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Toxische Beziehungen: Eine Psychologin erklärt, was hinter dem Trendbegriff steckt — und wieso es so schwierig ist, sich zu lösen

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Als Lilly ihren Freund Phillip kennenlernte, wirkte alles zu gut, um wahr zu sein. Er war sportlich, gebildet und ehrgeizig. In ihren Augen ein Traummann. „Ich konnte gar nicht glauben, dass sich jemand wie er für jemanden wie mich interessiert“, erzählt Lilly heute, drei Jahre später. Gerade am Anfang sei Phillip zuvorkommend gewesen und habe sich viel Mühe gegeben, zum Beispiel habe er sich immer neue Ideen für ihre Dates ausgedacht „Einmal hat er eine Kutschfahrt durch Berlin organisiert und ein anderes Mal fuhren wir nachts mit dem Ruderboot über den Wannsee und er setzte Schwimmkerzen auf das Wasser“, erinnert sich Lilly.

Doch mit der Zeit änderte sich das. Philip sei im Laufe der Beziehung immer unzuverlässiger und unpünktlicher geworden, sagt Lilly. Als sie dann selbst einmal später nach Hause gekommen sei als ursprünglich angekündigt, habe er ihr die Lasagne, die er zuvor gekocht hatte, einfach vor die Füße geworfen. Philip habe ab nur noch zwei Extreme gekannt, erzählt Lilly: Die meiste Zeit habe er sich abweisend und teils respektlos ihr verhalten; und in immer seltener werdenden Phasen sei er voller Zuneigung und Liebe gewesen, so wie am Anfang der Beziehung.

Ihre Geschichte macht Lilly zu einem von vielen Menschen, der solche Beziehungserfahrungen macht. Laut einer Umfrage im Auftrag der Online-Partnervermittlung Parship aus dem Jahr 2021 gaben 41 Prozent der Frauen und 36 Prozent der Männer in Deutschland an, schon einmal in einer toxischen Beziehung gesteckt zu haben. Der Ausdruck ist mittlerweile zu einem echten Trendbegriff geworden: Doch was ist eigentlich eine toxische Beziehung – und wieso ist es so schwierig, sich aus ihr zu lösen?

Eine toxische Beziehung beginnt ab dem Punkt, an dem ihr euch verletzt und erniedrigt fühlt, sagt die Psychologin Eva Bergande. Die schönen Momente in eurer Beziehung werden immer seltener – umso hartnäckiger wünscht ihr sie euch zurück und versucht, die Harmonie zwischen euch und eurem Partner wiederherzustellen. Auch die Extreme, wie sie Lilly in ihrer Beziehung mit Philip erlebt hat, würden immer häufiger: Wo eben noch alles in Ordnung gewesen sei, drohte dann alles zusammenzubrechen, erklärt die Psychologin Eva Bergande.

„Endlich jemand, der mich rettet“

„Von toxischen Beziehungen spricht man, wenn eine Partnerschaft dauerhaft mehr Kraft kostet als sie gibt. Physischer und/oder insbesondere psychischer Missbrauch prägen eine toxische Bindung“, sagt sie. Vergiftende Beziehungsmuster seien unter anderem durch Egoismus, Unterdrückung und Kontrollsucht durch einen der Partner gekennzeichnet. Aber eine toxische Beziehung sei immer auch ein System, an dem zwei Partner beteiligt seien. Beide zögen eine Art Nutzen aus der Konstellation – auch wenn dieser nicht gesund sei.

Menschen, die sich auf einen Partner einlassen, der sich irgendwann als destruktiv herausstellt, hätten oft einen geschwächten Selbstwert, erklärt die Psychologin Nina König. Sie freuten sich daher besonders darüber, wenn ihnen jemand in der ersten Phase des Kennenlernens und der Beziehung extrem viel Aufmerksamkeit und Zuneigung schenke. „Oft denken sich die Betroffenen: Da ist endlich jemand, der mich rettet, der mich beschützt und mir guttut“, erklärt König.

