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Tui streicht in der Coronakrise 8000 Stellen

Trotz eines milliardenschweren Notkredits der KfW droht dem Urlaubsveranstalter ein weiterer Engpass. Nun soll mehr als jeder zehnte Arbeitsplatz wegfallen.

Der Konzern hat wegen der Krise seit Mitte März sein Reiseprogramm ausgesetzt. Foto: dpa

Der Strohhalm, an den sich Tui-Chef Fritz Joussen in diesen Tagen klammert, ist denkbar dünn. „Ich glaube, dass Reiseziele wie die Balearen, Bulgarien, Griechenland oder Zypern bereit für den Start der Urlaubssaison sind“, erklärte er am Mittwoch bei der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen. Die örtlichen Behörden, die ihre Hotels und Strände wegen der Corona-Pandemie fast überall bis mindestens Mitte Juni gesperrt haben, müssten jetzt nur noch den Betrieb genehmigen.

„Wenn wir nicht unmittelbar wieder starten“, warnte er, „wird es ein Problem geben.“ Der Umsatz liege aktuell „fast bei null“. Dass der konzerneigene Kreuzfahrtdampfer „Mein Schiff 3“ aktuell in Cuxhaven unter Quarantäne steht, weil sich neun Besatzungsmitglieder infizierten, verschwieg Joussen dabei lieber.

Was sich hinter dem Wort „Problem“ verbirgt, beleuchten die präsentierten Konzernzahlen – insbesondere die über den Kontostand: Für das Datum 27. März wies Tui pro forma eine Liquidität von 3,1 Milliarden Euro aus, nachdem die staatseigene Förderbank KfW einen Rettungskredit über 1,8 Milliarden Euro zugesagt hatte.

Zwei Wochen später, am 10. April, waren davon gerade noch 2,1 Milliarden Euro übrig. Rechnet man eine kürzlich fällige Kreditrückzahlung über 300 Millionen Euro heraus, verbrannte Tui binnen 14 Tagen damit 700 Millionen Euro.

Weiterer Kreditbedarf

Die verbliebene Liquidität von 2,1 Milliarden Euro sei nicht genug, kündigt Joussen vorsichtshalber schon einmal an. „Wir schauen nach zusätzlichen Möglichkeiten“, sagte er, „zudem prüfen wir weitere Optionen.“

Die wohl gravierendste ist ein geplanter Jobabbau. 8000 Stellen sollen weltweit gestrichen werden – von insgesamt 71 470. Allein die Overhead-Kosten sollen sich damit um 30 Prozent verringern. In der Hannoveraner Konzernzentrale und im deutschen Reisevertrieb sind 11.500 Mitarbeiter beschäftigt.

Hinzu kommt ein komplettes Umbauprogramm. Besitzt Tui aktuell 411 eigene Hotels, von denen 354 derzeit geschlossen sind, sollen nun viele von ihnen verkauft und zurückgemietet werden. Auch die 150 Flugzeuge von Tuifly und zwei weiteren Schwester-Airlines erwartet voraussichtlich ein solches Sales-and-Lease-back-Programm, ebenso einen Teil der Kreuzfahrtflotte, die aus 18 Schiffen besteht.

„Wir müssen nicht alle Hotels und Schiffe in der eigenen Bilanz haben“, sagte Joussen. Statt des kapitalintensiven Betriebs, den er Tui nach seinem Amtsantritt 2013 verordnete, will der Vorstandsvorsitzende nun ersatzweise auf die Digitalisierung setzen.

In den vergangenen Wochen jedoch eckte der Pauschalreiseveranstalter mit seinen Sparbemühungen bei vielen Geschäftspartnern an. Von Reisebüros buchte er sich Provisionen für Reisen zurück, die nicht angetreten wurden – und brachte damit die Agenturen gegen sich auf. In Thailand beschwerten sich Hotelverbände darüber, dass Tui vereinbarte Gelder nicht zahlte. Viele Unterkünfte im Feriengebiet fürchten nun um ihre Existenz.

