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Der Traum von der Erholung droht zu platzen

Kiani-Kreß, Rüdiger
·Lesedauer: 5 Min.

Die Reisebranche hofft auf einen Aufschwung des Urlaubsgeschäfts ab Ostern. Doch aktuelle Zahlen zeigen: Es gibt auf mehr Flugstrecken denn je Reisebeschränkungen. Und die Aussicht auf eine Lockerung bleibt weiter vage.

Endlich wieder an den Strand! Der Tui-Chef hat Hoffnungen, dass viele Deutsche diese Reise bald wieder machen werden – vielleicht ab Ostern? Foto: dpa
Endlich wieder an den Strand! Der Tui-Chef hat Hoffnungen, dass viele Deutsche diese Reise bald wieder machen werden – vielleicht ab Ostern? Foto: dpa

Als Tui-Chef Fritz Joussen seine Bilanz für das erste Quartal des aktuellen Geschäftsjahres vorstellte, wirkte er angesichts der schlechten Zahlen ungewohnt bedrückt. Nur beim Ausblick auf die kommenden Monate versuchte er sich in Optimismus. „Wir werden bald wieder 80 Prozent der Reisen anbieten, die wir vor der Krise im Programm hatten“, sagte der oberste Manager von Europas größtem Ferienanbieter. Dafür sorgt aus seiner Sicht das zuletzt deutlich gestiegene Interesse an Buchungen: „Die Kunden wollen reisen und dank ihrer hohe Ersparnisse können sie sich das auch leisten.“

Da könnte sich der 57-Kährige irren. Denn ein Blick auf den Flugverkehr zeigt: Aus der Hoffnung der Veranstalter und Fluglinien auf eine Erholung des Reiseverkehrs möglichst schon ab Ostern könnte wenig werden. Nach einer aktuellen Übersicht des Evidence Lab genannten Datendiensts der Schweizer Großbank UBS gibt es in Europa derzeit auf immer mehr Flugstrecken Reisebeschränkungen.

Von den 702 untersuchten internationalen Routen können Passagiere derzeit auf mindestens 610 nur beschränkt oder gar nicht reisen. Damit ist die Zahl nicht nur rund 20 Prozentpunkte höher als in der Frühphase der Coronakrise im April 2020 und 15 Prozentpunkte höher als zu Beginn des aktuellen Lockdown im November. Der Anteil liegt in Europa auch deutlich über dem Rest der Welt. Global sind gut 80 Prozent der Routen beschränkt, innerhalb der Asean-Staaten in Südostasien sind es 78 Prozent. Und während anderswo die Zeichen auf Lockerung stehen, deutet in Europa alles auf weitere Restriktionen. „Die Zahl steigt weiter in Richtung 90 Prozent“, sagt Jarrod Castle, Analyst und Leiter des Travel Restriction Monitor genannten Projekts.

Die Palette der Beschränkungen ist breit. Sie reicht von Reisewarnungen über die Pflicht vor oder nach dem Flug einen Coronatest zu absolvieren bis zu einer Zwangsquarantäne von bis zu zwei Wochen, auch bei Vorlage eines negativen Testergebnisses. Und selbst dann gibt es nicht immer eine Garantie auf Einreise. Wer etwa aus Deutschland nach Dänemark will, muss damit rechnen, dass er selbst als frisch getesteter Geschäftsreisender mit einer schriftlichen Einladung von Kunden im Land nicht einmal für ein paar Stunden über die Grenze darf.

Die schärfsten Regeln hat inzwischen Großbritannien. „Wer bei der Einreise keine vollständig richtigen Angaben macht, riskiert gar bis zu zehn Jahre Gefängnis – als wären Reisende Schwerverbrecher“, schimpft Luis Araújo, Chef des ETC genannten Dachverbands der europäischen Tourismusverbände.

Die Restriktionen schrecken aus Sicht der Branche immer mehr Reisende auch von Buchungen in den Sommermonaten ab. „Diese Unsicherheit, was bei der Hin- oder der Rückreise nach Deutschland passiert, ist und bleibt das größte Hindernis für eine Buchung“, sagt ein Lufthanseat.

Dazu machen Länder wie Deutschland und Großbritannien fast keinen Unterschied mehr zwischen einzelnen Teilen der Ferienländer. Konnten Rückkehrer aus Regionen mit weniger Kranken wie etwa den Kanarischen Inseln lange Zeit mit geringeren Auflagen rechnen, gelten nun pro Land wieder weitgehend einheitliche Regeln. „Dabei sind in den meisten Ferienregionen wie Griechenland die Fallzahlen vor allem in den großen Städten hoch – aber nicht auf den Inseln“, klagt Tui-Chef Joussen.

Für die Branche sind die aktuellen Befunde ein schwerer Schlag. Denn ihr Geld verdient sie vor allem mit Urlauben innerhalb Europas. Die Ferien rund ums Mittelmeer sorgen für mindestens 80 Prozent ihres Umsatzes und drei Viertel der Kunden.

Die Aussichten auf eine Lockerung und freie Flüge sind gering. Nicht zuletzt aus Angst vor der Ausbreitung besonders ansteckender Mutationen des Coronavirus verschärfen viele Länder derzeit eher ihre Regeln. Dabei warnen immer mehr Staaten ausdrücklich vor organisierten Urlaubsreisen, „obwohl die zu aktuellen Problemen fast nichts beigetragen haben“, so ein hochrangiger Tui-Manager bitter. Von den 2,5 Millionen Tui-Kunden seit Sommer, war nur gut ein Dutzend krank. Das entspricht einer Sieben-Tage-Inzidenz von 0,54 auf 100.000 Menschen, ein Hundertstel des Wertes, ab dem eine Region als Krisengebiet gilt.

Nachdem diese Woche das bereits extrem abgeschottete Norwegen verschärft vor Reisen warnte, schlägt nun auch die Bundesregierung in die gleiche Kerbe. So riet Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am Montag in einem Video-Format der „Bild“ allen Bürgern mit den Sommerbuchungen noch zu warten: „Ich würde jedem empfehlen, noch einige Wochen die Situation zu beobachten, um keine Entscheidung zu treffen, die man nachher revidieren muss“, so das Mitglied der Bundesregierung, die über den Wirtschaftsstabilisierungsfond WSF Aktionär der Tui ist. Eine „unverantwortliche“ Aussage, findet Reiseunternehmer Karlheinz Kögel, dessen HLX-Gruppe aus Baden-Baden für mehrere Fluglinien die Reiseportale betreibt.

Der Mix aus Beschränkungen und staatlicher Skepsis wirkt. Inzwischen scheint auch die Lufthansa nicht mehr fest an eine rasche Erholung ab Ostern zu glauben und hat erneut die Frist für kostenlose Umbuchungen verlängert. Wer bis Ende Mai einen Flug kauft, kann ihn nach Belieben verlegen, etwa wenn ein Reiseziel nicht wie erwartet erreichbar ist oder es hohe Hürden beim Rückflug geben könnte.

Auch das könnte noch nicht das Ende sein, fürchtet Analyst Castle. Denn als eine Voraussetzung für einen Abbau der Reisebeschränkungen gilt, dass im Heimatland und am Urlaubsziel mindestens 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geimpft ist. „Das Ziel wird wohl erst im Herbst und damit nach der Sommersaison erreicht werden – oder möglicherweise gar verpasst“, so Castle.

Und so lange könnte dann auch ein großer Teil der Beschränkungen in Kraft bleiben.

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