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Beim Wechsel aufs Rad begann das Unheil

Beim Wechsel aufs Rad begann das Unheil
Beim Wechsel aufs Rad begann das Unheil

„Der Platz wird in Erinnerung bleiben. Fast schon mehr als meine Hawaii-Teilnahme im letzten Jahr.“ Mit diesen Worten beschrieb Dirk Janz im Gespräch mit SPORT1 seine Teilnahme an der Triathlon-WM 2023, die ausnahmeweise in Nizza und nicht im Mekka der Triathleten, auf Hawaii, stattfand.

Das Besondere daran: Im Gegensatz zu Patrick Lange, der mit Silber seine insgesamt seine vierte WM-Medaille feiern konnte, oder Jan Frodeno, der seine Karriere beim Saison-Höhepunkt beendete, lief Janz in seiner Altersklasse M50 - 54 auf Rang 225 über die Ziellinie.

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In seinem elften Triathlon stand am Ende der schlechteste Platz und die schlechteste Zeit zu Buche - „aber der größte Stolz“, wie er betonte. Und diesen Stolz hat er sich verdient. Trotz aller Hindernisse, die ihm das Schicksal in den Weg gelegt hatte, kam er ins Ziel - dank seines Durchhaltewillens, zahlreicher helfender Hände, dem Einsatz einer Flex und einem Dixie-Klo, das zur rechten Zeit zur Stelle war.

Beim Wechsel aufs Rad beginnt das Unheil

Das Unglück nahm in der ersten Wechselzone seinen Anfang. Als Janz aus dem Wasser stieg und zu seinem Rennrad eilte, merkte er direkt, dass etwas nicht passte. „Beim Schieben aus der Wechselzone fühlte es sich ungewöhnlich schwer an. Ich habe nachgeschaut, konnte aber nichts feststellen, habe das Rad auch nochmal raus und wieder reingemacht“, beschrieb er die Situation. Schlussendlich konnte er das Rad so justieren, dass er doch noch losfahren konnte. „Es schliff etwas, aber ich dachte: So komme ich die Berge hoch.“

Doch bereits nach 20 Kilometern zeigte sich: Das wird nicht so einfach. Auf dem Rad fühlte es sich an, „als hätte mich beim Treten immer jemand zurückgezogen“. Also absteigen, Rad wieder ein- und ausbauen und tatsächlich: Das Schleifen war zwar nicht komplett weg, aber es konnte weitergehen. Also wieder rauf aufs Rad und weiter ging die Zeitenjagd - bis zum langen Anstieg bei Kilometer 40.

Rund 1000 Höhenmeter waren zu bewältigen und der Kampf begann aufs Neue. Gleich dreimal musste Janz anhalten, weil das Schleifen wieder stärker wurde. „Selbst bei fünf Prozent Steigung kam ich ohne 400 Watt gar nicht mehr den Berg hoch.“ Dabei hatte er von seinem Trainer die Vorgabe mitbekommen, auf keinen Fall mehr als 300 Watt zu treten - und wenn, dann nur kurzfristig. So kämpfte er sich jedoch mit einem enormen Mehraufwand den Berg hinauf.

Mit dem Rad auf den Rücken zum nächsten Ort

Zumindest hatte er mittlerweile das Problem entdeckt. Der Mantel hatte sich aus dem Felgenbett herausgedrückt und die Felge selbst ging an einer Stelle auseinander. Eine Lösung wurde gesucht und gefunden: Janz verminderte den Reifendruck auf drei Bar und konnte so die Fahrt fortsetzen.

Aber „das war Segen und Fluch zugleich. Ich konnte damit einigermaßen weiterfahren, doch bei rund 116 Kilometern bin ich in ein Schlagloch gefahren und das muss genau an der Stelle der Felge gewesen sein. Durch den fehlenden Druck ist der Schlag voll durchgekommen und das Rad blockierte. Das ließ sich nicht mehr bewegen.“ Zumindest konnte er „mit mehr Glück als Verstand“, noch einen Sturz verhindern.

In der Hoffnung, dass bald ein Technik-Motorrad zur Hilfe eilen würde, setzte sich Janz an den Straßenrand und sah seinen Konkurrenten zu, wie einer nach dem anderen an ihm vorbeizog. Nach rund einer Viertelstunde wurde es ihm dann zu bunt. Da er in der Ferne einen Ort sehen konnte, packte er das Rad auf den Rücken und weiter ging es auf Schusters Rappen - die allerdings nicht aus geschmeidigen Lauf-, sondern Radschuhen bestanden. „Es gibt Bequemeres, als bei 28 Grad ohne Schatten den Berg runterzulaufen. Aber es blieb mir ja nichts anderes übrig“, weigerte sich Janz weiter hartnäckig, die Aufgabe zu akzeptieren.