Joussens Ziel ist es, die Fixkosten für den Geschäftsbetrieb drastisch zu senken – zumal er die hohen Kredite der KfW und seines Bankenkonsortiums verzinsen und bis Juli 2022 zurückzahlen muss. Derzeit lägen die monatlichen Fixkosten zwischen 0,7 und 1,4 Milliarden Euro, gab Tui in einer Präsentation bekannt. In der Nach-Corona-Zeit sollen sie den Wert von 0,3 Milliarden Euro nicht mehr übersteigen.

Bis dahin jedoch muss Europas größter Reiseveranstalter um seine Zukunft kämpfen. Allein im März sei dem Konzern im Wesentlichen durch die Coronakrise ein Verlust von 470 Millionen Euro entstanden. Den Betriebsgewinn (Ebit) für das am 31. März beendete Geschäftshalbjahr drückte dies auf minus 829 Millionen Euro – nach minus 302 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der auf die Tui-Aktionäre entfallende Verlust stieg von 343 auf 848 Millionen Euro. Traditionell macht Tui seine Gewinne in den Sommermonaten.

Obwohl sich die Investitionen mehr als halbierten, blieb am Ende des ersten Geschäftshalbjahrs ein negativer Free Cashflow von 1,7 Milliarden Euro – auch weil Tui noch Mitte Februar 318 Millionen Euro Dividende ausschüttete. Nur 35 Prozent des Sommer-Urlaubsprogramms wurden verkauft, während zu diesem Zeitpunkt üblicherweise 59 Prozent des Angebots ausgebucht ist.

Katalog an Hoffnungen

Doch noch verweist Joussen auf einen ganzen Katalog an Hoffnungen. Die Verhandlungen mit dem Flugzeuglieferanten Boeing verliefen positiv, erklärte er. Wie viel man als Schadensersatz für den Ausfall der 737-Max-Maschinen erwarte, wollte er allerdings nicht beziffern. Tuifly hatte Jets dieses Typs am Boden halten müssen, weil ihnen die Behörden nach zwei verheerenden Abstürzen dieses Modells die Starterlaubnis entzogen.

Auch der Verkauf der konzerneigenen Luxus-Kreuzfahrtlinie Hapag-Lloyd Cruises sei wegen der Coronakrise keinesfalls abgesagt, erklärte Joussen. Die Hamburger Reederei soll an ein 50:50-Joint-Venture mit der US-Reederei Royal Caribbean Cruises gehen, das bereits die „Mein Schiff“-Flotte betreibt. Aus dem Deal sollen Tui 650 Millionen Euro zufließen.

Zudem setzt der Tui-Chef darauf, dass sich viele Urlaubskunden bei stornierten Reisen mit Gutscheinen begnügen, statt ihre Anzahlungen zurückzufordern. In Deutschland verspricht Tui solchen Buchungskunden als Beigabe einen Bonus von 100 Euro. „Bislang akzeptiert etwa die Hälfte solche Gutscheine“, sagte Joussen.

Für die Kunden sind solche Deals freilich riskant. Reiserechtsexperten wie der Hannoveraner Anwalt Paul Degott weisen darauf hin, dass Gutscheine – anders als Pauschalreisen – nicht gegen die Folgen einer Insolvenz versichert sind. Bedenklich außerdem:

Zwar weist der Tui-Konzern aktuell eine Liquidität von 2,1 Milliarden Euro aus. Das aber sind 0,1 Milliarden weniger, als der Konzern zum 31. März an Kundengeld-Anzahlungen besaß. Laut Zwischenbilanz summierten sich die „erhaltenen touristischen Anzahlungen“, also die von Kunden bereitgestellten Liquiditätsreserven, auf 2,2 Milliarden Euro.

Damit gehört der Konzern theoretisch seinen Kunden. Nach einem weiteren Kursverlust von mehr als zwei Prozent nach Bekanntgabe der Zahlen ist Tui an der Börse gerade noch 1,79 Milliarden Euro wert.