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Trotz Wirecard-Debakel: Weniger Stress und mehr Substanz im Dax

Im Dax stabilisieren sich abgestürzte Aktien wie die Deutsche Bank und Bayer. Und der Neuling Deutsche Wohnen tut dem Index besser als die Lufthansa. Das Ziel 13.000 Punkte bleibt in Reichweite.

Zuerst schafften im Dax die Technologieaktien SAP und Infineon die Wende. Dann startete die für den Index wichtige Gruppe der Autowerte ihr Comeback. Nun zeigen immer mehr einstige Absturzaktien Muskeln. Das gilt vor allem für die Deutsche Bank, die gerade den Stresstest der amerikanischen Notenbank bestanden hat. Hierbei wird getestet, wie gut sich Banken in verschiedenen konjunkturellen Krisenszenarien behaupten. Das positive Urteil aus Amerika ist für die Deutsche Bank umso bemerkenswerter, da es hier in der Vergangenheit lange Zeit immer wieder zu negativen Einschätzungen gekommen war.

Aufhojagd bei Deutsche Bank und Bayer

In ihrem Zahlenwerk hat sich die Deutsche Bank zuletzt spürbar verbessert. Die Risiken wurden abgebaut, die Kosten gesenkt, mit Rückstellungen ein Polster gegen mögliche Folgen von Corona aufgebaut. Dass der Börsenwert der Deutschen Bank mit derzeit 17 Milliarden Euro noch nicht einmal bei der Hälfte des harten Kernkapitals liegt, ist eine gigantische Misstrauenskundgebung des Marktes.

Mit anderen Worten: Nach den zahlreichen Enttäuschungen der vergangenen Jahren befürchten viele Anleger und Investoren bei der Deutschen Bank immer noch erhebliche Bewertungs- und Abwärtsrisiken. Dass der Kurs trotz dieses Pessimismus mittlerweile die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Börsentage nach oben überschritten hat und sich auch in der jüngsten Marktkorrektur gut hält, ist das typische Bild eines unterschätzten Comebacks.

Auch bei Bayer läuft die Aufholjagd, auch hier haben die Kurse den Coronacrash erstaunlich schnell ausgeglichen. Ein Meilenstein ist die jüngste Einigung mit einem Großteil der Glyphosat-Kläger in den USA. Mit knapp elf Milliarden Dollar ist der Aufwand dafür zwar hoch, aber nicht utopisch. Für die Börse ist entscheidend, dass Bayer nun wieder schrittweise nach seiner operativen und geschäftlichen Leistung bewertet wird und nicht aus Angst vor Rechtsrisiken.

Rund 66 Milliarden Börsenwert für wahrscheinlich in diesem Jahr deutlich mehr als 40 Milliarden Euro Umsatz sind zwar für ein Industrieunternehmen kein Dumpingpreis. Doch je mehr Bayer mit seinem Pharmageschäft vorankommt, desto deutlicher wird sich die Bewertung erhöhen. Führende Pharmaunternehmen erreichen an der Börse das Vier- bis Fünffache des Geschäftsjahresumsatzes. Bei Bayer-Aktien spielt sich im weiten Bereich zwischen 50 und 80 Euro eine große Bodenbildung ab, die den Kurs langfristig wieder in deutlich dreistellige Bereiche hieven kann.

Deutsche Wohnen gut für die Stabilität

Neu im Dax ist, als Ersatz für die Deutsche Lufthansa, die Deutsche Wohnen. Für die Stabilität des Index ist das ein Vorteil. Ein Kennzeichen der Lufthansa-Aktie waren in der Vergangenheit ihre erheblichen, mittelfristigen Turbulenzen. Die Aktie der Deutsche Wohnen dagegen hat einen anderen Charakter, sie hat sich seit der Finanzkrise kontinuierlich nach oben entwickelt. Einen herben Rückschlag musste sie allerdings 2019 hinnehmen, als in Berlin ein Mietendeckel beschlossen wurde. Die Deutsche Wohnen hat fast drei Viertel ihrer insgesamt 161.000 Wohneinheiten im Berliner Raum, ist also von der politischen Diskussion auf dem Mietmarkt in der Hauptstadt merklich betroffen. In diesem Jahr dürften die entsprechenden Mietausfälle etwa neun Millionen Euro erreichen; für 2021 wird sogar mit deutlich höheren Ausfällen gerechnet.

