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„Li Wenliangs Tod ist eine Schande“ – In China bricht sich die Wut Bahn

Der 33-jährige Arzt aus Wuhan hatte als erster vor dem Virus gewarnt, wurde von den Behörden aber als Unruhestifter gebrandmarkt. Sein Tod wühlt ganz China auf.

Die letzten Wochen des 33-jährigen Li Wenliang könnte man in folgenden Sätzen zusammenfassen: „Er sprach eine Warnung aus. Er wurde getadelt. Er wurde angesteckt. Er war mutig. Er starb“, schreibt eine Nutzerin am späten Donnerstagabend bei WeChat, dem chinesischen WhatsApp. Mit ihrer Trauer ist sie nicht alleine.

Der Arzt aus Wuhan hatte bereits Ende Dezember auf das damals noch unbekannte Coronavirus aufmerksam gemacht. Wenige Tage später wurde er prompt von der lokalen Polizei als „Gerüchteverbreiter“ gerügt. Vor etwa vier Wochen infizierte er sich selbst mit dem Coronavirus, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag verstarb der Arzt.

Die ganze Nacht über und noch am Freitag brachten die Nutzer auf WeChat und Weibo, dem chinesischen Twitter, ihre Trauer und Wut über seinen Tod zum Ausdruck. Sie teilten Porträts von Li mit Mundschutz, darüber posteten sie Emojis von weinenden Gesichtern, Kerzen oder Tränen.

„Li Wenliangs Tod ist eine Schande“, schreibt Windlike20. „Ein Medizinstudium reicht nicht, um die Menschen Chinas zu retten“, wird der gelernte Arzt und einer der berühmtesten Autoren Chinas, Lu Xun, immer wieder zitiert und mit Bild weitergeteilt.

„Hierbei handelt es sich nicht nur um eine Gesundheits- sondern um eine politische Krise”, meint Suisheng Zhao, Leiter des Center for US-China Cooperation an der University of Denver. Die Heftigkeit der Reaktion erinnert an jene nach dem Zugunglück von Wenzhou und dem Erdbeben von Wenchuan, als die Bürger nach Verantwortlichen suchten, die Schuld am Ausmaß der Katastrophe hatten.

Aber es gebe einen entscheidenden Unterschied, findet Bill Bishop, China-Experte bei der amerikanischen Nachrichtenseite Axios. „Die anderen Unglücke waren für viele Chinesen weit weg. Das Coronavirus betrifft jeden persönlich“, schreibt er auf Twitter. Tausende haben einen Artikel mit dem Titel „Der gewöhnliche Li Wenliang“ geteilt.

Die Menschen identifizieren sich mit Li. Denn der Augenarzt, der ein Kind und eine schwangere Ehefrau zurücklässt, hatte nie politische Ambitionen. Er wollte kein Whistleblower sein.

Als er Ende Dezember in einer privaten Chatgruppe vor einer unbekannten Lungenkrankheit warnte, wollte er vor allem, dass sich seine Arzt-Kollegen besser auf der Arbeit schützen. Er bat sogar darum, seine Warnung nicht öffentlich weiterzuverbreiten. Jemand tat es doch.

Schon am nächsten Tag wurde er von seinem Arbeitgeber einbestellt, gerügt und dazu aufgefordert, eine Selbstkritik vorzunehmen. Die Abmahnung der örtlichen Polizei folgte drei Tage später und bezichtige ihn, „Gerüchte“ weiterverbreitet zu haben.

Li musste ein Dokument unterzeichnen, und versprechen, nichts mehr über das Virus zu enthüllen. Es dauerte noch mehr als zwei Wochen, bis seine Warnung dann auch von Peking ausgesprochen wurde.

Genau dies macht nun so viele Bürger in China wütend. „Weil er ‚Gerüchte‘ geschaffen hat, hat er sein Leben verloren“, schreibt Jessicawei6 und bezichtigt danach die Behörden, herzlos und unmenschlich gehandelt zu haben. „Wären Maßnahmen schon damals getroffen worden, wären nicht so viele tot“, heißt es von dem User 13_Behappy. „Der Mundschutz kann unsere Lippen aber kann es auch unser Herz verdecken“, meint Qiujier De Haier.

Gleichzeitig mehren sich die Rufe nach mehr Meinungsfreiheit. Innerhalb kürzester Zeit gab es Millionen Posts mit dem Hashtag „Wir wollen mehr Redefreiheit“. Nachdem die damit assoziierten Posts gelöscht wurden, versammelten sich die Menschen unter dem neuen Hashtag „Wir fordern mehr Redefreiheit“.

