterin für die Airline TUIfly, für die sie schon über die Hälfte ihres Lebens gearbeitet hätte, erzählt sie Business Insider. Ihre Kinder gingen in der Stadt zur Schule, die Freunde würden bei der Kinderbetreuung aushelfen, wenn Anja D. am Wochenende oder an Feiertagen arbeiten müsste. Mit ihrem Ex-Mann teile sie sich das gemeinsame Sorgerecht.

Doch nun will TUIfly ausgerechnet in dieser Stadt und in fünf weiteren seine Station am Flughafen schließen - betroffen sind Münster, Berlin, Bremen, Nürnberg, Hamburg und später Köln. Für Anja D. bedeutet das, sie müsste freiwillig mit einer Abfindung gehen oder in eine andere Stadt ziehen – aber in welche, kann sie sich nicht aussuchen. „Das ist eine Vollkatastrophe", sagt sie. Sie müsste ihre Kinder aus ihrem Leben mit Schule und Freunden herausreißen und ihr Ex-Mann würde sie mit dem gemeinsamen Sorgerecht nicht gehen lassen. „In der neuen Stadt würde ich niemanden kennen", sagt sie. Wer solle dort auf ihre Kinder aufpassen?

Die alleinerziehende Mutter nur eine von mehreren Hundert Mitarbeitern von TUIfly in Deutschland, die alle vor der gleichen Frage stehen: Wie wird es bei der Fluglinie für sie weitergehen? Seit der Corona-Pandemie machte der Touristikkonzern TUI monatlich Millionenverluste und hatte im Frühjahr 2020 auch als erster deutscher Großkonzern öffentliche Unterstützung in Anspruch nehmen müssen. Insgesamt erhielt TUI drei Hilfspakete, die mittlerweile 4,8 Milliarden Euro umfassen – zu großem Teil Kredite, die über private Banken oder die staatliche Förderbank KfW fließen.

Um Kosten zu sparen, will die Fluglinie sich nun von 750 unter 2000 Mitarbeitern in Cockpit, Kabine und Bodenpersonal trennen.

TUIfly bietet Mitarbeitern bis zu 20.000 Euro brutto Umzugshilfe an

In den einzelnen Bereichen ergibt sich dabei ein ganz unterschiedliches Bild: Alleine im Cockpit sollen laut Vereinigung Cockpit etwa 200 Piloten und Pilotinnen betroffen sein, erste Kündigungen wurden hier bereits ausgesprochen. Bei den Flugbegleitern und - begleiterinnen hingegen sind die Zahlen noch unklar, denn einige haben freiwillig am Abfindungsprogramm teilgenommen, andere warten noch darauf, in welche Stadt sie sich versetzen lassen müssten.

Für Flugbegleiterin Anja D. sei klar, dass sie nur in die nächstgelegene Stadt pendeln könnte, sagt sie. Die Mutter, die in Teilzeit arbeitet, kann ihre Schulkinder nicht den ganzen Tag alleine lassen. Hinzukommt: TUIfly bietet Mitarbeitern zwar bis zu 20.000 Euro brutto Umzugshilfe an, aber keinen Zuschuss zu den Kosten, die beim Pendeln anfallen würden. „Wenn von meinem Teilzeitgehalt noch Pendelkosten und das Geld für eine Babysitterin abgeht, bleibt nicht genug zum Leben übrig", sagt sie. Auch Kündigen sei keine Option. Auf dem normalen Jobmarkt finde sie mit Mitte 50 während Pandemiezeiten keine Anstellung mehr in der Flugbranche.

Grundlage für eine Versetzung in die Wunsch-Stadt sind einerseits die Prioritäten, die jede Flugbegleiterin angeben kann, aber auch die Punktezahl im Sozialplan. Sie werden nach vier gesetzlichen Kriterien vergeben: je nach Alter der Mitarbeiter, nach Jahren, die sie schon im Unternehmen beschäftigt sind, je nach Grad einer Schwerbehinderung und jeweils pro Ehepartner, Kind und Elternteil, für die Mitarbeiter zu sorgen haben. Je mehr Punkte, desto größer ist die Chance, von der gewünschten neuen Stadt aus fliegen zu können. Doch Alleinerziehende wie Anja D. finden in diesen vier gesetzlich vorgegebenen Kriterien laut TUIfly keine Berücksichtigung.

„Eine Flugbegleiterin mit Chefarzt-Mann ist beim sozialen Status besser gestellt als Alleinerziehende"

Volker Görzel, Arbeitrechtler und Partner der Kölner Anwaltskanzlei HMS Barthelmeß Görzel, sieht darin eine Ungerechtigkeit, aber geht mit seiner Kritik noch weiter: „Alleinerziehende Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen werden bei der Punktevergabe im Sozialplan benachteiligt", sagt er. Er vertritt inzwischen ein dreistellige Zahl an TUIfly-Mitarbeitern.