In dieser Phase der Beziehung öffneten sich viele der Betroffenen dann immer mehr, entwickelten schnell Vertrauen und zeigten sich verletzlich. In der zweiten Phase folge dann aber die Entwertung. Die Verletzlichkeit wird vom Partner gegen die Betroffenen verwendet und die Beziehung gerät in ein Ungleichgewicht: Verbote, Kontrolle und eine starke Abhängigkeit gehören zur Tagesordnung. Das Schwanken zwischen Gefühls- und Verhaltensextremen wird immer ausgeprägter und für die Betroffenen immer schwieriger auszuhalten. „Viele Betroffene denken auch: 'Vielleicht wird es wieder besser, ich muss mich nur mehr anstrengen' und machen sich damit immer kleiner“, berichtet Nina König.

Auch Lilly reagierte lange so auf Philips Verhalten. Ständig, so erzählt sie es uns, habe sie versucht, ihm alles Recht zu machen – und er habe trotzdem immer wieder einen Weg gefunden, sie als die Schuldige hinzustellen. Ein Beispiel dafür sei der Geburtstag seines Großvaters, an dem Lilly und Phillip dessen Familie besuchen wollten. Kurz davor hatte Lilly einen Unfall – und musste in die Notaufnahme. Sie rief Philip an und entschuldigte sich, erklärte ihm, dass sie abwarten müsse, was die Ärztinnen ihr sagen würden und dass sie den Besuch seines Großvaters nicht schaffen werde.

Statt mit Sorge und Verständnis habe Philip mit diesen Sätzen reagiert: „Ich habe schon allen gesagt, dass du mitkommst! Wie stehe ich jetzt vor ihnen da? Kannst du dich nicht einmal zusammenreißen?“ Weil sie diesem Druck nicht standhalten konnte, beugte sich Lilly dem Willen Philips – und verbrachte den Abend mit drei gebrochenen Rippen und einer Gehirnerschütterung bei seinen Großeltern. Abends habe sie sich dann in den Schlaf geweint.

Die körperlichen Schäden, die Lilly durch ihren Unfall davontrug, hätten außerdem dazu geführt, dass sie beim Sex oft Schmerzen empfunden habe, erzählt sie. Auch hierauf reagierte Philip nicht mit dem Verständnis oder Mitgefühl, das eigentlich angemessen gewesen wäre. Als Lilly ihn fragte, ob eine offene Beziehung vielleicht besser für ihn wäre, habe er sie schließlich wütend als „Flittchen“ bezeichnet.

Wer von solchen Erfahrungen liest, fragt sich womöglich schnell, warum sich Menschen wie Lilly auf solche Beziehungen einlassen – Beziehungen, die ihnen so sehr schaden. Die Psychologin Nina König kennt die Muster und einige Gründe. „Erfahrungsgemäß ist es nicht so, dass sich Menschen bewusst eine toxische Beziehung suchen“, sagt sie.

In der ersten Phase, in der oft sogenanntes Lovebombing stattfinde, würden Betroffene oft so sehr mit Liebesbekundungen und Zuneigung „bombardiert“, dass sie sich überhaupt kein realistisches Bild ihres Gegenübers mehr machen könnten. Er oder sie wirke dann wie der perfekte Partner. Und auch frühere, negative Beziehungserfahrungen und die eigene Kindheit spielten in die Partnerwahl mit hinein, sagt König. Was übrigens nicht stimme: der Mythos, dass nur Frauen in solchen toxischen Beziehungen landen.

Das kann auch Vito bestätigen. Er steckte zwei Jahre lang in einer toxischen Beziehung mit seiner Ex-Partnerin Milena. „Sie war sehr impulsiv und unberechenbar. Ich wusste nie, wann sie wieder explodiert, und hatte ständig Angst, etwas Falsches zu sagen. Von einem Moment auf den anderen konnte die Stimmung kippen“, erzählt er uns. Diese Impulsivität habe sich aber weder am Anfang der Beziehung noch außerhalb der Beziehung gezeigt, zum Beispiel, wenn Milena im Kontakt mit anderen war.

Irgendwann seien Milenas Stimmungsschwankungen so extrem geworden, dass Vito jeden Tag starken Stress und Panik bei dem Gedanken verspürte, Milena zuhause zu sehen. „Ich habe immer gehofft, dass es besser wird. Aber ab dem Moment, ab dem eine Beziehung mehr auf Abhängigkeit als auf Liebe beruht, kann sie nicht mehr gesund sein“, sagt er heute. Er habe mittlerweile verstanden, dass Milena unter starken Verlustängsten gelitten habe – wie sie sich ihm gegenüber verhalten habe, sei damit trotzdem nicht zu entschuldigen.

