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Mut zur Transformation – Wie ein Bergbauunternehmen sich neu erfunden hat

Der Unternehmer Florian Georg Schauenburg zeigt mit dem ehemaligen Bergbauzulieferer, wie wichtig der Wandel in herausfordernden Zeiten ist.

Es war ein Update notwendig für diesen Termin. Kurz bevor die Coronakrise nach Deutschland kam, empfing Florian Georg Schauenburg noch in der Firmenzentrale in Mülheim an der Ruhr. Im Gebäude von Schauenburg International sieht man viel Holz; Skulpturen aus Afrika stehen in den Fluren. Sie zeugen davon, dass Firmengründer Hans Georg Schauenburg schon in den 1960er-Jahren globale Kontakte knüpfte.

Noch immer ist das auf industrielle Nischentechnologie spezialisierte Familienunternehmen weltweit aktiv. In Afrika zum Beispiel werden Sicherheitstechnik für den Berg- und Tunnelbau sowie Satellitentechnologien produziert. Die örtliche Tochter Stratosat, die zu einem Viertel einer gemeinnützigen Stiftung gehört, war einer der Hauptauftragnehmer des größten Radioteleskops der Südhalbkugel, des Meerkat-Teleskops in der Halbwüste Karoo in Südafrika.

In dem Land allerdings, sagt Florian Schauenburg nun im Zoom-Meeting von daheim aus, war der Lockdown am härtesten. Keine drei Tage hatten seine 800 Mitarbeiter dort Zeit, die Produktion auf null herunterzufahren. Inzwischen seien die Firmen dort wieder mit halber Kraft in der Produktion.

Obwohl das Unternehmen erst in zweiter Generation geführt wird, lässt sich bei den Schauenburgs betrachten, was viele Familienunternehmen beschäftigt und noch vor sich haben: der Umgang mit sterbenden Branchen, das frühe Streuen des Risikos, eine zeitige Transformation zu einem international aktiven Family-Equity-Unternehmen, Fremdmanagement, auch das Aufteilen des Unternehmens unter den beiden Brüdern und die globale Betroffenheit des deutschen Mittelstands durch die Coronakrise.

Florian Schauenburg führt gemeinsam mit dem familienfremden Mitgesellschafter Joachim Simon Schauenburg International, den einen eigenständigen Teil der vom Vater gegründeten Gruppe, und ist im industriellen Beteiligungsgeschäft aktiv. Meist hält Schauenburg 75 Prozent und mehr an den rund 30 internationalen Firmenbeteiligungen. Rund 2.000 Mitarbeiter von Schauenburg International erwirtschaften rund 300 Millionen Jahresumsatz.

Erholung in China

Sein Bruder Marc Georg hat den homogeneren Teil des Unternehmens übernommen: Schauenburg Technology am gleichen Hauptsitz, spezialisiert auf Kunststoffverarbeitung und Schlauchtechnik. Beliefert werden Industriefirmen, die Schläuche finden sich aber auch in Flugzeuglüftungen, Staubsaugern und bei medizinischen Geräten.

Zu Beginn der Pandemie gab es bei Schauenburg International Probleme mit den Lieferketten und dem Absatz vor allem in China. Inzwischen haben die Beteiligungen dort, wo das Unternehmen vor allem in der Laboranalytik vertreten ist, wieder rund 50 Prozent des Vor-Corona-Umsatzes erreicht, sagt der 50-jährige Florian Schauenburg. Ob man die Auswirkungen mit denen aus dem Zweiten Weltkrieg vergleichen kann? Das hat Schauenburg auch seinen erstaunliche 103 Jahre alten Vater Hans Georg gefragt, der sich bester Gesundheit erfreut. Und der muss es wissen.

Der Firmengründer, ein Kaufmann durch und durch, ließ Ende der 1940er-Jahre aus Stahlhelmen Kochtöpfe fertigen. Er verkaufte auch Kohle. Der Gründer hatte ein gutes Gespür dafür, was im Ruhrgebiet gebraucht wurde. Ohne Ingenieur zu sein, erfand Schauenburg ein spezielles Bewetterungsrohr. Solche Rohre ermöglichen die Frischluftzufuhr unter Tage. Der Vorteil der „Schauenburg Spirallutte“: Sie war nicht aus Stoff oder Stahl, sondern aus Kunststoff mit einem spiralförmigen Draht, so war sie stabil und flexibel zugleich.

