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Unsere Top-Aktien aus Deutschland für das aktuelle Jahrzehnt

Sven Vogel, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Der Jahreswechsel hat mal wieder alle Börsenexperten dazu verleitet, die Top- oder Flop-Aktien für das Jahr 2020 zu küren. Das ist zwar ein spaßiger Zeitvertreib, wird im Ergebnis aber oftmals eher von Glück oder Pech bestimmt. Denn frei nach Warren Buffett ist die Börse kurzfristig nichts anders als ein Schönheitswettbewerb, den man nur schwer vorhersagen kann. Langfristig wird der Erfolg an der Börse dennoch von der wirtschaftlichen Entwicklung des hinter den Aktien stehenden Unternehmens bestimmt. Daher denken drei Foolishe Analysten heute weiter als nur bis zum nächsten Jahreswechsel und stellen ihre drei Top-Aktien aus Deutschland für das neue Jahrzehnt vor.

Diese Aktie bietet geringe Risiken und großartige Chancen in einem

Sven Vogel: Wenn man sich eine Aktie für ein ganzes Jahrzehnt aussuchen soll, dann ist eine Möglichkeit, nach Aktien Ausschau zu halten, die einerseits wenig Rückschlagspotenzial haben, andererseits aber auch ein möglichst großes Aufwärtspotenzial besitzen. Also möglichst wenig Risiken bei größtmöglichen Chancen. Das klingt zwar nach der Quadratur des Kreises, beim deutschen Mittelstandsinvestor MBB (WKN: A0ETBQ) bin ich aber sehr zuversichtlich, so etwas gefunden zu haben.

Heute erwirtschaftet der MBB-Konzern mit sieben Beteiligungen einen konsolidierten Jahresumsatz von rund 660 Mio. Euro, wovon regelmäßig etwa 10 % als Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) übrig bleiben sollten. Diese Zahlen werden von sieben Beteiligungen erwirtschaftet, die in der Vergangenheit allesamt deutlich gewachsen sind und sich über den Tiefbau für Energieinfrastruktur (Vorwerk), Automobilzulieferer (Delignit) und Maschinenbauer (Aumann) bis hin zu Servietten- (Hanke) und Matratzenherstellern (CT Formpolster) oder IT-Security-Dienstleistern (DTS IT) erstrecken. Auf Holding-Ebene wird all das ohne Fremdkapital finanziert, und selbst wenn man die Finanzverbindlichkeiten der Beteiligungen von den kurzfristig verfügbaren Finanzmitteln abzieht, bleibt im Konzern eine Nettoliquidität von 160 Mio. Euro übrig.

Dieses Paket bekommt man derzeit für eine Marktkapitalisierung von rund 450 Mio. Euro. Eine sehr vernünftige Bewertung, die in Verbindung mit der konservativen Finanzierung eine großartige Absicherung nach unten bietet. Kommen wir daher nun zu den Chancen für die nächsten zehn Jahre.

In den vergangenen zehn Jahren schaffte MBB eine Verzehnfachung des Aktienkurses. Das Geheimnis dieses Erfolges lag in der geschickten Kapitalallokation. Durch die geschickte Kombination unterschiedlicher Unternehmen unter dem MBB-Dach konnten wahnsinnige Wertsteigerungen erzielt werden. Zuletzt beim Aumann-Börsengang, bei dem ein Vielfaches dessen eingenommen wurde, was man für die Vorgängerunternehmen zunächst bezahlt hatte. Wenn dieses Erfolgsrezept in Zukunft fortgesetzt werden kann, dann ist eine nochmalige Vervielfachung in den kommenden zehn Jahren durchaus möglich.

Die Cash-Cow mit dem gewissen Turbo

Ralf Anders: Ja, mit einer soliden Beteiligungsgesellschaft kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Ich habe mich allerdings in einer ganz anderen Branche umgeschaut.

Einige der besten Investitionsgelegenheiten der letzten Jahre drehten sich schließlich um Stichworte wie Cloud und SaaS. Unternehmen, die dort attraktive Lösungen entwickeln und mächtig in die Vermarktung investieren, können unheimlich schnell wachsen und profitieren von zuverlässigen Abo-Zahlungen ihrer treuen Kundschaft bei hohen Bruttomargen. Dafür muss allerdings erst eine gewisse Schwelle überschritten werden. Daran scheitern viele früher oder später, weshalb den wahnsinnigen Chancen auch halsbrecherische Risiken gegenüberstehen.

Es gibt jedoch ein Unternehmen, das seit vielen Jahren zuverlässig profitabel wirtschaftet und im laufenden Jahrzehnt trotzdem genau von diesem exponentiellen Mechanismus profitieren dürfte: die Software AG (WKN: A2GS40). Sie gilt als der älteste noch existierende Anbieter von Standardsoftware und hat folglich fast die komplette Entwicklung der modernen Informatik miterlebt und mitgestaltet – und sich dabei mehrfach neu erfunden.

