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Mit dem Tool dieser Gründer sparen sich Ladenbesitzer stundenlanges Googeln

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Max Verduyn, Joost Brugmans und Menno Wolvers haben Orderchamp Anfang 2019 in Amsterdam gegründet (v.l.).
Max Verduyn, Joost Brugmans und Menno Wolvers haben Orderchamp Anfang 2019 in Amsterdam gegründet (v.l.).

Wenn die Mitarbeiter des Startups Orderchamp auf ein Feierabendbier anstoßen wollen, dann haben sie es nicht weit. Denn ihr Büro liegt im Zentrum Amsterdams – und war vor zwei Jahren noch ein Restaurant. Die Gesichter einiger Musik-Legenden wie Jim Morrison und Jimi Hendrix zieren die rote Backsteinwand im Innenraum des Büros. Durch den Raum zieht sich eine Bar mit Gläsern, Bier- und Weinflaschen. Drumherum: Schreibtische, Stühle und Computermonitore, die in diesen Tagen besonders auf Hochtouren laufen.

Denn es ist wieder so weit: Der Black Friday lädt in dieser Woche Millionen Menschen dazu ein, Geld auszugeben. Laut einer Studie der IFH Köln finden die meisten Transaktionen online über Amazon statt. Demnach haben 89 Prozent der befragten Teilnehmer angegeben, über das Rabattwochenende bei dem US-Onlineriesen zu bestellen. Damit können viele stationäre Geschäfte jedoch nicht mithalten. Innenstädte werden so zunehmend vom Onlinehandel abgehängt. Verwaiste Fußgängerzonen sind aus Sicht von Kritikern die Folge.

Ohne Recherche und Messebesuch kein neues Sortiment

Damit sich dieser Trend nicht fortsetzt, möchte Orderchamp den lokalen Einzelhandel mit seinem digitalen Marktplatz stärken. Er soll es Einzelhändlern und internationalen Markenfabrikanten erleichtern, miteinander Geschäfte zu machen. Das war bisher nicht so einfach wie vielleicht gedacht: Für ihr Sortiment müssten Ladenbesitzer viel Geld und Recherche nach neuen Produkten stecken, etwa indem sie Messen besuchen oder aufwendig das Web durchforsten, erklärt Co-Gründer Joost Brugmans im Gespräch mit Gründerszene.

Diese Arbeit fällt bei Orderchamp größtenteils weg. Auf der Plattform können Händler aus 400.000 Produkten auswählen – von Möbeln über Essen, Trinken und Schreibtischwaren bis hin zu Schmuck und Accessoires. Das Startup unternimmt dabei eigene Prüfungen und achtet darauf, dass die Marken bestimmte Qualitätskriterien erfüllen und daher etwa bio, handgemacht oder sozial verantwortlich hergestellt sind. Zudem favorisiert Orderchamp Marken, die nicht auf gängigen B2C-Plattformen wie Amazon oder Ebay angeboten werden. Das spare Zeit, garantiere aber dennoch passende Artikel zu hoher Qualität, wie Brugmans versichert.

Brugmans, der im nordrhein-westfälischen Kamp-Lintfort geboren wurde, aber in den Niederlanden aufwuchs, hat Orderchamp gemeinsam mit seinen Freunden Max Verduyn und Menno Wolvers Anfang 2019 gegründet. Die drei arbeiteten zuvor für die Software-Firma Lightspeed. Nachdem das Unternehmen im vergangenen Jahr an die Börse ging, widmete sich das Trio einem neuen Projekt: der Digitalisierung des Großhandels.

Mehrere Millionen Umsatz pro Monat

Orderchamp betreut derzeit über seine Plattform mehr als 75.000 Einzelhändler und etwa 4.500 Marken aus ganz Europa. Punkten möchte das Unternehmen bei Kunden vor allem mit guten Konditionen. So sollen Einzelhändler Ware auch in kleinen Mengen bestellen können, um zu testen, ob sich die Produkte überhaupt verkaufen. Der Mindestbestellwert liegt je nach Marke daher bei unter hundert Euro. „Ansonsten laufen Einzelhändler Gefahr, auf den Waren sitzen zu bleiben“, warnt Brugmans. Bezahlmethoden wie „Buy Now, Pay Later“ bietet das Startup zusätzlich an, wodurch Ladenbesitzer ihre Transaktionen bis zu 60 Tage aufschieben können.

Brugmans zufolge mache Orderchamp bereits mehrere Millionen Euro Umsatz im Monat, konkreter will er darauf jedoch nicht eingehen. Das Startup verdient an den Einkäufen der Einzelhändler. Beim ersten Einkauf verlangen die Gründer eine Provision von etwa 18 Prozent. Bei einem Einkaufspreis von 100 Euro sind das also 18 Euro. Für darauffolgende Transaktionen fallen Gebühren in Höhe von zwölf Prozent pro Einkauf an.

Im Mai dieses Jahres sammelten die Gründer im Rahmen einer Series-A-Finanzierungsrunde 16,8 Millionen Euro von prominenten Investoren ein. Unter anderem vom Risikokapitalgeber Prime Ventures, der ebenfalls am Lieferstartup Lieferando beteiligt ist.

Die Bar, die sich durch das Büro zieht, ist unschwer zu erkennen. Das Startup baute das Restaurant in ein Büro um.
Die Bar, die sich durch das Büro zieht, ist unschwer zu erkennen. Das Startup baute das Restaurant in ein Büro um.

Mit der Finanzspritze hat Orderchamp nun sein Berliner Büro geöffnet, in der Factory in Berlin-Treptow. Eigentlich sei das schon vor zwei Jahren geplant gewesen. „Wir haben seit unserer Gründung viele Einzelhändler aus Deutschland bedient“, erzählt Brugmans. Doch aufgrund der Corona-Pandemie habe das Unternehmen den Termin immer wieder verschieben müssen. Maximilian Gassner leitet das Deutschlandgeschäft. Bis Ende des nächsten Jahres solle das Team von derzeit fünf auf rund 20 Mitarbeiter wachsen, so Gassner. Insgesamt beschäftigt Orderchamp rund 75 Mitarbeiter, die meisten davon arbeiten in Amsterdam.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Allerdings versuchen immer mehr Anbieter, die den Großhandel digitalisieren, in Deutschland Fuß zu fassen. Im letzten Jahr ist etwa die französische Einkaufsplattform Ankstore in Deutschland gestartet. Das Startup wird finanziell unter anderem von dem Risikokapitalgeber Index Ventures unterstützt, der außerdem in Plattformen wie Deliveroo und Facebook investiert ist. Das US-Unicorn Faire hat in diesem Jahr ebenfalls sein Geschäft in Deutschland aufgenommen und bedient bereits über 250.000 Einzelhändler in den USA und Europa.

So gern Brugmans, seine beiden Co-Gründer sowie die Mitarbeiter an ihrem Büro, das früher mal ein Restaurant gewesen ist, festhalten wollen: Für weiteres Wachstum stellt Orderchamp weiter Mitarbeiter ein. Früher oder später werde die junge Firma sein Hauptquartier also an einen anderen Ort verlegen müssen.

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