Ein Bild mit einem Satz, den Li in einem Interview mit dem renommierten Wirtschaftsmagazin Caixin gesagt hatte, wird immer wieder gepostet: „In einer gesunden Gesellschaft sollte es mehr als eine Stimme geben.“ Gleichzeitig fordert das Magazin in einem Kommentar, dass es für Whistleblower einen besseren institutionellen Schutz geben muss.

Andere wiederum drückten ihr Misstrauen gegenüber der Regierung aus: „Wir wissen, dass sie lügen. Sie wissen auch, dass sie lügen. Sie wissen, dass wir wissen, dass sie lügen. Wir wissen auch, dass sie wissen, dass wir wissen, dass sie lügen. Und trotzdem lügen sie“, heißt es in einem anderen viel geteilten Post.

Noch nicht einmal der Zeitpunkt des Todes ist vielen geheuer. Denn die ersten Meldungen über Lis Tod erschienen bereits am Donnerstagabend. Kurz nach Mitternacht jedoch behauptete sein Arbeitgeber, dass sie noch dabei seien, lebensrettende Maßnahmen durchzuführen.

Erst tief in der Nacht wurde sein offizieller Tod verkündet. „Glaubt nicht, dass ihr seinen Tod mit dieser Uhrzeit vor uns verbergen könnt“, kommentiert ein Nutzer namens Xiangshang Boshi de Haigui auf dem sozialen Netzwerk Weibo.

Zentralregierung will Kontrolle über Trauer gewinnen

Nun versucht Chinas Zentralregierung, Kontrolle über die kollektive Trauer und Wut zu gewinnen, bevor sie explosiv wird. „Sollten die negativen Gefühle weiter existieren und wachsen können, wäre es nicht gut für das Image der Kommunistischen Partei Chinas und des Staats- und Parteichefs Xi Jinpings”, sagt Deng Yuwen, der ehemalige Vize-Chefredakteur der Parteizeitung Study Times. Noch am Freitag, so teilten die Staatsmedien mit, entsandte Chinas Nationale Aufsichtsbehörde ein Aufklärungsteam in die zentralchinesische Metropole, um „die Fragen des Volkes“ zu den Vorfällen zu untersuchen.

Das Staatsfernsehen versuchte sofort, die Stimmung im Volk widerzuspiegeln, indem es Li Wenliang als „einfachen Helden“ und „ausgezeichneten Repräsentanten“ des medizinischen Berufsstandes lobte. Das Staatsfernsehen feiert ihn als „Whistleblower“, obwohl das kommunistische System sonst niemanden ermutigt, Probleme oder Missstände zu enthüllen.

„Einige der Erfahrungen, die Li Wenliang in seinem Leben gemacht hat, spiegeln unsere Unzulänglichkeiten und Defizite in der Vorbeugung und Kontrolle von Epidemien wider“, kommentierte das Staatsfernsehen. „Wir müssen voneinander lernen.“

Auch das Krisenmanagement müsse verbessert werden. Genau so hatte es diese Woche das Politbüro unter Vorsitz von Chinas Präsidenten Xi Jinping schon formuliert. Die Botschaft lautet: Wir hören euch, wir sind bei euch und kümmern uns um solche Probleme.

Ziel wird es wohl sein, die Wut der Bürger weiterhin auf die lokale Regierung zu lenken. Dabei kommt der Zentralregierung zugute, dass die eigenen Instanzen, darunter auch Ärzte der Expertenkommission zur Eindämmung des Virus sowie das Oberste Gericht, bereits Ende Januar Li Wenliang zur Ehrenrettung beigesprungen waren und ihn zum „aufrichtigen Charakter“ erklärt hatten.

So schreibt ein Richter des Obersten Gerichtes, dass die Epidemie leichter in den Griff zu bekommen gewesen wäre, „wenn die Öffentlichkeit den ‚Gerüchten‘ damals geglaubt und ... angefangen hätte, Masken zu tragen, streng zu desinfizieren und den Wildtiermarkt zu meiden.“

Hu Xijin, Chefredakteur der nationalistischen Zeitung Global Times, wiederum fordert: „Die Stadt Wuhan schuldet Li Wenliang eine Entschuldigung. Und die Funktionäre Wuhans und Hubeis schulden Hubei und den Bürgern dieser Nation eine Entschuldigung.“

Ob die chinesische Zentralregierung, die ein System geschaffen hat, in dem Redefreiheit nicht existiert und Vertuschung statt Transparenz die Normalität ist, auch den Bürgern dieser Nation eine Entschuldigung schuldet, erwähnt er nicht.