Der Firmengründer spürte aber auch früh, wie sich sterbende Branchen anfühlen, und setzte schon damals auf neue Technologien und kaufte zukunftsträchtige Firmen. Anders als viele andere Firmengründer hat er, noch bevor seine Söhne ins Unternehmen kamen, auch ein Fremdmanagement installiert. Aber er kann die Frage nach dem Vergleich von Corona und Krieg gut beantworten, erzählt sein Sohn Florian: „Nein, die Coronakrise ist nicht wie Krieg, es ist ja nichts zerstört!“

Spürbarer Einbruch

Dennoch ist der Einbruch durch die Pandemie auch bei Schauenburg International deutlich spürbar. „Wir sind in der Investitionsgüterbranche aktiv und sehen einen Investitionsstopp bei den Autozulieferern beziehungsweise starke Investitionszurückhaltung in den meisten Schlüsselindustrien und Kunden“, sagt Florian Schauenburg. Der gesamte Einbruch werde „sicherlich bei 30 Prozent und mehr“ liegen.

Es gibt Kurzarbeit hierzulande in einigen Bereichen und auch in der Holding mit rund 40 Mitarbeitern, die für die strategische Steuerung verantwortlich ist. Bislang musste die Gruppe keine Mitarbeiter entlassen, aber in den USA werde es wohl zu Personalabbau kommen. Dort hat Schauenburg auch, anders als in Deutschland, Staatshilfe beantragt, und zwar Darlehen, die bei Bedarf in Zuschüsse umgewandelt werden können. „Ansonsten haben wir als Familienunternehmen eine solide Eigenkapitalbasis von mehr als 50 Prozent.“

Der Unternehmer, der BWL in Bayreuth studierte und in anderen Branchen arbeitete, bevor er vor 24 Jahren ins Unternehmen eintrat, rechnet auch nicht mit einer schnellen Erholung von der Coronakrise. Den schlimmsten Einbruch erwartet er im laufenden zweiten Quartal.

Danach sieht er Potenzial für bessere Zeiten. Aber auch 2021 werde kein normales Jahr werden, ist der Unternehmer überzeugt, frühestens 2022. „Das Problem ist bei uns nicht die Wirtschaftskraft, sondern die fehlende Planbarkeit.“ In den vergangenen 15 Jahren habe sich der Gewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) als wichtigste Steuerungsgröße verdreifacht. Dennoch galt bei Schauenburg auch schon vor Corona: „Liquidität geht vor Rentabilität.“

Bislang ist sein Unternehmen ordentlich gewachsen. Schauenburg nennt es gern „opportunistisch“, positiv gemeint. „Wir schauen uns viele unterschiedliche Möglichkeiten industrieller Nischentechnologien an.“ Ob durch die Coronakrise jetzt Kaufzeiten angebrochen sind, wisse er noch nicht. Die Bewertungen gingen sehr wahrscheinlich nach unten, aber „die erfolgreichen Zielunternehmen, die wir suchen, die werden theoretisch eher mehr wert“.

„Unser Unique Selling Point ist, dass wir ein werteorientierter, sicherer Hafen sind für Unternehmer, die wachsen und an Bord bleiben wollen.“ Seit einigen Jahren ist er auch als Risikokapitalgeber bei Tech-Start-ups aktiv. Vor kurzem beteiligte er sich an dem Berliner Unternehmen WeAre, das Virtual-Reality-Konferenzsysteme anbietet, die gerade boomen.

Ende des Preiskampfs

Die Welt nach Corona sieht Schauenburg schon vor sich: Abhängigkeiten, zum Beispiel in den Lieferketten, würden nicht nur in seinem Unternehmen auf den Prüfstand gestellt. Preiskampf und Sparhype, so hofft er, würden etwas in den Hintergrund treten zugunsten von Qualität und technologischem Fortschritt. Seinen Optimismus verliert er durch die Coronakrise nicht, auch wenn er derzeit schon so manche schlaflose Nacht verbracht hat. Ein Kenner des Unternehmens schätzt seine Zugewandtheit zu den Mitarbeitern, auch in schwierigen Situationen. „Er ist mutig, aber kein Hasardeur.“

Anders als viele Familienunternehmen haben Florian und sein Bruder das vom Vater gegründete Unternehmen schon früh geteilt – vor 17 Jahren. Streit habe es nicht gegeben, bestätigen mehrere Kenner von Unternehmen und Familie. Im Gegenteil, erklärt Schauenburg, „wir haben eine Idealteilung“ hinbekommen.

Auch dabei zeigt sich, dass die Schauenburgs früher als andere pragmatische Lösungen gefunden haben – statt einer Realteilung, also einer kompletten Trennung, wie es sie schon häufiger nach Streits in Familienunternehmen gegeben hat. Bei Schauenburg jedenfalls ist der jeweils andere Bruder als stiller Gesellschafter signifikant beteiligt und sitzt auch als Gesellschafter in den jeweiligen Gremien mit am Tisch. „Klar abgegrenzte Kompetenzen schaffen Frieden“, sagt einer der Unternehmenskenner.

Schauenburg hat für sich auch schon das nächste große Thema entdeckt: Impact-Investing. „Wenn ich die Wahl habe, mit einer nachhaltigen Investition, die einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft hat, Geld zu verdienen, dann mache ich das.“