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Die Traditionsmarke Lancia war bereits abgeschrieben — so plant Stellantis ihr elektrisches Comeback

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In den Sechzigern trugen edle Oberklasse-Fahrzeuge, wie die Flaminia, stolz das Lancia-Logo im Grill.
In den Sechzigern trugen edle Oberklasse-Fahrzeuge, wie die Flaminia, stolz das Lancia-Logo im Grill.

Noch vor einigen Monaten sah es ganz danach aus, dass der ehemals so glänzende Traditionshersteller Lancia endgültig seinem Schicksal überlassen wird. Der ehemalige Fiat-Chrysler-Konzern hatte das Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren vernachlässigt. Erst wurden die schon damals recht betagten Modelle 300C und Voyager der amerikanischen Konzernschwester Chrysler für den europäischen Markt einfach zu Lancias umgelabelt. Nachdem dieses Experiment krachend gescheitert war, wurde das Modellprogramm der italienischen Marke ausgedünnt.

Nur noch ein Modell, das es nur in Italien gibt

Aktuell bietet Lancia nur noch ein Fahrzeug an und beschränkt seine Geschäfte komplett auf den Heimatmarkt. Obwohl er bereits seit rund einem Jahrzehnt produziert wird, erfreut sich der Lancia Ypsilon in Italien aber immer noch größter Beliebtheit. Allein im vergangenen Jahr wurden rund 43.000 Exemplare des Kleinwagens verkauft. Damit lag dieser auf Platz zwei der heimischen Zulassungscharts. In der ersten Hälfte von 2019 überflügelte der kleine Lancia sogar den Gesamtabsatz der Marke Alfa Romeo, obwohl diese innerhalb des Konzerns als bevorzugt gilt.

Nach der Fusion von PSA und Fiat-Chrysler, die in dem Autogiganten Stellantis resultierte, tun sich für Lancia plötzlich ganz neue Chancen auf. Die ordentlichen Verkaufszahlen des Ypsilons zeigen, dass die Strahlkraft der Marke zumindest in ihrem Heimatland die schweren letzten Jahre überlebt hat.

Zu diesem Schluss ist wohl auch die neue Konzernführung gekommen. Wenn es nach den Managern geht, soll Lancia ab 2024 mit rein elektrischen Modellen wiederbelebt werden. Diese sollen zusammen mit DS Automobiles und Alfa Romeo im Premium-Segment positioniert werden. Lancia soll unter den 14 Konzernmarken als stylish und innovativ wahrgenommen werden. Dies passt bestens zur Historie, schließlich hat die Autowelt den Italienern unter anderem den V6-Motor und den Anlasser zu verdanken.

Der Kleinwagen Ypsilon basiert auf der Plattform des Fiat 500 und hat seit 2011 einige sanfte Überarbeitungen bekommen.
Der Kleinwagen Ypsilon basiert auf der Plattform des Fiat 500 und hat seit 2011 einige sanfte Überarbeitungen bekommen.

Lancia gibt sich wieder geschichtsbewusst

Den Neustart soll jedoch wieder ein Kleinwagen einleiten, der Nachfolger des Ypsilons, welcher voraussichtlich 2024 an den Start gehen wird. Als gesetzt gilt, dass der Ypsilon auf der PSA-Plattform CMP steht, die auch unter dem aktuellen Peugeot 208, Opel Corsa und Opel Mokka steckt. Gerüchten zufolge soll der Kleine von einem herkömmlichen Kleinwagen zu einem kompakten SUV mutieren und somit in die gleiche Kerbe wie seine ein Jahr früher erscheinenden Plattform-Brüder Alfa Romeo Brennero und Fiat 500X schlagen. Möglicherweise wird das neue Modell nicht mehr Ypsilon heißen, sondern den Namen Musa tragen. So hieß vor rund 16 Jahren bereits ein Minivan der italienischen Marke.

Da die technische Basis nicht nur mit klassischen Verbrennungsmotoren kompatibel ist, sondern in abgewandelter Form auch Elektroantriebe ermöglicht, soll der Nachfolger des Ypsilon voraussichtlich ein ausschließlich batteriebetriebenes Auto werden. Für Anfang 2026 plant Stellantis offenbar einen größeren Lancia-Crossover, welcher auf der modularen Konzernplattform STLA Medium stehen soll. Bei letzterer handelt es sich um den mittleren von insgesamt drei Elektro-Baukästen. Dieser soll die Basis für zukünftige Kompakt- und Mittelklasse-Modelle darstellen und Reichweiten von bis zu 700 Kilometern möglich machen.

Gerüchten zufolge soll der Delta zurückkommen

Stellantis selbst hat ein derartiges Modell zwar noch nicht angekündigt, einige Medien spekulieren jedoch, dass der legendäre Delta 2027 zurückkehrt. Der von Giugiaro gestylte Golf-Gegner gewann nicht nur von 1987 bis 1992 ohne Unterbrechung die Rallye-Weltmeisterschaft, sondern war auch in der Straßenversion ein kompetenter Kompaktsportler. Die allradgetriebenen Delta HF Integrale, sowie die noch brachialeren Evo-Modelle genießen mittlerweile Legendenstatus und sind zu teuren Sammlerstücken geworden. Falls es wirklich eine elektrische Neuinterpretation des Klassikers geben wird, dürfte diese ebenfalls auf der STLA Medium-Plattform stehen und sich optisch am kantigen Design des Originals orientieren.

Der Lancia Delta HF Integrale gilt bis heute als einer der besten Kompaktsportler aller Zeiten.
Der Lancia Delta HF Integrale gilt bis heute als einer der besten Kompaktsportler aller Zeiten.

