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Tier Mobility schickt Coup-Mopeds auf die Straße

Die Elektro-Mopeds von Coup gehören künftig dem Scooter-Start-up. Der Deal zeigt: Sharing-Anbieter suchen weiter nach einem profitablen Mix in ihrer Flotte.

Mit Bewunderung hatten Branchenbeobachter auf das Projekt verwiesen: Hinter Coup, dem Sharing-Dienst für E-Mopeds, stand schließlich der Traditionskonzern Bosch, der mit Hilfe von BCG Digital Ventures das junge Unternehmen 2016 auf die Straße gebracht hatte. Drei Jahre lang standen in Berlin, Paris, Madrid und Tübingen die Fahrzeuge zur Ausleihe mit minutengenauer Abrechnung bereit. Doch trotz einer Preiserhöhung im vergangenen Sommer, die unter regelmäßigen Nutzern für viel Unmut gesorgt hatte, schienen Profite nicht in Sicht zu sein. Auf dem hart umkämpften Markt sei der teure Betrieb der Miet-Elektro-Mopeds „langfristig wirtschaftlich nicht möglich“, hieß es Ende November.

Tier kauft 5000 Mopeds – aber nicht die Marke

Ein ehrgeiziger Angreifer will es jetzt besser machen: Das Mobilitäts-Start-up Tier Mobility übernimmt 5000 E-Mopeds samt der Ladeinfrastruktur von Coup, wie heute bekannt wurde. Wie viel Geld Tier dafür auf den Tisch legt, ist unklar. Reserven sollten jedoch vorhanden sein: Erst vor wenigen Tagen hatte das Berliner Start-up bekannt gegeben, dass es seine jüngste Finanzierungsrunde noch einmal um fast 40 Millionen Euro aufgestockt hatte.

Die Marke Coup wird durch den Kauf verschwinden. Das Umlackieren sollte dabei verhältnismäßig einfach gelingen. Schon zuvor hatten sowohl Scooter- als auch Moped-Anbieter ihre Fahrzeuge in schwarz und grün gebrandet. Klar ist: Es kommt mehr Arbeit auf das aktuell etwa 450-köpfige Tier-Team zu. Denn von den zuletzt etwa 120 Mitarbeitern bei Coup werde auf Grundlage der Übernahme-Vereinbarung niemand zum Start-up wechseln, heißt es auf Nachfrage der WirtschaftsWoche.

Von Mai an sollen die Elektro-Mopeds dann vorerst in Berlin über die Tier-App buchbar sein – neben den E-Scootern, die seit vergangenem Frühsommer für viel Gesprächsstoff sorgen. Diese Plattform-Strategie mit mehreren integrierten Verkehrsmitteln nutzen auch andere Unternehmen. Fahrtenvermittler Uber hat im vergangenen Jahr seine knallroten Jump-Bikes nach Deutschland gebracht. US-Anbieter Lime hat Elektro-Scooter und Leihfahrräder in seiner App. Dazu kommen Versuche, unter einer eigenen Marke möglichst viele Mobilitäts-Angebote zu bündeln. Die Berliner Verkehrsbetriebe integrieren etwa in ihrer „Jelbi“-App seit vergangenem Jahr öffentliche Verkehrsmittel, Scooter, Räder und Ridesharing-Dienste.

Das Kalkül dieser Anbieter: Je mehr Möglichkeiten zur Fortbewegung die Nutzer in einer Anwendung finden, desto eher bleiben sie dem jeweiligen Dienst treu. Denn die Loyalität der Kunden ist bislang meist begrenzt. Durch die hohe Konkurrenz sind die Preise in der Regel vergleichbar, gebucht wird das Fortbewegungsmittel, das in unmittelbarer Nähe zur Verfügung steht - und sich ohne großen Aufwand mieten lässt. „Viele Kunden wünschen sich ein etwas schnelleres Fahrzeug für Mittelstrecken von vier bis zehn Kilometern“, argumentiert etwa Tier-Mitgründer Lawrence Leuschner. „Diesen Menschen können wir jetzt ein sehr gutes Angebot mit hochwertigen Fahrzeugen machen.“

Andere Unternehmen setzen – zumindest aktuell – weiter auf eine Spezialisierung: Erst vor wenigen Wochen hatte das US-Unternehmen Bird das deutsche Start-up Circ übernommen. Dort werden nur elektrische Roller vermietet. Emmy aus Berlin hingegen betreibt eine Flotte von etwa 2000 Elektro-Mopeds, die in fünf deutschen Städten sowie in Wien bereitstehen.

Jenseits von großen Visionen für eine neue Mobilität in Städten müssen sich die Geschäftsmodelle nun erst einmal beweisen. Denn das Sharing-Geschäft ist teuer: Zum einen kosten die Fahrzeuge selbst viel Geld in der Anschaffung, zum anderen muss für jede neue Stadt ein eigenes Team für Wartung und Logistik aufgebaut werden. Tier ist überzeugt, dass sich der neue Mobilitäts-Mix auszahlt. Man habe bereits wertvolle Erfahrung bei den E-Scootern gesammelt, sagt Leuschner. „Diese können wir nun auch im Bereich des E-Mopeds effektiv einsetzen.“

Bei der Ladelogistik sieht Tier entscheidende Vorteile für sich. Aktuell rüstet das Start-up seine Roller-Flotte auf Wechselakkus um. Damit müssen die Fahrzeuge nicht mehr jede Nacht eingesammelt, aufgeladen und wieder aufgestellt werden. Im Idealfall könnten die Mitarbeiter bei ihren nächtlichen Wartungstouren zukünftig auch die Coup-Roller überprüfen. Kurz vor der Einstellung des Dienstes hatte der Sharing-Anbieter noch einen Akku-Austausch durch die Nutzer getestet: Wer auf seiner Tour mit halbleerer Batterie an einer vor zwei Service-Stationen vorbeikam, konnte den Akku selbst wechseln. Als Dankeschön wurden Freiminuten gutgeschrieben. Vor wenigen Tagen war zudem bekannt geworden, dass Tier das britische Start-up Pushme Bikes übernimmt. Das arbeitet daran, den Batteriewechsel in E-Mobilitäts-Flotten zu vereinfachen.

Damit sich die Coup-Übernahme auszahlt, müssen aber  zumindest mittelfristig die Nutzerzahlen noch deutlich steigen. Auch dafür sieht sich Tier gewappnet. Der Anbieter hofft auf einen kostengünstigen Werbeeffekt: Durch den „breiten Kundenkreis“ in der eigenen App sehe man die „Grundlage für einen wirtschaftlichen Betrieb der neuen Flotte gegeben“, heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung. Die Roller gibt es zurzeit bereits in mehr als 30 deutschen Städten, dazu kommen Großstädte in elf anderen europäischen Ländern – ob und wie schnell die Tier-Mopeds hinterherfahren, ist noch unklar.