Mittlerweile dürfte allerdings dieser Nachteil eingepreist sein. Während Dax-Konkurrent Vonovia an der Börse auf oder leicht über dem Niveau seines Nettoinventarwerts (Verkehrswert der Immobilien minus Schulden) gehandelt wird, stuft die Börse die Deutsche Wohnen ein Fünftel unterhalb dieses Substanzwerts ein. Dabei hat die Deutsche Wohnen eine stabile Entwicklung im operativen Geschäft, eine niedrige Leerstandsquote von weniger als zwei Prozent und dazu ein günstige Verschuldungsquote (Loan to Value) von 36 Prozent. Die durchschnittlich erzielte Quadratmetermiete liegt, ähnlich wie bei Vonovia, bei knapp unter sieben Euro. Zudem besteht die Möglichkeit, dass sich der Mietendeckel als verfassungswidrig herausstellen könnte. Sollte es in Karlsruhe zu einer entsprechenden Entscheidung kommen, könnte die Deutsche Wohnen ihren Rückstand schnell aufholen.

Impulse von Tech-Aktien, Volatilität auf dem Rückzug

Wichtige Impulse kommen vor allem von den Technologiemärkten. Während der TecDax hierzulande vom Wirecard-Debakel nach unten gezogen wird und zuletzt genau bis auf die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Tage zurückfiel, vollziehen amerikanische Technologieaktien eine stabile Aufwärtsbewegung. Der Nasdaq 100, in dem die 100 wichtigsten High-Tech-Werte der US-Börse versammelt sind, hat sein Hoch vom Februar bei 9700 Punkten hinter sich gelassen und mittlerweile die plakative Marke von 10.000 Punkten überschritten. Dass alle führenden Einzelwerte (Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet) in einer stabilen Verfassung sind, gibt dem Aufwärtstrend an der Nasdaq eine enorme innere Stärke. Diese starke Marktverfassung war letztlich der Grund, warum die meisten Tech-Aktien den Einschnitt des Coronacrash überraschend problemlos ausbügelten.

Eine interessante Konstellation in den Volatilitätsbarometern V-Dax und V-Stoxx könnte nun dazukommen, die ebenfalls für ein positives Aktienmarktszenario spricht. In der akuten Phase des Coronacrashs haben die V-Kurven einen Rekordstand von mehr als 80 Prozent erreicht. Die Volatilität, kurz Vola genannt, ist die von professionellen Anlegern erwartete Kursschwankung für die nächsten Wochen. Je höher die Vola, desto mehr Angst ist im Markt.

In der Erholungsphase von März bis Mai ging die Vola in den Bereich um 30 Prozent zurück. Das war nur eine Teilberuhigung, denn in Normalzeiten pendelt sie zwischen 15 und 25 Prozent Prozent. Als es dann am 11. Juni abermals zu einem Rückschlag im Dax von mehreren hundert Punkten kam, schnellte der V-Dax wieder auf über 40. Zahlreiche Analysten und Marktbeobachter rechneten in der Folge dann mit einem zweiten, massiven Anstieg der Volatilität und einer zweiten abermaligen Crash-Phase im Dax.

Doch die Volatilität ist seitdem eben nicht mehr weiter gestiegen, sondern hat sich entgegen den Erwartungen unter 40 abgebaut. Das heißt: Sollte sich der Rückgang der V-Indizes in den nächsten Tagen fortsetzen und die Kurven unter die Marke von 30 Prozent abdriften, wäre das ein Zeichen für eine echte Marktberuhigung. Ein solcher Markt wäre nicht nur weniger anfällig für neue Rückschläge, sondern könnte bald die Aufwärtstendenz in Richtung 13.000 Punkte fortsetzen.

Fazit für den Dax: Nachdem der Index in der abgelaufenen Woche am Dienstag (23. Juni) bis 12.600 Punkte vorgedrungen ist, folgte wegen neuer Coronaängste ein Absacker bis unter 12.000 Zähler. Diese Nervosität deutet darauf hin, dass die seit 10. Juni laufende Korrektur immer noch anhält. Dennoch, die Chancen, dass der Dax früher oder später seine Aufwärtstendenz fortsetzt, stehen gut.

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