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Der Traum vom klimaneutralen Fliegen: Mit neuen Kraftstoffen gegen die Flugscham – doch der Weg ist noch weit

Der Weg zum klimaneutralen Fliegen ist noch weit.  - Copyright: Getty Images
Der Weg zum klimaneutralen Fliegen ist noch weit. - Copyright: Getty Images

Sommerzeit ist Reisezeit: Viele lockt, wenn es finanziell geht, ein Urlaub an fernen Stränden oder ein Städtetrip. Immer öfter plagt Reisende aber eine „Flugscham“ – das schlechte Gewissen, mit Flugreisen klimaschädliche Treibhausgase zu verursachen. Die Hitzerekorde rund um das Mittelmeer sowie die jüngsten Unwetter-Katastrophen führen allen die katastrophalen Folgen des Klimawandels vor Augen.

„Flugscham" müsse nicht sein, entgegnet der Verband der Fluggesellschaften (Iata). Es sei bald möglich, klimaneutral zu fliegen. In jedem Jahr etwa mehr, und spätestens 2050 ganz und gar. Aber ist das realistisch? Experten sind skeptisch. Über den nachhaltigen Flugkraftstoff SAF etwa, den die Iata als Kernelement ihres Plans für Klimaneutralität preist, sagt die Strategiedirektorin des britischen Luftfahrt-Umweltverbandes AEF, Cait Hewitt: „Beim Verbrennen von SAF entsteht genauso viel CO₂ wie beim Verbrennen von Kerosin.“

Flugverkehr verursacht soviel CO₂ wie Deutschland

Die Branche steht unter Druck. Die Luftfahrt macht nach Schätzungen im Jahr rund 2,5 Prozent der globalen CO₂-Emissionen aus, mehr als Deutschland, das unter den zehn größten CO₂-Verursachern der Welt ist. Neben effizienteren Triebwerken und Ausgleichsmaßnahmen setzt die Iata deshalb auf SAF (Sustainable Aviation Fuel). Gemeint ist damit alles, was nicht aus fossilen Ausgangsstoffen produziert ist. E-Fuels, also komplett synthetisches Kerosin mit Wind- oder Sonnenkraft als Ausgangsenergie, werden bislang aber nur im Labormaßstab gewonnen.

Frittierfett, Schlacht- und Fischabfälle, Pflanzenöle und ihre Reststoffe: Daraus stellt das finnische Unternehmen Neste SAF her. Es sieht sich als Marktführer und baut die Produktionskapazität von rund einer Million Tonnen SAF im Jahr aus. Perspektivisch kommen für SAF auch Zellstoffe und Haushaltsmüll als Quelle infrage. Neste zufolge könnten mit seinem SAF im Vergleich zu Kerosin bis zu 80 Prozent Emissionen eingespart werden, wenn mit 100 Prozent SAF geflogen würde. Das ist aber bis heute noch gar nicht möglich.

Die Iata macht geltend, dass zum Beispiel Pflanzen als Ausgangsmaterial beim Wachsen CO₂ aus der Atmosphäre aufgenommen haben. Nur das werde beim Verbrennen im Flugzeug wieder in die Atmosphäre abgegeben. So gesehen sei SAF über seinen gesamten Lebenszyklus klimaneutral.

Der lange Weg zum klimaneutralen Fliegen

Wenn SAF aus Abfällen statt Pflanzen gewonnen werde, sei die Rechnung aber komplizierter, weil viel klimaschädliches Material wie Plastik enthalten sei, sagt Hewitt. „Wenn man das Material in Müllhalden liegenlassen würde, gäbe es weniger Emissionen.“ Natürlich sei die Verwertung von Abfällen sinnvoll und nötig. Aber die Branche müsse viel mehr tun. Das Beste wäre synthetisches Kerosin, gewonnen aus CO₂ aus der Atmosphäre und grünem Wasserstoff, sagt Hewitt. Ob dafür aber genügend erneuerbare Energien zur Verfügung stünden und dies zu einem tragbaren Preis produziert werden kann, sei offen. „Wir brauchen mehr Ehrlichkeit und den Willen der Industrie zu akzeptieren, dass man neben technischen Innovationen auch die Nachfrage im Luftverkehr senken muss“, sagt Hewitt.

Im Iata-Plan zur Klimaneutralität wären bis 2030 rund 24 Millionen Tonnen SAF nötig und bis 2050 dann mehr als 400 Millionen Tonnen. Im vergangenen Jahr wurde erst ein Hundertstel der bis 2030 nötigen Menge produziert: 240 000 Tonnen. Gemessen am gesamten Flugkraftstoff waren das 0,1 Prozent.

EU setzt auf Quote für klimaschonenden Kraftstoff

Regierungen müssten mit Produktionsanreizen dafür sorgen, dass mehr produziert werde, sagt Iata-Chef Willie Walsh. Die EU setzt auf eine Quote: Ab 2025 müssen Kerosinanbieter nachhaltigen Flugkraftstoff beimischen. Der Anteil soll bis 2050 von 2 auf 70 Prozent steigen.

Die deutsche Lufthansa sieht sich als SAF-Pionier seit 2011. Die Fluggesellschaft verflog nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr rund 13 000 Tonnen beigemischtes SAF. Das waren 0,2 Prozent ihres Bedarfs. Das Unternehmen warnt, dass alternative Kraftstoffe aus Biomasse oder Strom knapp und zurzeit fünf- bis zehnmal so teuer wie fossiles Kerosin seien. Lufthansa bezweifelt, dass 2025 zum EU-Beimischungsstart ausreichend biogenes SAF zur Verfügung steht. Lufthansa glaubt auch nicht an ausreichend synthetisches Kerosin, das ab 2030 zugetankt werden soll. Die EU solle Anreize zum Aufbau der entsprechenden Anlagen setzen, pflichten die Branchenverbände BDL und A4E bei.

Das Beratungsunternehmen Bain bezweifelt stark, dass Klimaneutralität des globalen Luftverkehrs bis 2050 erreicht werden kann, insbesondere bei einer jährlichen Steigerung des Verkehrs um drei Prozent. Es erwartet bis 2050 eine Produktion von lediglich 135 Millionen Tonnen SAF – und das nur, wenn dem Luftverkehr Vorrang bei Rohstoffen und grünem Wasserstoff eingeräumt wird. Die Fluggesellschaften könnten bis 2050 bestenfalls 70 Prozent ihrer Emissionen vermeiden, schrieben die Experten in einer Studie. Und der Effekt durch effizientere Triebwerke wäre dabei größer als der durch nachhaltige Kraftstoffe.

Dass Fliegen mit mehr Nachhaltigkeit teurer wird, ist sicher. Laut einer Studie der Unternehmensberatung PwC würden die Kosten bei einer Beimischung von 16 Prozent SAF auf einem Langstreckenflug von Frankfurt nach Singapur oder München nach New York mit rund 36 Euro pro Passagier zu Buche schlagen. „Weniger weit und weniger oft zu fliegen, sind wirksame Maßnahmen, die jeder ergreifen kann, um die Ansammlung von CO₂ in der Atmosphäre zu verlangsamen“, sagt Hewitt.

Martin Herrmann, der Vorsitzende der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit, sieht Deutschland schlecht auf Hitzewellen vorbereitet. Er warnt vor Hitzewellen mit mehr als 20.000 Toten.
Martin Herrmann, der Vorsitzende der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit, sieht Deutschland schlecht auf Hitzewellen vorbereitet. Er warnt vor Hitzewellen mit mehr als 20.000 Toten.