Flugbegleiter mit Ehepartnern und Kindern überholten Alleinerziehende bei den Punkten im Sozialplan, weil sie jeweils für den Partner und die Kinder Punkte erhalten würden, sagt er weiter. „Eine Flugbegleiterin mit Chefarzt-Gatten ist demnach beim sozialen Status besser gestellt als Alleinerziehende", so der Anwalt. Im Klartext heißt das: Flugbegleiterinnen mit Kindern und Ehepartner haben eine größere Chance in die Stadt zugeteilt zu werden, die sie unter ihren ersten Prioritäten angegeben haben, als alleinerziehende Kollegen wie Anja D. ohne Ehepartner. Selbst, wenn sie genauso lang im Unternehmen und im ähnlichen Alter sind.

TUIfly weist die Vorwürfe gegenüber Business Insider zurück: Das Punkteschema orientiere sich streng an den Rechtsprechungen des Bundesarbeitsgerichts. Zudem sei der Sozialplan gemeinsam mit der Personalvertretung Kabine verhandelt und abgeschlossen wurden. Doch Marian Drews, Verdi-Gewerkschafssekretär, erklärt im Gespräch mit Business Insider, dass man sich bei den Verhandlungen vor die Wahl gestellt gesehen hätte: ,Entweder macht ihr mit oder wir werden noch viel mehr Leute entlassen'. Bei den Verhandlungen hätte man sich längere Übergangsphasen in den Städten, die ihre TUIfly Stationen schließen, gewünscht. Oder aber die Möglichkeit einer Kostenübernahme für das Pendeln der Mitarbeiter in neue Städte. Beides sei abgelehnt worden.

Zur Wahrheit gehört aber auch: TUI schreibt trotz der Sparmaßnahmen noch hohe Verluste, alleine von Oktober bis Dezember 2020 brach der Umsatz um rund 88 Prozent zum Vorjahreszeitraum auf 468,1 Millionen Euro ein. Zudem hatte TUIfly nach wochenlangen Verhandlungen mit der Gewerkschaft 370 Piloten und 830 Kollegen aus dem Kabinenpersonal einen Arbeitsplatz zugesichert. Damit wurden rund 200 Jobs weniger bei den Piloten und beim Kabinenpersonal gestrichen als zunächst vom Management geplant.

„Die Kredite sind noch nicht abbezahlt und ich bin Hauptverdiener"

Rico M. (Name geändert), Mitte 50, steht trotz einer solchen TUI-Stellengarantie vor einer unsicheren Situation: Der TUIfly-Flugbegleiter arbeitet seit mehr als 20 Jahren für das Unternehmen und hat sich mit seiner Familie extra ein Haus in der Nähe des Flughafens, von dem er fliegt, gebaut. „Die Kredite sind noch nicht abbezahlt und ich bin Hauptverdiener", sagt er Business Insider.

Wie Anja D. will auch Rico M. nicht umziehen und sein Leben in der Heimatstadt aufgeben. Seine Kinder seien noch im Kindergarten- und Schulalter, sagt er. „Ich kann nur in eine Stadt pendeln, die nah an der jetzigen liegt, aber wer weiß, ob ich sie aufgrund der Prioritäten und des Sozialplans bekomme". Bei Bereitschaftsdiensten, bei denen man bei Abruf in 90 Minuten beim Flughafen sein müsste, sei das nicht machbar. Selbst das Hotel müsste er selbst zahlen, wenn der Flug erst nachts ginge, so Rico M. Am Ende bliebe ihm kaum noch etwas von seinem Gehalt. Hinzukommt: „Im Konzern haben sie regelrecht versucht, uns in das Abfindungsprogramm hineinzudrängen", erzählt Rico M. Ständig habe man versucht, ihnen die Vorteile schmackhaft zu machen. Bei einer Kündigung wolle er sich nun rechtlich wehren.

Die Staatshilfen für TUI sind umstritten

Arbeitsrechtler Görzel bewertet das Vorgehen bei TUIfly dabei noch aus einem ganz anderen Grund als kritisch: „Die Kapitalbeteiligung des Staates hätte man politisch daran knüpfen müssen, dass kein Personal abgebaut wird", sagt er. Das sei in Berlin wohl verschlafen worden.

TUI erklärt dazu jedoch: Der Konzern habe zwar Staatskredite erhalten, müsse diese aber vollumfänglich und mit hohen Zinsen zurückzahlen. TUI-Betriebsratschef Frank Jakobi hatte zudem schon im Januar geäußert, dass er die umstrittenen Staatshilfen für den größten Reiseanbieter berechtigt halte: „Am Ende wird der deutsche Steuerzahler an TUI viel Geld verdienen", sagte er. Zudem zahlten die Beschäftigten mit erhaltenen Jobs ja weiter ein. „Die Alternative wäre gewesen: Zehntausende Kolleginnen und Kollegen werden arbeitslos, zahlen keine Steuern mehr und erhalten staatliche Unterstützung wie Arbeitslosengeld", sagte der Betriebsratschef.