Deutsche Märkte geschlossen

Die Top-Etagen deutscher Konzerne bleiben eine Männerdomäne

„Chefs müssen lernen, mit Autonomie statt mit Kontrolle zu führen“, sagt die Managerin. Foto: Thomas Dashuber Foto: dpa

Rekordverdächtig viele Wechsel haben 2018 zu mehr neuen Frauen als sonst in den Vorständen geführt. Doch das Veränderungstempo in Deutschland ist immer noch sehr gering.

Es gibt Bewegung an den deutschen Unternehmensspitzen: So hat jeder fünfte Mann in den Vorständen der 160 deutschen börsennotierten Unternehmen im vergangenen Jahr sein Vorstandsmandat abgegeben, aber nur jede 14. Frau. Das ist das zentrale Ergebnis des neuen Berichts der gemeinnützigen Allbright-Stiftung mit Sitz in Stockholm und in Berlin. Dadurch werden immer öfter Männer in den Top-Etagen deutscher Konzerne durch Frauen ersetzt.

Allerdings finden die Veränderungen auf extrem niedrigem Niveau statt. Denn: Noch immer sind mehr als 90 Prozent der Vorstandsmitglieder in Deutschland Männer und damit dominierend an den Schalthebeln der Macht. Der Frauenanteil lag dagegen laut Allbright-Bericht am 1. September 2019 bei nur 9,3 Prozent. In absoluten Zahlen heißt das: Die Vorstände von 160 deutschen Börsenschwergewichten sind mit 641 Männern und 66 Frauen besetzt.

Die meisten weiblichen Vorstandsmitglieder (29) arbeiten in den 30 großen Dax-Konzernen und es lässt sich feststellen: Je größer und internationaler die Unternehmen, desto wahrscheinlicher sind dort Frauen in den Vorständen zu finden. Immerhin 80 Prozent der Dax-Konzerne haben nun mindestens eine Frau im Vorstand, bei den M-Dax-Unternehmen sind es 32 Prozent, bei den S-Dax-Unternehmen 20 Prozent.

Den höchsten Anteil von Frauen im Vorstand erreichen Covestro, Daimler, Siemens, Vonovia, Wirecard und SAP mit jeweils 25 Prozent (ab November auch Fresenius Medical Care mit 29 Prozent). Dahinter folgen die Deutsche Telekom mit 22 Prozent, Allianz und Merck mit je 20 Prozent, sowie Adidas, die Deutsche Börse, Henkel und die Lufthansa mit jeweils 17 Prozent. BASF, Beiersdorf, BMW, Linde und Fresenius kommen auf 14 Prozent, Continental, die Deutsche Post und Volkswagen auf 13 Prozent. Einen Frauenanteil von 11 Prozent im Vorstand verzeichnen die Deutsche Bank und Münchner Rück.

  • Frauenanteil in den Vorständen insgesamt: 9,3 Prozent (+1,3 Prozent im Vergleich zu 2018)
  • Frauenanteil in den Dax-30-Vorständen: 14,7 Prozent (+1,3 Prozent)
  • Frauenanteil in den M-Dax-Vorständen: 9,1 Prozent (+2,3 Prozent)
  • Frauenanteil in den S-Dax-Vorständen: 5,4 Prozent (+0,3 Prozent)

Insgesamt sechs Unternehmen im Dax ist es nicht gelungen, Frauen in den Vorstand zu holen: Bayer, Eon, Heidelberg Cement, Infineon, RWE sowie Thyssen-Krupp (seit dem 4. September im Dax ersetzt durch MTU Aero Engines, ebenfalls ohne Frau). Und nachdem Medigene den Index verlassen hat, haben nur noch drei von 160 Unternehmen eine weibliche Vorstandsvorsitzende: DIC Asset mit Sonja Wärntges, Grenke mit Antje Leminsky und die HHLA mit Angela Titzrath.

Die Zahl der Unternehmen, die bereits eine oder mehrere Frauen im Vorstand haben (57), entspricht fast genau der Zahl der Unternehmen, die mit der Zielgröße „Null Frauen im Vorstand“ planen (58).

Deutschland hinkt hinterher

„Wird das jetzige Tempo beibehalten, ist ein 40-prozentiger Frauenanteil in den Vorständen erst in 22 Jahren erreicht“, erläutern die Stiftungs-Geschäftsführer Wiebke Ankersen und Christian Berg die aktuellen Ergebnisse. „Von Vielfalt ist Deutschland noch weit entfernt. Es ist eine sehr träge Masse, die sich da gerade in Bewegung setzt.“ Würde man jedoch ebenso viele Frauen wie Männer in Zukunft rekrutieren, wäre ein Frauenanteil von 40 Prozent in den Vorständen schon 2023 erreicht – also schon in vier Jahren. Ankersen: „Dass Frauen nun für das Top-Management entdeckt werden, geschieht mit einiger Verspätung, und es gibt viel aufzuholen.“

Vergleicht man den Frauenanteil in den Vorständen der 30 großen Dax-Konzerne mit dem der Großunternehmen in Frankreich, Großbritannien, Polen, Schweden und den USA, ist Deutschland nun zwar nicht mehr Schlusslicht wie noch im letzten Allbright-Bericht. Der Abstand zum Spitzenreiter USA hat sich jedoch seit 2018 noch vergrößert. Das Veränderungstempo ist dort, ebenso wie in Frankreich, höher.