Die Trennung gelang jahrelang nicht

Vito versuchte in den zwei Jahren ihrer Beziehung mehrfach, sich zu trennen. Immer wieder habe Milena es allerdings geschafft, ihn zu überreden, doch bei ihr zu bleiben. Und er selbst habe immer wieder aufs Neue gehofft, dass sich etwas ändern werde. „Sie hat immer wieder versucht, sich zu ändern und war sogar in Therapie.“ Phasenweise hätten diese Anstrengungen geholfen, ihr Verhalten und ihre Stimmung besserten sich. Doch dann seien wieder schlechte Phasen gefolgt. „Es hat die Kontinuität gefehlt“, sagt Vito. Als es nach vielen Versuchen noch immer nicht besser geworden sei, habe er sich schließlich zur endültigen Trennung durchgerungen.

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Die Schwierigkeit, sich endgültig zu trennen, ist bei toxischen Beziehungen oft viel größer als in anderen Partnerschaften, weiß Psychologin Nina König. Oftmals gebe es nämlich keinen klaren „Cut“, der beispielsweise durch offene Gewalt oder einen Seitensprung verursacht werde. Gerade die psychische Gewalt oder die Angewohnheit, den Partner klein zu halten und zu isolieren, sind Faktoren, die oberflächlich betrachtet nicht leicht zu erkennen sind – erst recht nicht von denjenigen, die selbst davon betroffen sind.

Viele Menschen fühlten sich mit der Zeit immer einsamer, sagt König, gäben sich die Schuld an der unglücklichen Beziehung oder begännen zu denken, sie hätten es verdient. Oft würden auch Trennungsversuche wie der von Vito unternommen, dann folge allerdings wieder das sogenannte Lovebombing. „Es ist so schwer, diesen Absprung zu schaffen“, sagt die Psychologin. „Meistens fehlt einfach die Kraft“, sagt König.

Lilly brauchte erst die räumliche Trennung, um zu merken, dass sich ihr Leben nicht bloß um Philip drehte. Nachdem sie für drei Monate wegen eines Praktikums in eine andere Stadt gezogen war, schaffte sie es, sich zu trennen: „Ich habe gemerkt, dass ich nicht vor dem Nichts stehe, wenn ich ihn nicht habe. Ich selbst bin genug und mein Leben geht weiter.“ Danach, sagt sie, habe sie nie wieder darüber nachgedacht, zu Philip zurückzukehren.

Vor allem zwei Dinge hätten sie darin bestärkt, sich wieder für ein Leben als Single und ohne Philip zu entscheiden: viel Zeit mit der Familie und Freunden zu verbringen – und viele Dinge zu tun, die sie in der Beziehung zu Philip nicht machen durfte, weil er es nicht wollte, wie beispielsweise allein auf Konzerte zu gehen. „Ich würde jedem raten, räumlichen Abstand zu schaffen und sich dann die Frage zu stellen, wann es das letzte Mal wirklich schön war in der Beziehung. Ohne Drama, einfach nur richtig schön.“

Wenn auch ihr das Gefühl habt, in einer toxischen Beziehung festzustecken, müsst ihr nichts überstürzen. Kleine Schritte reichten, um euch langsam zu befreien, meint Psychologin König. Das heißt:„Immer erstmal Unterstützung holen: Sprecht erst mit Freunden oder Verwandten, von denen ihr wisst, dass sie euch nicht verurteilen, über eure Situation.“ Wenn beide Partner ernsthaft an den Problemen arbeiten wollen, kann auch eine Paartherapie das richtige Mittel der Wahl sein. Allerdings wirklich nur, wenn beide bereit sind, etwas zu ändern.

Ist die Lage bereits zu zugespitzt dafür, solltet ihr allerdings schnell handeln, um von eurem schädlichen Partner loszukommen, sagt König. „Wenn ein bestimmter Punkt überschritten ist, wie körperliche Gewalt oder Untreue oder der Partner keine Einsicht zeigt, muss man sich aber trennen und sich dafür am besten professionellen Hilfe holen.“ Diese Anlaufstellen können euch dabei eine Hilfe sein:

Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222

Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016

Gewalt gegen Männer: 0800 1239900

Häusliche Gewalt: 030 - 611 03 00