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Tief stapeln, positiv überraschen: Wie Daimler plötzlich bei Investoren punktet

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Mit einem Gewinn von drei Milliarden Euro verzückt der Autobauer seine Anleger. Die Aktie legt kräftig zu. Dahinter steht eine wohlkalkulierte Strategie.

Unter Investoren hat Daimler seit jeher einen zweifelhaften Ruf. Mancher Großaktionär empfahl dem Autobauer gar, künftig einfach gar keine Prognose mehr zum Geschäftsverlauf abzugeben. Zu oft stimmte der Dax-Konzern seine Anleger in den vergangenen Jahren erst mit großspurigen Renditeversprechen hoffnungsfroh und schockte sie wenig später mit verheerenden Gewinnwarnungen.

„Over-promise and under-deliver“, nennen Angelsachsen solch ein substanzloses Ankündigungsgebaren – zu viel versprochen und zu wenig geliefert. Daimler ist dafür berüchtigt.

Harald Wilhelm weiß das. Der seit Mai 2019 amtierende Finanzchef des Mercedes-Herstellers ist angetreten, um das Vertrauen der Investoren in Daimler wieder zurückzugewinnen. Der 54-Jährige stapelt lieber tief und überrascht dann positiv. Bedingt durch den Dieselskandal misslang dieser Ansatz zwar im vergangenen Jahr. Doch jetzt macht Wilhelm erste Fortschritte.

Am Donnerstagabend um exakt 22:01 Uhr verkündete Daimler in einer Ad-hoc-Mitteilung, dass die Geschäfte besser laufen als prognostiziert. Sowohl der Free Cashflow als auch das operative Ergebnis liegen über den Markterwartungen.

Musste Daimler im zweiten Quartal noch einen Verlust verkraften, konnte der Konzern laut vorläufigen Zahlen nun im dritten Quartal einen Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von rund 3,1 Milliarden Euro verbuchen. Analysten hatten nur mit einem Plus von knapp zwei Milliarden Euro gerechnet. Die Folge: Daimler schreibt nach dem Coronaschock nach neun Monaten wieder schwarze Zahlen.

Auch der Free Cashflow im Industriegeschäft dreht vom Minus merklich ins Plus. Allein im dritten Quartal meldet Daimler einen Mittelzufluss von 5,1 Milliarden Euro. War der Free Cashflow im Halbjahr noch negativ, ist er nach drei Quartalen nun mit 3,5 Milliarden Euro positiv.

Daimler-Aktie legt am Freitag kräftig zu

„Die Resultate des dritten Quartals reflektieren eine sehr starke Leistung und beweisen, dass wir bei der Absenkung der Gewinnschwelle auf dem richtigen Weg sind“, erklärte Daimler-Finanzchef Wilhelm. Viele Anleger reagierten euphorisch auf die guten Zahlen. Der Aktienkurs von Daimler legte am Freitag zwischenzeitlich um 5,5 Prozent zu.

„War das zweite Quartal noch verheerend für die ganze Autoindustrie, lief das Geschäft im dritten Quartal nun besser als befürchtet“, sagte Frank Biller dem Handelsblatt. Insbesondere China sei laut dem LBBW-Analysten „bärenstark unterwegs“ mit einem Absatzplus von mehr als 20 Prozent bei den Premiumherstellern. „Davon profitiert Daimler und konnte sehr gute Zahlen vorlegen“, erklärt Biller.

Es sind aber nicht nur die bessere Marktlage und Glück, die zu der Bilanzpolitur in Stuttgart führen, versichert Arndt Ellinghorst. „Hier machen sich auch die Effizienzmaßnahmen bemerkbar“, konstatiert der Bernstein-Analyst: „Das ist keine Eintagsfliege.“ Das Management habe die fixen, ebenso wie die variablen Kosten erheblich reduzieren können. Die Sparbemühungen in der Mercedesstraße zeigen Wirkung.