Zuletzt gelang das durch die Übernahme von wegweisenden Start-ups wie Cumulocity, TrendMiner und Build.io, die das teilweise zu verstauben drohende Software-Portfolio gewaltig aufgefrischt haben. Zudem wurde Cumulocity-Gründer Bernd Gross zum Technikchef ernannt sowie mit Sanjay Brahmawar ein CEO geholt, der zuvor für Internet-der-Dinge-Anwendungen der IBM (WKN: 851399)-Sparte Watson zuständig war. Seit knapp zwei Jahren trimmen die beiden den gesamten Konzern auf Wachstum und haben operativ bereits eine Menge erreicht.

Trotz aller Veränderungen bleibt die DNA im Kern erhalten: Die Software AG ist der langfristige und eng verwobene Partner seiner Kunden, der essenzielle Technologien bereitstellt, damit die Anwendungslandschaft flüssiger integriert werden kann und die richtigen Informationen zu den richtigen Adressaten gelangen. Ein wichtiger Unterschied ist allerdings, dass nun auch der Datenfluss zwischen Sensor und Cloud einbezogen wird, und das Ganze angereichert mit künstlicher Intelligenz und viel smarter Funktionalität.

Das Produktportfolio enthält Lösungen, die jährlich mit über 100 % wachsen, und andere, die zwar stagnieren, aber dafür hohe Margen abwerfen. In Kombination mit der sehr robusten Bilanz und der moderaten Aktienbewertung ergibt das für mich eine Mischung, die auf Zehnjahressicht ausgezeichnete Perspektiven eröffnet. Kannst du das noch toppen, Caio?

Früher mündelsicher, zukünftig wieder mündelsicher?

Caio Reimertshofer: Ob ich eure zwei Ansätze toppen kann, wird wohl nur die Zukunft zeigen, Ralf. Was ich jedenfalls denke, ist, dass E.ON (WKN: ENAG99) innerhalb der kommenden zehn Jahre wieder zu einer echten Größe heranreifen könnte. Wenn mein Vater und ich über die deutschen Energieversorger sprechen, fällt in der Regel das Wort „mündelsicher“. Das bedeutet, dass die Aktien von Unternehmen wie E.ON oder der RWE früher als so sicher galten, dass man quasi einfach Aktien kaufen konnte und diese ewig gehalten hat.

Das dachte sich wohl nicht nur mein Vater, denn Strom wird einfach immer benötigt, weshalb das Geschäftsmodell in seinem Kern mehr oder weniger unverwüstbar sein sollte. Dachte man jedenfalls, bis Frau Merkel sich dazu entschied, die Energieversorgung in Deutschland massiv auf den Kopf zu stellen. Das führte auch zu massiven Kursverlusten bei E.ON.

E.ON ist eher eine langweilige Investition, könnte man meinen. Bis zu einem gewissen Punkt möchte ich dieser Aussage auch zustimmen. Überlegt man sich aber, dass E.ON nach der innogy-Übernahme zu einem großen Akteur im deutschen und europäischen Netzbetrieb wird, könnte durchaus etwas Spannung in die Aktie kommen.

Als Netzbetreiber verdient man sein Geld dadurch, sicherzustellen, dass der Strom von Erzeuger zu Verbraucher kommt – dadurch, dass Strom immer irgendwo gebraucht wird, für mich ein sicheres Geschäftsmodell, vor allem, weil man gewissermaßen unabhängig davon ist, wie der Strom erzeugt wird.

Sollte sich das Zukunftsthema Smart Grid (intelligentes Stromnetz) auch hierzulande im Laufe der kommenden Jahre manifestieren, könnte das eine große Chance für E.ON sein. Bei den intelligenten Stromnetzen erfolgt die Kombination von Erzeugung, Speicherung und Verbrauch von Strom. Eine zentrale Stelle (hier wäre das E.ON als Netzbetreiber) reguliert und optimiert die Fluktuation des Stromes durch die Netzleitungen. Das könnte dann sogar auf private Haushalte zutreffen, die überschüssigen Strom selbst verkaufen möchten und E.ON sozusagen für die Vermittlung benötigen.

Zusätzlich positioniert sich E.ON in Sachen Ladenetze sehr attraktiv und könnte demnach zukünftig von der Entwicklung der E-Mobilität profitieren. Dadurch, dass dies alles Themen sind, die nicht von heute auf morgen erledigt werden, sehe ich E.ON als langfristigen Gewinner. Ein Zehnjahreszeitraum klingt für mich durchaus realistisch. Schön ist zudem auch, dass man währenddessen von einer attraktiven Dividende profitiert, bis die möglichen Kursgewinne einsetzen.

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Sven besitzt Aktien von IBM und MBB. Ralf besitzt Aktien der Software AG. Caio besitzt Aktien von E.ON und RWE. The Motley Fool empfiehlt Software AG. 

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