So haben 90 Prozent der Großunternehmen in den USA bereits mehrere Frauen im Vorstand – in Deutschland ist das mit 17 Prozent die Ausnahme. Und Deutschland ist nach wie vor das einzige Land im Vergleich, in dem kein einziges Großunternehmen einen Frauenanteil von 30 Prozent im Vorstand erreicht.

Erstmals mehr Frauen als Thomasse & Michaels

Beschäftigt man sich mit den Ursachen der ungleichen Geschlechterverteilung, kommt man nicht an der gängigen Rekrutierungspraxis und am „Thomas-Kreislauf“ vorbei. Geprägt hat den Begriff ebenfalls die Allbright-Stiftung, als sie in ihrem Bericht 2017 zum Ergebnis kam, dass Thomas der mit Abstand häufigste Vorname in den Vorständen und Aufsichtsräten der deutschen börsennotierten Unternehmen ist.

Der Durchschnitts-Vorstands-Thomas ist logischerweise männlich, um die 50 und Wirtschaftswissenschaftler. Oder wahlweise Ingenieur. Und häufig rekrutieren die Unternehmen so, als sei nur ein männlicher, 53-jähriger, westdeutscher Betriebswirt in der Lage, im Vorstand eines Unternehmens mitzuwirken. Je höher in der Hierarchie man schaut, desto seltener werden Top-Positionen konkret ausgeschrieben. Stattdessen werden die „Vorstands-Thomasse“ eher „nach Bauchgefühl“ rekrutiert. Die Unternehmen gehen also auf Nummer sicher und orientierten sich an dem, was schon in der Vergangenheit funktioniert hat.

Thomas ist auch im September 2019 der häufigste Name in den deutschen Vorständen börsennotierter Unternehmen – sieben Vorstandsvorsitzende heißen Thomas, nur drei Vorstandsvorsitzende sind Frauen. Erstmals jedoch gibt es in den Vorständen insgesamt mehr Frauen (66) als Thomasse und Michaels (58). Um die Zahl der Frauen aufzuwiegen, muss zu Thomas und Michael nun Stefan, der dritthäufigste Name, hinzugezählt werden. Der häufigste Name bei den weiblichen Vorständen ist Susanne (3).

„Es kommt jetzt darauf an, noch engagierter an einer Erhöhung des Frauenanteils in den Vorständen zu arbeiten, damit Deutschland endlich Anschluss findet an den internationalen Standard“, kommentieren Ankersen und Berg. „Unternehmen sollten Frauen nicht nur fördern, sondern einfach konsequent befördern. Die Politik sollte das Ehegattensplitting abschaffen, mehr 'Vätermonate' beim Elterngeld einführen und im Öffentlichen Dienst einen vorbildhaften Frauenanteil von 40 Prozent in Führungspositionen durchsetzen. Und eine kritische Öffentlichkeit kann über Konsumverhalten und Arbeitsplatzwahl ihre Macht nutzen und Chancengleichheit in den Unternehmen ebenso einfordern wie sie es beispielsweise beim Thema Nachhaltigkeit tut.“

In jedem Jahr werden rund 100 Vorstandsposten in den 160 börsennotierten Unternehmen neu besetzt. Allbrights Weiße, Graue und Schwarze Liste geben einen schnellen Überblick: Welchen Firmen gelingt es am besten, Frauen zu finden und zu halten, und welche sind damit besonders attraktiv für Männer und Frauen, die auf eine offene und inklusive Unternehmenskultur Wert legen?

Im September 2019 erfüllen nur drei von 160 Unternehmen das Kriterium für Allbrights so genannte Weiße Liste – ein Frauenanteil von mindestens 40 Prozent auf Vorstandsebene: Ceconomy (S-Dax), Pfeiffer Vacuum (S-Dax) und die Kion Group (M-Dax).

Eine Pflicht für Firmen, ihre Vorstände ausgeglichen zu besetzen, gibt es nicht. Eine gesetzliche Frauenquote gilt nur für Aufsichtsräte. Dort sind die deutschen Unternehmen laut der Allbright-Untersuchung auf einem guten Weg.

  • Frauenanteil in den Aufsichtsräten insgesamt: 31,5 Prozent (+1,0 Prozent im Vergleich zu 2018)
  • Frauenanteil in den Dax-30-Aufsichtsräten: 35,4 Prozent (+1,7 Prozent)
  • Frauenanteil in den M-Dax-Aufsichtsräten: 32,1 Prozent (+1,0 Prozent)
  • Frauenanteil in den S-Dax-Aufsichtsräten: 28 Prozent (-0,3 Prozent)