Der Konzern will in den nächsten Jahren mehr als 20.000 seiner 300.000 Stellen weltweit abbauen, die Fixkosten und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sollen um ein Fünftel sinken. Ganze Werke stehen zur Disposition. Die Modellpalette wird ausgedünnt und die Varianz bei Verbrennungsmotoren soll bis Ende der Dekade um 70 Prozent reduziert werden.

Gleichzeitig fokussiert sich Mercedes wieder verstärkt darauf, Luxusautos zu bauen. Der Absatz mit margenträchtigen Submarken wie der Sportwagentochter AMG oder Maybach soll in den kommenden Jahren verdoppelt werden. Zudem plant Mercedes eine Stromoffensive. Das Angebot an reinen Elektroautos soll in den nächsten vier Jahren auf mehr als zehn Fabrikate ansteigen, jenes bei Plug-in-Hybriden auf über zwei Dutzend.

Mehr Demut, weniger Show

Bis 2025 strebt die Marke mit dem Stern eine Marge von zehn Prozent oder mehr an. Das wäre ein riesiger Schritt. Schließlich konnte Mercedes in den vergangenen 15 Jahren kein einziges Mal eine zweistellige Rendite erzielen.

Es sei nun unerlässlich, dass der Konzern den eingeschlagenen Pfad konsequent fortsetzt, betont Ellinghorst: „Daimler muss sich vom Ankündigungsweltmeister zum Renditekaiser entwickeln“. Der Kapitalmarktexperte registriert dabei wohlwollend, dass sich die Kultur in Stuttgart mit dem Chefwechsel von Dieter Zetsche auf Ola Källenius im Mai 2019 gewandelt hat. Mehr Demut, weniger Show – so wollen Källenius und sein Finanzvorstand Wilhelm punkten.

Die Strategie scheint allmählich aufzugehen. Der Aktienkurs von Daimler hat sich seit dem Tiefpunkt Mitte März mehr als verdoppelt. Mit 52 Milliarden Euro wird der Autobauer aktuell so gut bewertet wie schon lange nicht mehr. Und viele Analysten sehen weiteres Potenzial nach oben. Der Grund: Daimler rechnet auch im Schlussquartal mit anhaltend guten Geschäften und beabsichtigt, seine Prognose bei der Vorlage der endgültigen Quartalszahlen am 23. Oktober zu aktualisieren.

„Daimler konnte die Bestände bei den Händlern im dritten Quartal um etwa 50.000 Fahrzeuge reduzieren. Dadurch ist es dem Konzern geklungen, sein Working-Capital stark zu reduzieren. Das schlägt sich direkt im Free Cashflow nieder“, erklärt LBBW-Analyst Biller. Er geht davon aus, dass Daimler nun seine Prognose nach oben anpasst und Anlegern „einen Free Cashflow über dem Vorjahreswert in Aussicht stellt“. Das Ebit dürfte dagegen weiter unter dem Vorjahreswert bleiben.

Im vergangenen Jahr lag der Mittelzufluss bei 1,4 Milliarden Euro und das Betriebsergebnis bei 4,3 Milliarden Euro. Gleichwohl betont Biller, dass die Verunsicherung aktuell wieder zunimmt: „In Europa und Nordamerika schießen die Covid-Fallzahlen in die Höhe, die Furcht vor neuerlichen Beschränkungen aller Art wie im Frühjahr greift um sich.“

Autobauer wie Daimler profitieren zudem aktuell von entlastenden Faktoren wie Kurzarbeit, Förderprogrammen für Pkws oder der Reduzierung der Mehrwertsteuer in Deutschland. „Diese Effekte sind nicht von unendlicher Dauer“, warnt Biller und gibt weiter zu bedenken: „Sollte es zu einem erneuten Lockdown in wichtigen Märkten kommen, sind alle Prognosen der Autobauer hinfällig.“