Ein Franzose als neuer Designchef

Eine gefällige Linienführung dürfte bei der Wiederbelebung wohl mit Abstand am wichtigsten und letztendlich auch erfolgsentscheidend sein. Stellantis hat mit Jean-Pierre Ploué einen erfahrenen Kreativen zum Leiter von Lancias Designabteilung ernannt, der bewusst eine Verbindung zur reichen Markenhistorie aufbauen möchte. Der Franzose verantwortet gleichzeitig auch das komplette Konzerndesign und war davor bereits für Renault, Citroën, Volkswagen und Ford tätig.

Da Lancia konzernintern recht hoch positioniert wurde, ist auf lange Sicht auch ein elektrisch angetriebenes Oberklasse-Modell kein Ding der Unmöglichkeit. Zudem würde es geschichtlich gut zu dem Hersteller passen. Die stattliche Limousine Flaminia spielte in den Sechzigerjahren beispielsweise in der gleichen Liga wie die großen Mercedes. Ob ein derartiges Modell tatsächlich einmal Realität wird, dürfte wohl davon abhängen, wie sich die kleinen Lancia-Neuheiten auf dem Markt schlagen.

Alfa Romeo arbeitet an einem Zukunftskonzept

Aber auch die konzerninterne Konkurrenz könnte einen großen Lancia verhindern. Schließlich gibt es innerhalb des Stellantis-Universums ganze 14 Marken. Darunter auch die im gleichen Segment agierenden Hersteller DS Automobiles und Alfa Romeo. In letztere Traditionsmarke hatte Fiat-Chrysler unter der Leitung von Sergio Marchionne einst große Hoffnungen gesetzt. Die beiden in der gehobenen Mittelklasse positionierten und 2016 eingeführten Hoffnungsträger Giulia und Stelvio konnten die hohen Erwartungen aber zumindest finanziell nicht erfüllen. Die Verkaufszahlen der sportlichen Limousine und des technisch verwandten SUV dümpeln vor sich hin und kommen nicht einmal annähernd an die der deutschen Konkurrenten heran.

Der neue Markenchef Jean-Phillipe Imparato kam im Januar von der Konzernschwester Peugeot und setzt bei der geplanten Modelloffensive ganz zeitgemäß auf SUV, Elektrifizierung und ein Stück weit auch auf Retro-Design. Auch wenn die vergangenen fünf Jahre eher ernüchternd waren, hat sich der Franzose einiges vorgenommen und erarbeitet derzeit mit einem fast 50-köpfigen Team eine Zukunftsstrategie für den angeschlagenen Autobauer. Ab 2027 soll auch Alfa Romeo zumindest auf den europäischen Märkten sowie in den USA und in China nur noch reine E-Autos anbieten.

Die optische Richtung gibt der neue Chefdesigner Alejandro Mesonero-Romanos vor, der nach nur wenigen Monaten von Renault nach Turin übergelaufen ist. Bevor der Designer bei dem französischen Staatskonzern angeheuert hatte, leitete er die Kreativabteilung von Seat und designte dort beliebte Modelle wie den Ateca.

Kleine SUV sollen den Absatz steigern

Ab 2022 möchte Alfa Romeo mit dem Tonale sein Produktionsvolumen und gleichzeitig seinen Absatz deutlich steigern. Das noch auf einer FCA-Plattform stehende Kompakt-SUV hätte eigentlich schon dieses Jahr auf den Markt kommen sollen. Ein noch unausgereifter Plug-in-Hybridantrieb vereitelte diese Pläne jedoch. Ein Jahr später folgt mit dem Brennero ein noch kleinerer Einstiegs-Crossover, der wie der Nachfolger des Lancia Ypsilon auf der CMP-Plattform des ehemaligen PSA-Konzern aufbaut. Er wird voraussichtlich rein elektrisch oder mit teilelektrifizierten Dreizylindermotoren erhältlich sein.

Obwohl sich ihre ersten Generationen eher schleppend verkaufen, bekommen auch die Giulia und der Stelvio voraussichtlich in zwei bis drei Jahren Nachfolger. Diese werden laut Stellantis auf der größten Konzernplattform STLA Large basieren, welche bei reinen Elektroantrieben eine maximale Reichweite von bis zu 800 Kilometern bietet. Der Baukasten kann jedoch auch mit klassischen Verbrennungsmotoren bestückt werden, was bei der Limousine und dem SUV zumindest in den ersten Jahren auch der Fall sein wird.

Die Limousine Giulia und das SUV Stelvio (weiß) enttäuschen mit ihren Verkaufszahlen.
Die Limousine Giulia und das SUV Stelvio (weiß) enttäuschen mit ihren Verkaufszahlen.

Auch Imageträger haben weiterhin eine Chance

Imperato hat im Rahmen einer Pressekonferenz den zahlreichen Fans der Marke zudem Hoffnung auf ein sportliches Coupé im Retro-Gewand gemacht. Der Alfa Romeo GTA hätte ursprünglich schon vor ein paar Jahren das Modellangebot ergänzen sollen. Die bereits fortgeschrittene Entwicklung der zweitürigen Giulia wurde von der ehemaligen Konzernleitung jedoch aus Kostengründen gestoppt. Der französische Markenchef hat aber offensichtlich Gefallen an einem zweitürigen Imageträger gefunden. Möglicherweise wird der GTA also doch noch auf Basis der neuen STLA Large-Plattform realisiert.

Auch eine Neuauflage des klassischen Spiders wäre denkbar. Insgesamt scheinen sich die italienischen Traditionshersteller in Zeiten der Elektrifizierung auf alte Tugenden zu besinnen und gleichzeitig mit trendigen SUV-Modellen ihren Absatz zu steigern. Ob dies von der Kundschaft auch tatsächlich mit guten Verkaufszahlen belohnt wird, dürfte sich im Laufe dieses Jahrzehnts zeigen.

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