Auf dem Weg zum Dorf schien dann Rettung in Form eines Medical-Motorrads zu nahen. Aber hier lauerte bereits der nächste Rückschlag. „Wenn mit dir was wäre, könnte ich dir helfen. Aber für dein Fahrrad kann ich nichts tun“, erstickte das Motorrad-Team die aufkeimende Hoffnung. Zu allem Unglück hatten sie auch keinen Funkkontakt zur Wettkampfleitung. Also weiter mit dem Rad auf dem Rücken.

Grenolières - das Dorf der Superhelden

Mittlerweile waren rund eineinhalb Stunden seit der Panne vergangen, als Janz in dem kleinen 600-Seelen-Dorf Grenolières eintraf. Dort kamen ihm bereits die Bewohner entgegen, da sie ihn schon einige Zeit lang auf den Serpentinen beobachten konnten. „Als Erstes brauchte ich ein Handy, um meine Familie anzurufen. Ich musste ihnen ja mitteilen, dass es mir gut geht, nur nicht meinem Fahrrad“, erklärte Janz, dem sofort vier Mobiltelefone entgegengestreckt wurden.

Währenddessen wurde er „rührend versorgt und verpflegt“. Doch das eigentliche Problem war immer noch das Rad. Dem nahmen sich nun zwei ältere Männer an, die schlussendlich auch zu den Helden des Tages werden sollten. „Die hatten einen unbeschreiblichen Ehrgeiz entwickelt.“ Der inzwischen ebenfalls eingetroffene Ironman-Techniker hatte die Felge bereits abgeschrieben.

Plötzlich kam einer der Männer mit einem Winkelschleifer um die Ecke. Janz war zu diesem Zeitpunkt zu allem bereit. „Sie können alles tun, die Felge ist eh dahin“, gab er dem Mann grünes Licht, der umgehend begann, die Felge abzuschleifen. Nach zahlreichen Versuchen hatte es tatsächlich funktioniert, nur die Hinterradbremse funktionierte nun nicht mehr. Bei 1.200 Höhenmeter Abfahrt, die noch bevorstanden, keine Kleinigkeit. Der Ironman-Verantwortliche ließ ihn so auch nicht auf die Strecke.

Also weiter mit den Reparaturarbeiten. „Versucht einfach alles. Egal wie, ihr seid heute eh meine Helden. Wenn ihr es zum Laufen bringt, seid ihr meine Superhelden.“ Zu der Gruppe im Dorf hat sich zwischenzeitlich auch ein Streckenverantwortlicher gesellt. Plötzlich war fraglich, ob Janz überhaupt nochmal weiterfahren dürfe oder ob der Cut Off (Karenzzeit, Anm. d. Red.) nicht einen Strich durch die Rechnung machen würde. Nach einigem Hin und Her war klar: Er durfte weiterfahren. Insgesamt zehn wildfremde Menschen hatten sich in wechselnden Konstellationen um ihn und sein Rad gekümmert.

Ein Dixi-Klo wird zum letzten Rettungsanker

Und die ganze Mühe schien sich gelohnt zu haben. Der Unglücksrabe musste auf dem Weg zum Wechselpunkt zwei, wo es auf die Laufstrecke ging, nur noch ein weiteres Mal anhalten. Dort hatte er auch Zeit, kurz mit seiner Frau zu sprechen. Insgesamt war er rund acht Stunden und 25 Minuten auf der Radstrecke unterwegs.

Aber natürlich war der Tag so noch nicht beendet. Zwar klappte das Laufen trotz der Mehranstrengung auf dem Rad ganz gut, aber nach 36 Kilometern bekam Janz plötzlich Magenkrämpfe. Ein Problem, das er noch nie hatte. „Aber ich konnte deswegen jetzt nicht das Rennen abbrechen. Da setzten sich so viele Leute für mich ein, das kann ich denen nicht antun.“

Am Ende wurde ein Dixi-Klo zur Rettung. Nach einem längeren Stopp ging es weiter und Janz erreichte allen Widrigkeiten zum Trotz das Ziel. Nicht mit dem Top20-Ergebnis, das er eigentlich angepeilt hatte, sondern mit einem Abenteuer, das so wohl kein anderer Triathlet aufzuweisen hat.

Seinen Helfer will er zum Dank eine Kiste Wein zukommen lassen. „Eineinhalb Stunden mit fremden Menschen ein Fahrrad, das eigentlich komplett kaputt war, wieder zu reparieren, war einfach unglaublich.“ Und diese Erfahrung zählt nach diesem Tag mehr als die reine Platzierung bei dieser Weltmeisterschaft.