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Touristikkonzerne greifen den Reisebüros in die Kasse

Den Corona-gebeutelten Reisebüros geht es doppelt an die Finanzen. Anbieter wie Tui, FTI oder DER Touristik fordern Provisionen in dreistelliger Millionenhöhe zurück.

Den Agenturen steht die Erfolgszahlung nur dann zu, wenn sie den Veranstaltern echten Umsatz vermitteln. Foto: dpa

Martin Cyrus Nurischad, Chef eines vierköpfigen Reisebüros im Westerwälder Rennerod, ist um seine derzeitige Lage kaum zu beneiden. Eine komplett organisierte Reise in den Iran musste er kürzlich mit hohem Verlust stornieren, seit Tagen ist der Geschäftsbetrieb des Mittelständlers eingestellt, das Büro verwaist.

Doch auf Nachsicht der großen Reiseveranstalter, deren Produkte er seit Jahren verkauft, hofft er vergeblich. Im Gegenteil. Per Sepa-Lastschriftverfahren versuchten gleich mehrere von ihnen in den vergangenen Tagen, Provisionen zurückzuholen – Gelder, die Nurischad von den Konzernen zum Teil schon im vergangenen August erhalten hatte. Die Reisen seien schließlich storniert oder nicht angetreten worden, bekam der Westerwälder auf Nachfrage zu hören.

Das Reisebüro aus Rennerod befindet sich in schlechter Gesellschaft. „Nahezu jeder Agentur werden in diesen Tagen die bereits überwiesenen Provisionen von Tui, FTI, DER Touristik und einigen Spezialveranstaltern automatisch vom Konto gebucht“, berichtet Marija Linnhoff vom Verband Unabhängiger Selbstständiger Reisebüros (VUSR). „Wer sich dagegen wehrt und die Lastschrift widerruft, riskiert die Vertragskündigung.“ 

Vertraglich befinden sich die Pauschalreiseanbieter auf sicherem Boden. Schließlich steht den Agenturen die Erfolgszahlung nur dann zu, wenn sie den Veranstaltern echten Umsatz vermitteln. Andere Reisekonzerne wie Schauinsland-Reisen oder Alltours zahlen sie sogar erst, nachdem die Buchungskunden den Urlaub angetreten haben.

Die Rückbuchungen aber bedeuten für viele Reisebüros in der aktuellen Situation das Aus, falls der Staat nicht zu Hilfe eilt. „Bei mir handelt es sich um knapp 50.000 Euro“, berichtet Nurischad, „eine Summe, die in unserem Unternehmen rund zwei Drittel der Kosten deckt.“

Er habe sich deshalb erst einmal stur gestellt und die Lastschrift zurückgeben lassen, berichtet der Mittelständler. „Wir haben für das Geld schließlich gearbeitet“, fühlt er sich im Recht. Reaktionen der Veranstalter stehen noch aus.

Milliardenschwerer Umsatzausfall

Dabei ist Nurischads Rückforderungssumme noch vergleichsweise gering. Andere Reiseagenturen berichten über Abbuchungen von 110.000 Euro. Insbesondere der Provisionsverlust für die abgesagten Osterreisen schlagen bei vielen massiv zu Buche. VUSR-Expertin Linnhoff schätzt: „Es dürfte sich bei den Rückbuchungen um einen dreistelligen Millionenbetrag für die gesamte Branche handeln.“

Zahlen des Deutschen Reiseverbands (DRV) stützen diese Einschätzung. Der Umsatzausfall bei den deutschen Reiseveranstaltern summiere sich nach Hochrechnungen bis Ende April auf mehr als 4,8 Milliarden Euro, heißt es dort. Bei einem Marktanteil der drei führenden Anbieter Tui, DER Touristik und FTI von gut 30 Prozent und durchschnittlichen Provisionszahlungen von zehn Prozent würden den Reisebüros nachträglich 144 Millionen Euro entzogen.

Letzte Hoffnungen setzt die Branche nun auf einen Notfallfonds, den Thomas Bareiß (CDU), der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, ins Spiel gebracht hat. Der Rettungsschirm soll nicht nur für angezahlte Kundengelder in Höhe von 4,2 Milliarden Euro gerade stehen, sondern auch für 2,8 Milliarden Euro, die den Reisebüros voraussichtlich in diesem Jahr entgehen.

Der Reisebüroverband VUSR fordert nun darüber hinaus, dass auch die stornierten Provisionen aus diesem Topf ersetzt werden sollen. „Der Staat könnte sich dadurch einen Teil der Rettungskredite sparen“, wirbt Verbandschefin Linnhoff.